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Periodical volume 20. Juni 1885, Nr. 38

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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Jener ihm vor der Nase weggefischt, für immer bei ihm hängen 
geblieben wären. „Er meint, daß die Pommern scheel sehen, 
weil ich den Irländern Offizier-Gehalt und -Quartier be 
willigt? Was?" 
Der Page schweigt klüglich und wendet den Blick ver 
stohlen lächelnd auf die Soldatengruppe. 
„Hm, was hat er wieder? Heraus damit! Weiß, — 
darf schon ein Wort mehr sagen als ein Anderer." 
„Halten zu Gnaden, Hoheit! Ich denke nur, wie die 
Kürassiere da sich wohl in einem lustigen Reitergefecht aus 
nehmen möchten." 
„Zum Teufel mit Seinein Denken! Wenn Mann und 
Pferd strap'ziren wollt', wie mich und Ihn, sollt's bald schlimm 
genug ausschauen." 
Mit diesen Worten wandte sich der Markgraf ärgerlich 
zur Truppe. „Oder bester!" brummte 
der junge Mann, diesmal aber un 
hörbar ihm nach. „Bei den Riesen- 
Rationen schier auf der Blast, bei 
längeren Märschen die Pferde behut 
sam am Zügel geführt, — hole der 
Kukuk die Reiterei! Mein Alter, Gott 
hab' ihn selig, hätte auch keine 
Freude daran gehabt. Nein, — 
„Mann und Roß soll sind 
Keck wie der Teufel, flink wie der Wind." 
Allmälig wurde der Blick des 
jungen Pagen ernster. Er gedachte 
seines Vaters, der ähnlich wie er 
gefühlt, und den er gleich der Mutter, 
nur zli früh verloren. Als Rittmeister 
kaum erst zum Schwedter Kürassier- 
Regiment kommandirt, war der Vater 
plötzlich dahingestorben, und der fürst 
liche Chef hatte sich des Knaben an 
genommen, der gleich ihm so früh ver 
waist; er gewann den kecken Burschen 
bald lieb und behielt ihn als Pagen 
in seiner Nähe. Etwas Eigenes war 
es freilich um solche Gunst. In ihrer 
Launenhaftigkeit glich sie dem April 
tage; dennoch aber war der Sonnen 
schein markgräflicher Gnade in das 
Herz des Pagen gedrungen und dieser seinem Gebieter treu 
ergeben; nur hatte er bisweilen Mühe, sein allzurasches Wort 
zu zügeln. 
Seine Gedanken allinälig aus die Umgebung zurücklenkend, 
summte Sehdlitz in allerlei Variationen die alte Melodie vor 
sich hin: 
„Rotz und Reiter soll sein 
Keck wie der Teufel, feurig wie der Wein." 
Wenn auch ungehöret, unbeachtet war der Junker nicht. 
Von einem Giebelhaus? der Schloßfreiheit hinter den Vor 
hängen halb verborgen, schaute das frische Antlitz eines 
Mädchens den militärischen Aufstellungen zu; immer aber 
kehrte ihr Auge zu dem Pagen zurück, weiln sie von der 
älteren Dame neben sich unbeachtet zu sein glaubte. 
Stirnrunzelnd bemerkte der Markgraf die müßigen Be 
obachterinnen am Fenster und wendete sich mit schneller 
Schwenkung zu seinem Günstling zurück, ihn kräftig auf die 
Schulter schlagend: „Kennt das faule Volk da? Wie?" 
„Zu Befehl, Hoheit." 
„Mich daran erinnern! Nicht vergeffen!" 
Der Markgraf war sichtlich verstimmt. Hatte er doch an 
der Mannschaft allerlei tadeln müssen. „Wegen des Flinkseins, 
— he! — möcht's 'mal mit Ihm probiren!" murrte er. 
„Zu Befehl, Hoheit!" erwiderte abermals der Junker, 
sich zu straffster militärischer Haltung aufrichtend. 
„Weiß, — hat den Teufel im Leibe mit Seinen Reiter 
künsten! Meint etwa auch, zwischen den Flügeln 'ner Wind 
mühle durchreiten zu können?" 
„Wenn Hoheit befehlen, warum nicht?!" 
Der Markgraf schaute den kecken Sprecher fest an: erst 
kürzlich hatte der Junker das wildeste Pferd der aus den 
litauischen Wäldern eingetroffenen 
Remonten bestiegen und es in der 
That gebändigt. Wie der Wildhüter 
erzählte, hatte er gar den stärksten 
Vierundzwanzigender des Wildparkes 
sich einfangen lassen und war ohne 
Sattel und Zaum auf ihm durch die 
Haide gejagt, bis das stolze Thier 
unter ihm am Boden lag. 
Ruhig hielt der Jüngling den 
prüfenden Blick seines Gebieters aus. 
„Es schwebt noch eine andere Wette, 
Hoheit," sagte er. „ Wer sich beim 
Durchgehen der Pferde am besten 
aus dem Wagen zu retten vermag, 
hat gewonnen." 
„Weiß! Kann gleich zum Aus 
trag gebracht werden. Hab' ohnehin 
die Inspektion satt- Bin neugierig 
auf Seine Flinkheit. Komm' Er, 
Junker!" 
Mit kurzem Gruß verabschiedete 
sich der Markgraf von den Offizieren 
und kehrte, nur vom Pagen begleitet, 
in den Schloßhof zurück. 
„Die neuen Litauer vor den 
Jagdwagen, — den alten," herrschte 
er den Stallmeister an, der ehr 
erbietig ihm entgegentrat. „Wird doch in tausend Stücke 
gehen!" 
„Halten zu Gnaden, königliche Hoheit, die Thiere sind 
noch nicht gefahren." 
Zornig schaute der Markgraf den Kühnen an, der, eine 
unerhörte Keckheit, ihm zu widersprechen wagte, und die Zorn 
ader schwoll bedenklich auf seiner Stirn. „In einer Viertel 
stunde Wagen vorfahren!" rief er. „Verstanden?" 
Der Stallmeister kannte die Anzeichen kommenden Sturmes 
zu genau, um weiteren Widerspruch zu wagen; er blickte nur 
bittend auf den Junker. 
„Es ist nur die Sorge um Eure Hoheit," suchte Sehdlitz 
den Fürsten zu begütigen. 
„Was Hoheit! Meint auch wohl, daß mit meinen sechs 
unddreißig Jahren auf dem Nacken nicht mehr so flink, wie 
Er? Was? (Fortsetzung folgt.) 
Grigmalstudie Mryrrheim's 
zu dem Bilde der Schützenkönig.
        
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