Path:
Volume 6. Juni 1885, Nr. 36

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

526 
nicht wenig, wie Er den Daniel 1 ) erblickte. „Umb des Himmels 
willen", sagte Er, „dieser Mensch ist auf der Straße nicht einen 
Augenblick sicher." Dem Daniel wurde auf diese Rede Angst und 
Bange; wir waren in Sorge, was zu thun: Endlich wurde rcsol- 
viret, ihn auf die Spanische Wolle-Kammer y zu verstecken, über 
welche Herr Lange zu gebiethen, und weil den Domestiquen nicht 
zu trauen sei, wurde Ihm von der Frau Langen das Eßen durch 
eine sehr alte Frau, auff die sie sich verlaßen konte, übersendet, 
und wir besuchten Ihn alle Tage aus einige Augenblicke. 
Diese Ghurf. Branden!,. Residenz ist Evangel. und Refor 
miere, Religion, doch sind die erstern an der Zahl ungleich stärker, 
und kann nunmehro mit recht unter die allergrößten, wohl ge 
bautesten und schönsten Städte in Deutschland gezählt werden. 
Sie ist, wie Ihnen sattsam bekannt, autz folgenden Städten, die 
ich Ihnen wiederumb ins Gedächtniß bringen will, zusammen 
gesetzet: alß Berlin, Cöln an d. Spree, Ronigs-Statt, Friedriclis- 
Stadt, Friedrichswerder und Neustadt. Seit etlichen 30 Jahren 
hat sie an Häusern und Menschen sehr zugenommen, welche Ver 
mehrung lediglich den Reforrnirten Flüchtlingen auß Frankreich, 
wie auch den Colonieen der Böhmen, Hessen, Pfälzer und andrer, 
die sich hier niedergelasien, zuzuschreiben; welches man am besten 
an den Todten-Listen wahrnehmen kan, indem gleich zu Anfang 
des itzigen Jahrhunderts etwa 1000, im Jahr 1730 aber bereits 
über 3000 Menschen gestorben seyn sollen. Ferner sind auf Kön. 
Kosten ganze Straßen in der Friedriehs Stadt biß auf das Feld 
hinauß gebaut worden, obgleich die mehrsten derselben annoch leer 
stehen und auf Einwohner warten, da sie indeßen von Soldaten 
bewohnet werden. Damit aber diese erst angelegte Friedrichs- 
Stadt mit der Reustadt eine Oommunication haben möchte, so hat 
der König ohnweit dem Eingänge in die Linden Allee querfeldein 
durch die Häuser hindurch brechen und also eine neue Straße ! 
machen lasten, da denn durch diesen König!. Einfall denen gutten 
Leuten ihre Häuser nicht wenig versudclt und unbrauchbahrcr ge 
macht worden?) 
Sonst sind die Straßen sehr breit, Wohl gepflastert, und 
regulmäßig angelegt, auch mit Laternen-Säulen zur nächtlichen Er 
leuchtung nicht sparsam besetzet. Die volcksreichste ist die lange 
Königs Straße, die also genannt, weil Friedrieh der I. nach der 
Krönung durch dieselbe seinen Einzug gehalten, und durch diese 
passiret man auch, wenn man von Francfurt kommet. 
Das Quartier Berlin zeiget uns schöne Häuser, als: das des 
ehemahligen Oberstallmeisters Grasens v. Wartenberg 4 ) so an 
sitze dem Staatsminister V. Ratseh gehöret, item das General 
von Grumkausche Palais 5 ), ingleichen das ansehnliche schöne Post- 
Hauß. Von dieser König Straße komt man in die Kloster- Spandauer 
und Juden-Gaßen. In der ersten ist das König!. Lager-Hauß, 
od. Holländische Manufaetur - Tuch - Hanß, ein weitläusttiges und 
massives Gebäude, Worinnen vor die Regimenter feine und geringe 
Tücher gearbeitet werden. Zu den großen Magazinen und Vor- 
>) Der Vater des Reisenden hatte ihm einen besonders großen und 
kräftigen jungen Schlesier als Diener mitgegeben, ohne daran zu denken, 
wie sehr man, besonders in den Residenzen, auf große Leute für die Pots 
damer Garde fahndete. 
0 Das heutige Lager-Haus in der Kloster-Straße — ehemals Kur 
fürstliches Schloß — diente damals der Tuchfabrikation, welche man 
durch von den Niederlanden herberufene Meister hier einzuführen bemüht 
war. Da aus den hiesigen Wollen ein irgend feines Tuch nicht herzu 
stellen war, so mußte dazu die Wolle aus Spanien bezogen werden, bis 
— besonders unter Friedrich dem Großen — die Veredlung der Schaf- 
heerden aus den Rittergütern die Produktion der feineren Wolle im Lande 
ermöglichte. 
3 ) Cs sind die Schadow- und die Neustädtisch« Kirchstraße gemeint. 
4 ) Alte Post, Königstraße 1. 
5 ) Jetzt Ober-Post-Direktion in der Königstraße. 
raths-Kammern gehet man auf steinernen Treppen, die oberwärts 
mit starken eisernen Doppelthüren verwahret sind, worinnen die 
Vorräthe und Zugehör von Tücher, Flanellen pp. biß an die 
Decken aufgehäuffet liegen. Jngleichen sind hier die zwey schöne 
Häuser des General du Vaine und des Staats Ministers von Kreutz?) 
Die andre ist die Juden-Gaste, so auf den Molken-Marckt stößet. 
Hier sind die Gold und Silber Fabriquen und der schöne 
Schwerinsche Palast?) Die Lpandauer und die heilige Geist 
Straßen sind ebenfalls ansehnlich und bestehen aus wohlgebauten 
Privat-Häusern. Auf dem Damm, ohnweit des Königl. Schloß 
erblickt man das vortrefliche Palais des Baron von Vernesohre 11 ), 
der durch den Aetien-Handel unter dem Regent Philipp bonFranck- 
reich eine große Summe Geldes erworben, sich damit in Berlin 
niedergelaßen und schöne Gutter an sich gekaufft. Sein Groß 
vater war ein Französischer Refugier in Königsberg. Auf der 
steinernen Brücke über die Spree, die von der Königs Straße nach 
dem Schloß Platze führet, steht die Bildsäule des Großen Ghurf. 
Friedrich Wilhelms zu Pferde. Sein Sohn Friedrich der erste 
König in Preussen hat ihm dieselbe setzen und durch sein Ober- 
Hoff-Marschall Grafen von Lottum in Gegenwart des Hofes und 
des Stadt Magistrats solenniter einweihen laßen. Diese Statue 
ruhet auf einem hohen Fußgestelle von weißen Marmor, an deßen 
Wänden 4 Sclaven mit Feßklu angeschloßen liegen und von 
Metall in Lebensgröße gegoßen sind. Der Churfürst sitzet eben 
falls in Lebensgröße mit einem Römischen Habit den Regiments- 
Stab in der Hand zu Pferde. Dieses prächtige Denckmahl von 
Metall hat ein berühmter Künstler Jacobsen, (Jacobi) aus der 
Schweiz gebürtig, verfertiget und es wird von allen Kennern vor 
ein sehr großes Kunst und Meisterwerk dieser Art gehalten. Auf 
dem Molcken Marckt steht die Statue Friedrichs des I. zu Fuße, 
die Er sich selbst verfertigen laßen, die der jetzige König nach seines 
Vaters Tode auszusetzen befohlen hat.») 
Das Königl. Schloß der Dohm-Kirche gerade gegenüber ist 
ein über die maaßens prächtiges Gebäude und dabey sehr hoch 
»ach Gothischer Bauart. >°) Die Wände der Vorder-Mauern sind 
8'/, Fuß dicke. Seit 1699 Haben 3 Baumeister daran gearbeitet. 
Schütter (Schlüter) ein Schweizer (?), Eosander, l>) ein Schwede 
6 ) Das jetzt geräumte Gewerbe-Institut. Ursprünglich den Kur 
fürsten gehörig, wurde es von Johann Cicero als Burglehen verliehen; 
später diente es zum Kadetten-Wohnhaus, bis es, durch den Brand des 
Lagerhauses sehr beschädigt, vom Könige Friedrich Wilhelm dem Staats 
minister von Kreutz, der es neu erbauen ließ, geschenkt wurde. Zu Nicolais 
Zeit war es der „gräflich Henkesche Pallast." 
’) Das Schwerin'sche Palais ist das bisherige Kriminal - Gerichts- 
Gebäude auf dem Molkenmarkt. Der Staatsminister Otto von Schwerin 
hatte es 1698 gekauft, und nach Bodts Angaben bis 1704 ausbauen 
lassen. Aus dieser Zeit stammt das sehr schöne eichene geschnitzte Treppen 
geländer. 1765 erwarb das Haus die Königliche Tabacksadministration. 
8 ) Heut Post-Straße 16, das später dem Münzmeister Ephraim ge 
hörige auch „großes Judenhaus" genannte Gebäude. 
») Der König hatte 1728 nach einem vorhandenen Schlüterichen 
Modell auf dem Molkenmarkte das Standbild Königs Friedrich I. auf 
stellen lassen. Beabsichtigt war dasselbe in Marmor oder Erz schon lange; 
Sparsamkeitsgründe und Alangel an geeigneten Künstlern hatten indessen 
die Ausführung lange verschoben, bis zu einem Besuch« des Russischen 
Zaar der König das Standbild, aber nur in — Gyps ausführen ließ. 
Unser Reisender sah es dort noch; bald mußte es des undauerhasten 
Alaterials wegen entfernt werden, wobei der Name „Königsmarkt", der 
dem Molkenmarkt beigelegt worden war, auch wieder verschwand. (Anm. 
d. R.: Dies ist nicht ganz richtig; die Figur Friedrichs I. war gegosten; 
nur die Sklaven hatte man in Gyps ausgeführt.) 
'") Der junge Herr Doktor hat damals noch wenig von „Styl" 
gewußt; das alte Schloß war nicht „gothisch", sondern im „Renaissance- 
Styl" gebaut. 
>>) Ist Eosander von Göthe gemeint.
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.