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Volume 6. Juni 1885, Nr. 36

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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mütterlichen Freundin niederwerfend, barg sie laut auf 
schluchzend das Antlitz in deren Schooß. 
War das noch das stolze Mädchen von einstmals, das 
da die Frage hervorstammelte, ob Erich Gunthart todt sei? 
„Nein, Gottlob geht es ihm ein wenig besser! Eberhard 
schrieb mir heute, die Krisis sei vor einigen Tagen eingetreten, 
der Arzt hoffe auf baldige Genesung," entgegnete Frau Delius, 
sanft über das blonde Haar der Weinenden streichend. 
Diese Nachricht schien Editha neu zu beleben. Sie faßte 
sich und sagte: „Wenn er stürbe, — wie sollte ich das Leben 
ertragen! Ich habe sein Schicksal verschuldet — es giebt 
keine Vergebung für mich." 
„Erich Gunthart erholt sich wie durch ein Wunder," 
schrieb Eberhard einige Wochen später an seine Frau nach 
Berchtesgaden, und die Krankheit scheint von günstigem Ein 
fluß auf ihn gewesen zu sein, denn von seiner menschenscheuen 
hervorzutreten. Er hat natürlich sofort jede Beziehung zu 
den Leuten abgebrochen und eine andere Wohnung bezogen- 
Ich habe ihm versprochen. Dir dies Alles gleich zu schreiben, 
kam aber in den letzten Tagen nicht dazu. Noch eins, was 
die Mutter interessiren wird. Gunthart fragte mich, ob ich 
nicht den Aufenthalt des Fräulein von Arnhoff kenne? Da 
er bisher niemals ihren Namen über seine Lippen gebracht, 
überraschte mich das. Besteht denn noch irgend eine Be 
ziehung zwischen den beiden?" 
Frau Eberhard hatte kaum den Brief ihrer Mutter vor 
gelesen, als diese sich schon erhob, um die neue Nachricht zu 
Editha zu tragen. 
Diese saß indeffen an demselben Vormittag lesend auf 
einem einsamen Platz des Gartens, als nahe Schritte sie auf 
blicken machten. Alles Blut wich ihr aus dem Antlitz. War 
es Täuschung der Sinne? — Der Herr, der da auf sie zukam, 
Ärandrnlmrgtschrr Postplg im XVI. Jahrhundert. 
(Aus: „Das Buch von der Weltpost" von O. Beredarius, Verlag von Hermann I. Meidinger in Berlin.) 
Hypochondrie ist nichts mehr an ihm zu merken, im Gegen 
theil athmet sein ganzes Wesen hoffnungsfreudige Zuversicht. 
Ich bin ihm gegenüber tief beschämt, denn auch wir haben 
ja leider, leider an dem Menschen gezweifelt und jenen Ge 
rüchten Glauben geschenkt, die über ihn in Umlauf waren, 
und die sich jetzt als schändliche Lügen erweisen. Er selbst 
hat in seiner Weltfremdheit und Arglosigkeit keine Ahnung 
von der Intrigue gehabt, in die er eingesponnen war. Sein 
Hauswirth, der Vater jenes Mädchens nämlich, hat selbst 
das Gerücht verbreitet, wahrscheinlich, um seine Schänke, die 
nur wenig Zuspruch fand, in Aufnahme zu bringen, und er 
irrte sich nicht, denn ganz München ging, das hübsche Schänk- 
mädchen zu sehen, das des berühmten Dichters Geliebte sein 
sollte. Diese selbst aber hoffte wohl das Gerücht zur Wahr 
heit zu machen, und nachdem sie Gunthart während der 
Krankheit gepflegt, betrachtete sie ihn schon als sichere Beute 
und scheute sich nicht, offen mit dem Anspruch auf seine Hand 
war Erich Gunthart. Und bevor sie Zeit gehabt, irgend 
einen Gedanken zu fassen, stand er schon vor ihr, die nun 
von der Bank emporschnellte, und sah sie an, als weide er 
sich an dem lang entbehrten Anblick ihrer Züge. 
„Editha!" kam es endlich leise über seine Lippen. 
Unfähig nur ein Wort hervorzubringen, wandte sie in 
ihrer großen Verwirrung sich ab. 
„Nein, wenden Sie sich nicht von mir," sagte er ernst. 
„Aug' in Auge laffcn Sie uns heute Wahrheit tauschen." 
Sie hob die Wimpern und blickte ihn an, und wie sie 
nun die tiefen Spuren bemerkte, welche die Krankheit in sein 
Antlitz gegraben, da trat wieder in schreckensvoller Deutlichkeit 
jenes einsame Lager mit der reglosen Gestalt, das bleiche 
Haupt, das schon der Tod berührt zu haben schien, vor ihre 
Seele, daß sie. Alles Andere vergcffend mit einem tiefen 
Seufzer ausrief: „Gott sei Dank, daß Sie genesen sind." 
(Fortsetzung folgt.)
	        
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