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Volume 6. Juni 1885, Nr. 36

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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Editha hatte die Hand schwer auf den Schänktisch gestützt, 
als habe sie Mühe sich aufrecht zu halten. War es der Frauen 
name, der ihr plötzlich die Fassung zurückgab? — Ehe der 
Erstaunte wußte wie ihm geschah, hatte sie sich mit stummem 
Neigen des Kopfes umgewandt, und das Zimmer verlasten. 
Nun war sie wieder draußen auf der Straße wo sie wie ge 
jagt einige Schritte vorwärts stürzte, um gleich darauf still 
zu stehen, die Hände auf das pochende Herz prcstend. Ob ihr 
dieses eine andere Weisung ertheilte, wie Schreck und Grauen, 
die sie flüchtig von hinnen getrieben? Festen Schrittes kehrte 
sie den Weg zurück, den sie eben gekommen, ging von Neuem 
in das Haus und stieg die Treppe hinan. An einer Thür 
des schon ziemlich dünkten Oberflurs fand sie eine Visitenkarte, 
auf der sie mit Mühe Gunthart's Namen entzifferte. Nur 
einen Moment zögerte sie noch, dann drückte sie die Klinke 
nieder und öffnete die Thür. 
Sie betrat ein weites Gemach, in deffen Tiefe schon das 
Zwielicht des Abends lag. Die hohen Bücherregale an den 
Wänden, der von Papieren bedeckte Schreibtisch waren von 
dichtem Staub bedeckt. Mit einem traurigen Blick die Ver 
wahrlosung dieser Stätte gewahrend, schritt Edith auf die 
halb offene Thür eines zweiten Zimmers zu und stand gleich 
darauf vor einem einsaincn Lager. In der kleinen Schlaf 
stube, die sie betreten, befand sich Niemand, als die bleiche 
Berliner Straßennamen. 
Ueber die Benennungen der Straßen Berlins liegt die Arbeit eines 
Berliner Schriftstellers so gut wie abgeschlossen vor; sie soll voraussicht 
lich demnächst in de» Schriften des hiesigen Geschichtsvereins zur Ver 
öffentlichung gelangen. Wenngleich der Inhalt derselben noch nicht be 
kannt gegeben, so glaubt man doch annehmen zu dürfen, daß es sich dabei 
nicht allein um die Erklärung älterer Namen handelt, deren Bedeutung 
unserer Zeit schon verloren gegangen ist, sondern auch um die Einwirkung 
auf ein streng systematisches Vorgehen bei der weiteren Wahl von 
Straßennamen für die in Bälde oder in der späteren Zukunft noch um 
zutaufenden oder neu zu taufenden Verkehrsadern.. 
Einer der ersten Mitarbeiter des „Bär", der verstorbene Wilhelm 
Petsch, hat im Jahrgang 1878 dieses Blattes in alphabetischer Ordnung 
eine große Zahl der früheren Straßennamen erläutert. Es ging daraus 
hervor, daß die Hollmannstraße beispielsweise früher Husarenstraße hieß, die 
kl. Kurstraße Schustergasse, der Belle-Alliance-Platz das „Rondel", der 
Leipziger Platz das „Achteck", der Pariser Platz das „Quarre", die kleine 
Stralauerstraße die „Paddengaffe", die Blumcnstraße die „Lehmgaffe". 
Handelt es sich bei diesen Namen tim Ersatz einer Bezeichnung, die ent 
weder durch den Zufall herbeigeführt oder die trotz frühzeitiger Ein 
bürgerung eine Legitimation, eine rechtliche Begründung meist nicht besaß, 
so sollte man meinen, daß auch heute dem Nichts im Wege stehen sollte, 
Benennungen, die mit der Zeit sinnlos geworden sind oder historisch uns 
Nichts sagen, zu beseitigen und an ihre Stelle solche zu setzen, die der 
Gegenwart mehr entsprechen und zu der Stadt und ihrer Entwickelung 
irgend eine berechtigte Beziehung auszuweisen haben. Der Hinweis auf 
einige früher vollzogene Umwandlungen der Straßennamen kann freilich 
deshalb nicht ohne Weiteres als maßgebend aufgestellt werden, weil die 
Grundstücks- und Hypothekenverhältnisse der Neuzeit derartige Operationen 
— sobald sie nicht unbedingt nöthig sind — aus praktischen Rücksichten ver 
bieten. Man entsinnt sich, daß vor einiger Zeit der Antrag, die Acker-, 
Berg- und Gartenstraße in Virchow-, Richter- und, wenn wir uns recht ent 
sinnen, Löwestraße umzuwandeln, von den Behörden lediglich aus derarti 
gen praktischen Gründen nicht genehmigt werden konnte, wiewohl die 
dauernde Beurkundung der Thatsache, daß vor zwanzig Jahren Acker, 
Garten und Berg hier noch die Nächstliegenden Begriffe ivaren, schwer 
lich an Bedeutung der Werthsteigerung der Grundstücke in Folge der 
Umtaufe das Gleichgewicht halten kann. Wilhelm Petsch sagt in 
seinem erwähnten Aufsatze sehr richtig, daß die Benennung der Straßen 
reglose Gestalt des Kranken, der mit geschloffenen Augen da 
lag. Sie starrte auf das abgemagerte Antlitz, auf die weißen 
Hände, die da so unbeweglich auf der Bettdecke ruhen, nieder 
— beiilah so bleich wie Erich Gunthart selbst — sie hält den 
Athem an — lebt er noch? Nein — nein — er ist schon 
hinüber in das Reich des Schweigens, von wo nur das eine 
Wort zu ihr herabtönt: „zu spät." In unendlicher Qual preßt 
sie die Hände ineinander; ihr ist, als ob ihr die Brust zer 
springe, sie möchte sich Lust machen in wildem Aufschluchzen, 
doch der Todte hält sie im Bann — lautlos am Bctte nieder 
sinkend neigt sie sich tief über das stumme Gesicht. — Geht 
es da nicht wie ein Lächeln über seine Züge? Hebt nicht ein 
schwacher Hauch die Brust? — Oder täuscht sie das gewaltige 
Pochen des eigenen Herzens? — Nein, er lebt! Ein zitternder 
Schrei kommt über ihre Lippen und der Kranke schlägt die 
Augen auf. Traumselig lächelnd, als müffe sie da an seinem 
Bette knieen, sieht er sie an. Und sie ihn — reglos verharrt sie- 
Sie denkt nicht mehr daran, daß dies eingesunkene Antlitz un 
schön ist, sondern plötzlich offenbaren sich ihr die geheimnißvollen 
Erkennungszeichen des Geistes, und sie versteht seine Sprache. 
Nehmen die Züge nicht jetzt einen unruhigen Ausdruck 
an? Die Stirn umwölkt, der Mund öffnet sich wie zum Reden. 
Editha, aufgeschreckt aus ihrer Selbstvergcssenheit, erhebt sich 
schnell; sie will ihm zuvorkommen, ihm sage», wonach sie sich 
nicht von dem zufälligen Besitz abhängig sein dürfte, daß vielmehr die 
selben ihre Bezeichnung erhalten müssen von großen Männern und 
von großen Thaten, die zu der Entwickelung der deutschen Reichs 
hauptstadt in irgend einer ersichtlichen Beziehung stehen und gewisser 
maßen in ihrer Gesamintheit die geschichtliche und culturelle Entwickelung 
Berlins repräsentiren. Hinterher ist so etwas natürlich nicht zu erreichen. 
Jnr Princip ist es vielleicht auch ein wenig zu weit gegriffen und es 
kommt sicher weniger darauf an, jetzt unter großen Schwierigkeiten 
Remedur für eingewurzelte Fehler treffen zu wollen, wie weit mehr in der 
Zukunft vorzuschauen. Warum findet man Körner nahe der Pots 
damerstraße, Arndt dicht vor der Bockbrauerei und Schlegel und Tieck 
bei der Jnvalidenstraße? Bezeichnungen wie Spittelmarkt, Molken 
markt, Stallschreiberstraße, Jüdenstraße, Neuer Markt sind heute 
schon ziemlich unverständlich; oder ist es eine Ehrenerinnerung, daß auf 
den genannten Märkten ein „Spittel" gestanden hat oder daß im 
XV. Jahrhundert die Milch aus der Umgegend hier verkauft wurde? — 
(NB. die alte Hospitalstraße heißt heute Auguststraße). Man hätte mit 
demselben Rechte den Hammelmarkt, die Bollengasse oder den Hunde - 
markt conservire» können, was bekanntlich aber nicht geschah. Ist es 
ferner etwas lverth, heute noch durch eine Straße die Erinnerung an 
einen Stallschreiber (!) zu erhalten, der seit Generationen nicht mehr 
existirt? Dann hätte man auch den „Haidereuter" verschonen müssen, 
der nachher in einen „Joachim" modernisirt wurde. Wohnen heute in 
der Jüdenstraße ausschließlich noch Juden? oder ist der Neue Markt 
heute noch ein Neuer Markt? Wodurch ist dieser Gegensatz bedingt, so 
lange nicht etwa der Molkenmarkt — denn dieser könnte es wohl mit 
Recht — den Namen Alter Markt führt? 
Ohne hier mit direkten Vorschlägen vorgehen zu wollen, sei darauf 
hingewiesen, daß auch die neuen Straßenzüge sehr oft ohne Beziehung 
zu ihrer Umgebung und ohne ersichtlichen Grund Namen erhalten, die 
nicht gerade so sehr naheliegend erscheinen, während anderseits eine Reihe 
von Männern, die hochverdient um die Stadt Berlin sind, einer derartigen 
Anerkennung harren. In jedem neueren Stadtviertel, das an ein etwas 
älteres grenzt, wird man Beispiele für den ersterwähnten Fall selbst aus 
findig machen können; hier ist es jedenfalls zweckmäßiger, ein systematisches 
Vorgehen fürderhin zu empfehlen und gleichzeitig solche Männer namhaft 
zu machen, die eine Berücksichtigung dabei verdimen. Wozu haben wir 
Gipsstraße, Ziegelstraße, Rosmaringasse u. s. w. Niemand natürlich wird 
sich dabei auf den Standpunkt der Franzosen stellen wollen, die in 
kindischer Weise alle fünf Jahre je nach dem zeitigen Regiment ihre 
Straßen und Plätze nach conservativen neutralen oder revolutionären
	        
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