Path:
Periodical volume 30. Mai 1885, Nr. 35

Full text: Der Bär Issue 11.1885

518 
die nich wißbejierjen Kinderkens in de Schule zu jagen, indem 
man ihnen die Altcrnatiefe stellt, entweder ihre Pflicht zu Vhun 
oder zu drinken. 
Den Drei-Männcrwein. Wenn diesen Traubensast een 
Mann jcnießen soll, so müssen ihm zwee andere halten. 
Den Maskenwein. Diese interessante Feuchtigkeit ist jut 
zu benutzen, bevor man im Winter ui die Redoute jeht, indem 
man solche Jesichter danach schneidt, daß einen keen Mensch er 
kennen kann. 
Den Telegraphen wein. Wenn man von diesem Labetrunk 
einen Droppen uf das Pflaster der Dorotheenstraße jießt, so schlägt 
der Berliner Telegraph die Hände übern Kopp zusammen und 
drückt die Worte: Jott, wie wird mich! bis Cöln aus. 
Den Kriminalwein. Wenn man zwölf Flaschen dieser 
moralischen Sorte in ein Jefängniß legt, so jestehen am Dage 
sämmtliche Verbrecher. 
Jedenfalls hatte der Verfasser dieser „Berliner Weinkarte" 
keine historischen Studien über Weinbau getrieben und bewährt 
sich auch hier wieder das gute alte Sprüchwort: „Berlin ist weit 
besser, als sein Ruf!" (Anm. d. R. Glasbrenner war Humorist). 
Heut erinnern nur noch 3 Straßenbezeichnungen: Wein-Straße, 
Weinmeister-Straße und Weinbergsweg an den einst so bedeutenden 
Weinbau unserer Stadt, und mancher Berliner, welcher jetzt in den 
Weinstuben den Wein vom Rheine und der Mosel schlürft, oder 
sich anderen Ortes am ungegipsten französischen Naturwein ergötzt, 
denkt mit Trauer an die schöne Zeit zurück, in welcher es unsern 
Vorfahren vergönnt war, Berliner Wein von ganz vortrefflichem 
Geschmack das Quart für 12 Pfennige trinken zu können. — 
Äas ehemalige Hochgericht in der — Oranienburgerstralre? 
Eine Klarstellung von Lerckmanis Meyer. 
(Mit Situationsskizze auf S. 616.) 
Eine der irrigen Annahmen, welche sich bis jetzt in der Ge 
schichte Berlins unangefochten erhalten, ist die, daß das zweitältcste 
Hochgericht mit dem Rabenstein an der heutigen Oranienburger- 
straße sich befunden habe; und zwar hinter den Grundstücken Nr. 24 
bis 27, über welche später die Krausnickstraße angelegt wurde. 
Fidicin sagt: „Jenseits der heutigen Hamburgerstraße, am 
Spandaucr Wege, begann das Terrain, welches hinter dem Hause 
Oranienburgerstraße Nr. 24 noch heute (1843) der Schinderberg 
genannt wird, und einst zum Gerichtsplatz gedient zu haben 
scheint. Im 17. Jahrhundert befanden sich hier ein Weinberg 
und ein Vorwerk; hinter demselben begann die Hasenhaide." 
Und weiter: „Erst nachdem durch die im Jahre 1658 unter 
nommene Fortisikation des alten Stadttheils Berlin die nächste 
Umgebung der Spandauer Heerstraße verändert ward, erhielt die 
Oranienburgerstraße, durch welche jene Landstraße hinführte, mehr 
Leben, indem das Vorwerk der Kurfürstin Luise (Monbijou), der 
nachherige Rolle'sche Krug (spätere Packhof) und andere Wohn- 
resp. Wirthschaftsgebäude entstanden. Aber noch immer behielt 
diese Straße das Ansehen eines Heerweges, bis seit demJahre 
1694 die an demselben gelegenen Vorwerksbesitzungen 
als Baustellen ausgegeben wurden, und aus Befehl des 
Kurfürsten im Anfang des vorigen Jahrhunderts die Viehhalter 
außerhalb der älteren Stadttheile sich anbauen mußten. Der zur 
rechten Hand gelegene Weinberg, auch Schinderberg 
genannt, wozu die Häuser Nr. 24 bis 27 der Oranienburgerstraße 
noch gehören, wurde nebst anderen Privatgärten zum 
Theil als Baustellen veräußert." 
Letzteres hätte schon der Annahme widersprechen müssen, daß 
das Hochgericht sich hier befunden; denn dasselbe wurde erst Aus 
gangs des Jahres 1701 in dieser Gegend errichtet, als mit 
Anlegung der Pallisaden um die erweiterte Stadt das älteste Hoch 
gericht mit dem Rabenstein aus dem Schnittwinkel der Weber 
und Franksurterstraße, an deren Vereinigung das Frankfurter Thor 
entstand, beseitigt werden mußte. Und sodann konnte doch der 
qu. Weinberg, als vermeintlicher „Schinderberg", nicht bebaut 
werden, weil das neue Hochgericht noch Jahrzehnte später zu 
Exekutionen benutzt wurde. 
Nach dieser Voraufschickung wollen wir die Kabinets-Ordre 
König Friedrichs des Ersten, vom 14. Juli 1701, welche sich über 
die Erbauung des neuen Hochgerichts verbreitet, näher ins Auge 
fasien. 
Es heißt in derselben, daß das „neue Gericht vom Spandow- 
schen Thore, diesicits der Haasenheyde zur rechten Hand des 
Hamburgischen Weges (von der Haide aus), auf dem daselbst 
! „unbrauchbaren Sandthügel" aufgerichtet, und dabei zugleich 
ein „Chavot“ erbauet werden solle." 
Das Plateau dieses Sandhügels aber erhob sich, wie aus 
der beigegebenen Situations-Skizze des Fidicin'schen Planes von 
Berlin, 1640 und 1842, ersichtlich, auf dem Damm der heuti 
gen Auguststraße, zwischen der Kleinen Hamburger- und 
Artilleriestraße. Das Hochgericht stand also auf den heu 
tigen Grundstücken Nr. 69 resp. 70 der Auguststraße. 
Jenseits desselben dehnte sich die Berlinische Hasenhaide hinter der 
heutigen Luisenstraße aus. 
Demgemäß führte auch der Weg von der Spandauer Heer 
straße (Oranienburgerstraße) nach dem Hochgericht die Benennung 
„Armesündergäßchen". Fidicin nimmt zwar an, daß dieser 
Name von dem „Armensünderhäuschen" oder Thürmchen entlehnt 
sei, welches erst 1708 auf dem Koppe'schen Armenhaus (August 
straße Nr. 59) zur Aufbewahrung der Körper verunglückter Per 
sonen erbaut worden; doch dürfte wohl die Priorität dem älteren 
Hochgericht, dessen wirkliche Lage unserem Fidicin nicht bekannt 
war, einzuräumen sein. 
Als dasselbe dann vor das Hamburger Thor, zwischen Garten- 
und Bergstraße verlegt worden, erhielt das „Armesündergäßchen" 
den Namen „Armenstraße", nach rem vorerwähnten Armenhaus; 
und als dasselbe sich zu einem Hospital für 21 alte hülssbedürftige 
; Personen umgestaltet hatte, wurde die „Armen"- zur „Hospital 
straße", bis sie endlich um das Jahr 1840 ihre noch heutige Be 
nennung „Auguststraße" erhielt. 
Auf diesem Hochgericht endeten auch der Betrüger und Ma 
jestätsverbrecher Clement und der Schloßkastellan Runck, sowie 
der Hofschlofser Stieff. Beide hatten die Schränke des Königs, 
das Münzkabinet und schließlich den Tresor im Schlosse um 10000 
Thaler bestohlen. Ihre Hinrichtung erfolgte, nach vorausgegangener 
Tortur mit Daumschrauben und spanischem Stiefel re., am 8. Juni 
1718. Runck wurde zunächst mit glühenden Zangen gekniffen, 
dann in Gemeinschaft mit Stieff von unten herauf gerädert und 
mit Ketten in dem Galgen aufgehängt. Die Frauen der beiden 
Miffethäter mußten der Exekution beiwohnen, warfen sich aber ver 
zweiflungsvoll dem Prediger Andreas Schmidt zu Füßen, 
welcher mit seinem Mantel die Unglücklichen bedeckte und ihnen so 
den schrecklichen Anblick entzog. 
Dem blutigen Schauspiel in der so oft gepriesenen „guten 
alten" Zeit wohnten gegen 60 000 Zuschauer bei. 
Im Märkischen Museum befindet sich ein Sandstein-Relief, 
welches ehedem das Wirthshausschild „zum schwarzen Adler" in 
der Oranienburger-Straße Nr. 13 und 14 bildete. Es stellt ein
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.