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Volume 30. Mai 1885, Nr. 35

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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mehr als 2 Tonnen" Land wein. Der dritte Stand durfte über 
haupt nur Bernauisch Bier trinken. 
Noch strenger war die Polizei-Ordnung vom 1. Januar 1604, 
welche dem ersten Stande nur ,,-inerlei" Wein bei Strafe von 
5 Thaler im Uebertrctungsfalle und dem zweiten und dritten 
Stande nur Bier „ohne" Wein erlaubte. 
Aber nicht nur durch derartige Gesetze, sondern auch durch 
andere Bestimmungen wurde der hiesige Weinbau befördert. Der 
kurfürstliche Hof trank vornehmlich Landwein und die in den kur 
fürstlichen Weinbergen gewonnenen Weine kommen ausschließlich in 
die Kellereien für die Tafel, gewiß auch ein Beweis dafür, daß 
der Berliner Wein sich mit dem Rheinweine, welch letzterer im 
Mittelalter „theologischer" genannt wurde, messen konnte. 
So wurde z. B. bei der Huldigung zu Brandenburg am 
1. März 1598 für 89 Thaler 2 Groschen Rheinwein und für 
182 Thaler 9 Groschen Landwein verzehrt. Und dieser Wein 
wurde nur vom Kurfürsten und den vornehmsten Staatsbeamten 
getrunken, denn cs war in damaliger Zeit nicht Sitte, dem soge 
nannten „Unterhofstabe" Wein zu verabreichen, denn dieselbe 
Rechnung weist für diese Beamten die Ausgabe von 229 Thaler 
17 Groschen für Ruppiner, Zerbster u. a. Biere nach! — 
Auch Kurfürst Johann Georg liebte den Landwein mit Kräutern 
vermischt. Er trank denselben Morgens und Mittags nach einem 
Rezepte, welches sein Leibmedikus, Leonhard Thurneißer, verfaßt 
hatte. — 
Am Meisten für den einheimischen Weinbau war jedoch Kur 
fürst Joachim Friedrich thätig. Nicht genug, daß er für den Ver 
brauch des Landweines, wie schon vorerwähnt, sorgte, er erließ 
auch für die Pflege der Weinberge ein sehr merkwürdiges Gesetz: 
„Die Weinmeisterordnung, äs äuto Cölln an der Spree, in 
den Weihnachtsfeicrtagen 1604." 
Dieselbe ist so wenig bekannt und gerade für die ganze Zucht 
des Weinstocks, wie noch heut' in den Weingegenden gebräuchlich 
ist, so von Interesse, daß ich mir nicht versagen kann, dieselbe 
ziemlich vollständig wiederzugeben. Dies Gesetz wurde erlassen 
„nachdem Wir zum öfftern berichtet, auch selbst gespürct und be 
funden, daß hin und wieder Unsere Weinberge sehr unfleißig und 
nicht dermaßen, wie es die Nothdurfft wohl erfördert, beschicket und 
gewartet tverden, daher Uns nicht geringen Schaden und Abgang 
am Zuwachs des Weines verursachet," und verordnet in 28 Ab 
schnitten Folgendes: 
Alle Weinmeister sollen jährlich zu Michaelis angenommen 
werden, und müsien während der Weinlese, und bis der Wein im 
Fasse ist, ihres Dienstes mit Treue und Fleiß warten. Nach der 
Weinlese müssen sämmtliche Pfähle, an denen die Weinstöcke ange 
bunden sind, ausgezogen und ordentlich zusammen gelegt werden. 
Auch sollen die Spitzen der Pfähle im Winter bei gutem Weiter 
geschärft werden. Zwischen den Weinstöcken sind Senkgruben (zum 
Abziehen der überflüssigen Nässe) auf den Bergen von 3 U Ellen 
und im Grunde von 1 Elle Tiefe anzulegen. Kurz nach Lichtmesse 
wird der Weinstock beschnitte» und zwar soll der Weinmeistcr darauf 
Acht haben „was und wieviel der Stock vertragen kann, und sich 
in dem Schneiden darnach richten, damit sie darinnen nicht zu viel 
noch zu wenig thun." Ferner sollen von den besten Sieben, vor 
nehmlich Traminer und Englisch Kleberoth (zwei Sorten, welche 
hier am Besten reif wurden) Ableger genommen und an freie 
Stellen verpflanzt werden. 
Um Fastnacht, wenn das Wetter offen ist, werden die Berge 
geräumt und die Wasserwurzeln an den Stöcken abgeschnitten, die 
Berge ferner gedüngt und die Stöcke gelüftet, damit die „Flüchtig 
keit" besser zu den Wurzeln kommen kann. Kurz nach Ostern 
werden die Pfähle an die Stöcke gestellt und Letztere mit einem 
Band angeheftet, „auf daß der Wind die Bögen hin und wieder 
schlagen kann, damit so viel weniger im Mayen oder sonsten wann 
Fröste einfallen, erfrieren kann. Hierauf wird bei gutem Wetter 
die erste Hackung gethan und das Unkraut aus dem Weinberge 
entfernt, was bis Walpurgis vollständig beendigt sein muß. 
Nach Pfingsten erfolgt die erste Heftung der Weinstöcke, wobei 
aus die jungen Triebe Acht gegeben werden muß, damit letztere 
unter dem Weinlaube nicht ersticken. Bei dieser Gelegenheit wird 
alles unnütze Holz vorsichtig, daß die jungen „Traublein" nicht mit 
abgebrochen werden, entfernt und wieder das Unkraut ausgerissen. 
Johannes erfolgt die zweite Heftung und wird dabei alles 
unnütze Laub abgebrochen, damit die Sonne zu den Stöcken kommen 
und wirken, und also der Wein desto reifer werden kann. Nach 
Bartholomäi wird die dritte Heftung gethan und hierauf das reife 
Weinholz verhauen. Nach dieser Zeit sollen die Amtleute und 
Befehlshaber in die Weinberge gehen, die Stöcke allenthalben mit 
Fleiß besehen und die nicht gut befundenen durch die Weinmeister 
auszeichnen lassen, damit in deren Stelle zu rechter Zeit andere 
gute Stöcke gepflanzt werden können. Die Weinmeister aber müssen, 
sobald die Trauben anfangen reif zu werden, die Berge mit allem 
Fleiß hüten, daß kein Mensch noch Vieh oder Thier hineinkommen 
und Schaden darin thun kann, auch die Vögel, Krähen, Elstern u. drgl. 
fleißig und so viel als möglich abwehren. Hauptsächlich sollen sie 
Niemand eine Weintraube geben, es geschehe denn mit besonderem 
Geheiß der Amtleute und Befehlshaber, doch kranken Menschen 
mögen sie zu Zeiten wohl ein Paar Trauben verabreichen. 
Die Weinpresse» müssen nebst Wannen, Butten und Zober 
zur Zeit der Weinlese ins Rechte gebracht, ausgebrüht, ausge 
waschen und rein gemacht werden. 
Für alle diese Thätigkeit bekamen die Weinmeister jährlich an 
Besoldung: von jedem Weinwachs 4 Thaler, 3 Scheffel Roggen 
und einen halben Scheffel Malz. Außerdem hatten sie freie 
Wohnung und die Gerechtigkeit, das Gras und Weinlaub aus 
den Weinbergen für sich benutzen zu dürfen. Vom Preffen des 
Weines und vom Aufsammeln der Stecklinge, sowie vom Fahren 
des Düngers hatten die Weinmeister keine Nebeneinnahmen, mußten 
aber das Arbeitszeug, bestehend in Hacken, Schippen, Spaten und 
dergleichen Werkzeugen sich selbst beschaffen und sich besonders die 
Hacken nach einem bestimmten, ihnen vorgeschriebenen Maße selber 
machen lassen. Auch wird den Amtshauptleuten und Befehlshabern 
empfohlen, darauf Achtung zu geben, daß keine Weibespcrsonen 
mit der Haue und dem Kerstcn arbeite „da sie nichts guts machen". 
Die Hüter der Weinberge, welche nur während der Reise der 
Trauben angestellt waren, bekamen für die ganze Hütungszeit einen 
Lohn von 60 Märkischen Groschen. 
Dies ist der Inhalt der Weinmeisterordnung, welche mit 
großem Fleiße und genauer Kenntniß der Behandlung des Wein 
stocks ausgearbeitet war und viel dazu beigetragen hat, den Wein 
bau zu Pflegen und zu schützen. 
Bezüglich des Lohnes muß noch bemerkt werden, daß nach 
der Verordnung von Montag nach Allerheiligen 1550 eine Heslerin, 
die Wein heftete, einen täglichen Lohn von 10 Pfennigen zu be 
anspruchen hatte, Nach der Kämmereirechnung von 1571 erhielt 
der Magistrats-Weinmeister einen Lohn von 20 Schock, 15 Scheffel 
Roggen und 6 Ellen Leinwand. 
Aber auch noch einige andere Bestimmungen der damaligen 
Zeit, den Weinbaü betreffend, sind von erwähnenswerthem Jnteresic. 
Die Zäune der Weingärten mußten mit Löchern versehen sein, 
um den Hasen freien Durchgang zu verschaffen. (1598.) 
Nach dem Edikt vom 22. Juni 1744 war jeder Weinmeister, 
falls er im Weinberge wohnte, verpflichtet, 15 Sperlingsköpfe an 
den Magistrat abzuliefern. Für jeden fehlenden Kopf mußte 
1 Dreier Strafe zur Armcnkaffe erlegt werden. Diese Bestimmung 
hatte darin ihren Grund, daß man die Sperlinge, welche als 
schädliche, die Gartenfrüchte vernichtende Vögel angesehen wurden, 
vollständig ausrotten wollte.
	        
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