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Periodical volume 30. Mai 1885, Nr. 35

Full text: Der Bär Issue 11.1885

Dame- „Bei einem Leben, wie ich es geführt, lernt man die 
Menschen kennen — von ihren schlechtesten Seiten," sagte sie 
schwermüthig. 
Die Professorin wollte eben antworten, als ein Herr, der 
ihr vorher schon als Doktor Seeberg vorgestellt war, auf sie 
zukam, einen Stuhl heranzog und an dem Tischchen Platz 
nehmen zu dürfen bat- Er war Reichtstagsabgeordnctcr, 
gleich hoch stehend als Charakter wie als Capacität, dabei 
eine sehr einnehmende Erscheinung. „Das ist einer der We 
nigen, bei denen Sein und Schein übereinstimmen," flüsterte 
Editha ihrer Nachbarin zu. Im nächsten Augenblick trat ein 
zweiter Herr zu den Damen heran. Hatte die Ausnahme des 
Doctor Seeberg ihm Muth gemacht, sich gleichfalls zu nähern? 
Frau Delius hatte schon bemerkt, daß er verschiedentlich ver 
langend zu ihnen herübergeschaut hatte. 
„Doctor Berns," stellte Editha vor. „Archäologe und 
Griechenlandfahrer seines Zeichens," fügte Dr. Seeberg hinzu, 
dem jungen Manne, der mit feinen Formen und sehr ange 
nehmen Aeußern ein bescheiden sicheres Auftreten verband, 
freundlich auf die Schultern klopfend. 
„Sie sind Münchnerin, gnädige Frau," begann Dr. See 
berg nach einer Weile, während welcher sich das Gespräch uni 
gleichgültige Dinge gedreht hatte- „Vielleicht kann man von 
Ihnen einmal etwas Genaues über Erich Gunthart erfahren. 
Hier wartet man seit lange vergebens auf ein neues Werk 
seiner Feder- Nach den schnellen Publikationen früherer Jahre 
ist sein Schweigen nicht recht zu begreifen. Neulich hörte ich 
zu meinem Bedauern, daß man den Grund davon in einem 
Verhältnisse zu feiner Wirthstochter, einem Schenkmädchen, 
suche, das unheilvollsten Einfluß auf ihn übe." 
Editha starrte den Sprecher mit entsetzten Augen an. Er 
Die Sülnilarfeier der ersten Gcrliner Lunstausstrllung. 
Die erste Kunstausstellung in Berlin fällt. nahezu mit dem Tode 
Friedrichs des Großen zusammen, dessen Wirken und Schaffen der Kunst 
— i»sbesondere der Berliner Kunst — auf Jahrzehnte hinaus Stoffe zu 
historischen Bildern, zu Statuen und Denkmälem geliefert hat. Die Thaten 
des alten Fritz sind die Basis der nationalen Bewegung in unserer 
Kunst, die vorher die landläufigen Bahnen des Auslandes zu wandern 
und alles Heil aus Italien und Frankreich zu erwarten liebte. 
Friedrich II. als der Mittelpunkt genialer Ideen deutscher Maler und 
Bildhauer des vorigen, wie des gegenwärtigen Jahrhunderts nimmt in 
der Kunst eine ebenso einzige Stellung ein, wie in der Geschichte und 
Literatur unseres Vaterlandes. 
Es ist ein glücklicher Gedanke, zur Erinnerung an die Ausstellung 
des Jahres 1786 gegenwärtig eine Säkularausstellung in Berlin vorzu 
bereiten, die nicht nur die modernen Werke der Künstler aller Nationen in 
der deutschen Reichshauptstadt vereinigen, sondern auch in interessanter 
und lehrreicher Weise zugleich einen Rückblick auf die Entwickelung natio 
naler Kunst seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts bieten wird. 
Da das Zustandekommen dieser internationalenAusstellungals 
gesichert angesehen werden darf, so sei hier die von dem Senat der Akademie 
an den Magistrat behufs Erlangung einer Beihülfe gerichtet« Eingabe 
mitgetheilt, aus welcher im Wesentlichen der Plan dieses für die Haupt 
stadt so ehrenvollen und wichtigen Unternehmens hervorgeht. 
„Dem Wohllöblichen Magistrat beehrt sich die unterzeichnete Senats 
kommission ergebenst mitzutheilen, daß seitens der königlichen Akademie 
der Künste mit Genehmigung des Herrn Ministers der geistlichen, Unter 
richts- und Medizinalangelegenheiten im Jahre 1886 zur Feier des hundert 
jährigen Jubiläums d»r ersten akademischen Kunstausstellung zu Berlin 
eine große allgemeine Ausstellung der bildenden Künste während der 
Monate Mai bis Oktober veranstaltet werden soll. Berlin ist mit diesem 
bemerkte es nicht, weil er von Frau Delius eine Antwort er 
wartete. 
„So erzählt man es sich in München," entgegnete diese 
zurückhaltend. 
„Das — glaube ich nicht," kam es langsam und schwer 
über Edith's Lippen. Es war, als ob eine innere Gewalt 
sie zu diesen Worten nöthige. 
„Leider ist kaum daran zu zweifeln," meinte die Pro 
fessorin. Das Mädchen war ganz bleich geworden; sie wollte 
offenbar sprechen, doch sie brachte kein Wort hervor. Dr. See- 
berg bemerkte ihre Bewegung. „Mein gnädiges Fräulein," 
sagte er beruhigend mit der Miene des überlegenen Mannes, 
„Sie dürften nicht den Stab über Gunthart brechen, wenn 
es der Fall wäre! Ec ist uuverheirathet und ist Dichter — 
zwei schwerwiegende Momente! Der, dem das Schicksal ein 
warmes liebevolles Heim versagt, kann in Stimmungen ge 
rathen, die Vieles entschuldbar machen, besonders wenn er 
ein Poet mit Phantasie und Leidenschaft ist, wie Gunthart!" 
„Für mich ist es eine der traurigsten Dissonanzen des 
Lebens," siel hier Dr. Berns ein, „daß gerade in den Kreisen, 
welche der Welt die Fahne des Ideals vorantragen, so wenig 
Idealismus zu finden ist. Ein kolossaler Widerspruch herrscht 
fast immer zwischen den Werken dieser Menschen und ihren 
Handlungen. Ehe ein Dichter die höchste Tugend verherrlicht, 
sollte er sein Privatleben rein und intakt erhalten. Muß er 
sich nicht schämen, wenn er Moral predigt und selbst gegen 
die vornehmsten Gesetze derselben verstößt?" 
Das Gespräch wurde unterbrochen durch den Vortrag 
eines Musikstückes, mit dem sich ein junger Virtuose in der 
Gesellschaft einführte. Alles eilte in den Salon, um zuzu 
hören, und belohnte den Künstler am Schluß durch lebhaftes 
Ereigniß berufen, die Interessen des deutschen Kunstlebens nach dem Bei 
spiele der bekanntlich bisher zu diesem Zwecke und mit mehrjährigen 
Zwischenräumen in München veranstalteten Ausstellungen im staatlichen 
und örtlichen Interesse zu fördern. Dem entsprechend hat die Deutsche 
Kunstgenoffenschaft beschlossen, die Durchführung der Jubiläums-Ausstellung 
mit der Bedeutung ihres moralischen Cinfluffes zu unterstützen und hat 
Berlin für das Jahr 1886 als ihren Vorort bestimmt. Hierdurch ist 
ein sicheres Fundament für den künstlerischen Erfolg der Ausstellung gelegt 
worden; auch ist in dem Landes-Ausstellungsgebäude und Park an der 
Alt-Moabiter Straße die bisher für ein solches Unternehmen fehlende 
Oertlichkeit vorhanden und mit dieser ein weiteres Mittel für die ivürdige 
Durchführung des Unternehmens gewonnen. Nach dem aufgestellten 
Organisationsplan ist das vorbezeichncte Hauptgebäude seiner Größe nach 
annähernd ausreichend, um diejenige Zahl der Kunstwerke der Malerei, 
der Architektur und der graphischen Künste aufzunehmen, welche nach den 
Erfahrungen der vorangegangenen akademischen Kunstausstellungen unter 
zubringen sind. Nach eingehender Erwägung sind auch diejenigen Vor 
kehrungen in Aussicht genommen und sür die Ausführung vorbereitet, 
welche für eine vorzügliche Beleuchtung nothwendig erscheinen und als 
eine dauernde Verbesserung des Gebäudes anzusehen sind. Ebenso ist für 
die plastische Kunst in genügender Weise die nothwendige Erbauung eines 
glasgedeckten Hofes projektirt. Es wird noch bemelt, - das »ach sachver 
ständigem Urtheil das Hauptgebäude für die Zwecke der beabsichtigten 
Jubiläums-Ausstellung ohne Schädigung seiner Bestinnnung für andere 
Zwecke in vortheilhafter Weise umgestaltet werden kann. Im Uebrigcn 
soll eine Vergrößerung durch Anbauten vornehmlich den Zwecken einer 
historischen Ausstellung dienen, um darin diejenigen hervorragenden 
Meisterwerke der vaterländischen Kunst unterzubringen, welche seit dem 
Jahre 1786 bis zum Jahre 1880 entstanden sind. Durch die hohe kultur 
geschichtliche Bedeutung dieser Abtheilung wird sich die geplante Jubiläums- 
Ausstellung vor allen vorausgegangenen akademischen Kunstausstellungen als 
ganz besonders werthvoll auszeichnen. Außerdem soll die Ausstellung noch 
einen eigenartigen Charakter dadurch erhalten, daß alle diejenigen hervor-
        
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