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Volume 23. Mai 1885, Nr. 34

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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„Der sehr berühmte Peregrinant Tavernier, welcher die 40 jäh 
rige Reise gethan, hat zu Hofe Ihrer Kurf. Durchlaucht auszu 
warten sich angeben lassen, und weil er ein Herr 
von 80 Jahren 
haben Ihre Kurf. Durchlaucht 
ihn so hoch gewürdigt, daß 
Sie ihm einen Stuhl setzen 
lassen und eine gute Zeit 
Unterschiedliches mit ihm dis- 
curriret!" 
Und dann — bedenken 
wir, — man schrieb das 
Jahr 1684! Die überseeischen 
Pläne des Kurfürsten standen 
in Vollster Blüthe; das Jahr 
zuvor hatte man Gröben's 
Expedition nach Guinea ab 
gehen sehen. Wenn Eins 
gelang, warum sollte nicht 
auch das Andere gewagt 
werden, — warum nicht auch 
Asien dem rothen Adler 
tributpflichtig gemacht wer 
den? — Nicht umsonst wurde 
jener Propst Müller von der 
Nikolai-Kirche zu Berlin so 
freigebig unterstützt, welcher 
der chinesischen Sprache 
mächtig zu sein behauptete; 
nicht umsonst hatte ihm 
Friedrich Wilhelm den Auf 
trag gegeben, auch dem alten 
Seehelden in Lengen, dem 
Admiral Arnd Hysel van der 
Lyr, seine chinesischen Skripte 
abzukaufen. Der Geist des 
kränkelnden Kurfürsten hatte 
noch immer den adlergleichen 
Flug! 
Genug; — am 4. August 
1684 wurde der Achtzigjäh 
rige zum jüngsten Branden 
burgischen Kämmerer ernannt: 
d. h. zuerst zum Kammerjun 
ker. Das noch vorhandene 
Diplom für den „Freiherrn 
d'Aubonne" bewegt sich aller 
dings nur in den herkömm 
lichen Formen; — eine tiefere 
Beziehung könnten nur etwa 
die Worte haben: 
„Insonderheit aber soll 
er, wenn er bei uns sein 
wird, uns fleißig aufwarten 
und denen uns von ihm 
anvertrauten Verrichtungen 
seinem besten Verstände nach 
obliegen." — 
Jedenfalls aber ist das 
klar, daß der große Kurfürst 
den berühmten Meisenden mit Güte und Auszeichnung empfing. 
Tavernier's Kammerjunkerschast, — er wurde, wie gesagt, von der 
selben nicht entbunden, — dauerte nur bis zum 4. August 1684. 
Dann wurde er Kammerherr. In der Schweiz aber machte man 
ÄUe Nococo-Standuhr 
im Besitz der Königlichen Familie, 
Schwierigkeiten: „Bei dem noch nicht völlig effektuirten Verkaufe 
der Baronie Aubonne an die Familie du Quesne" richtete man 
mancherlei Ansprüche an Tavernier, und am 5. August 1684 
wendete sich Friedrich Wilhelm selbst an den Berner Rath. Er 
ersuchte denselben: 
„Demnach wir Johann 
Tavernier, Freiherrn d'Au 
bonne, in Confideration seiner 
guten Qualitäten und durch 
vieljährige Reisen erlangten 
guten Experientz zu unserem 
Kämmerer und Admiralitäts 
Rathe gnädigst bestellet und 
angenommen und derselbe 
gesonnen, mit seiner Familie 
sich in unserer Chur und 
Mark Brandenburg nieder 
zulassen, auch zu solchem 
Ende sein Gut und Herr 
schaft Aubonne zu verkaufen 
resolviret, so haben wir nicht 
umhin gekonnt. Euch hiermit 
günstiglich zu gesinnen, oben 
erwähnten Tavernier als 
unsern Bedienten bei dem 
vorhabenden Verkauf und 
sonsten alle Faveur und guten 
Willen, auch exsmtion ä«8 
Oroits äs vsnts widerfahren 
zu lassen." — Allein die 
Sportelfreiheit für den Ver 
kauf versagte ihm der Rath 
zu Bern denn doch! 
Tavernier war also K u r - 
brandenburgischer Ad 
miralitätsrath geworden; 
er wurde dem Marinedirektor 
Benjamin Raule beigeordnet. 
Ein eigentliches Haupt der 
Marine, Admiral, existirte 
damals überhaupt noch nicht; 
selbst Arnold Gysel van der 
Lyr, welcher bereits verstorben 
war, scheint diesen Titel 
nicht, — wenigstens nicht 
von Seiten Branden 
burgs, — getragen zu 
haben. 
Es folgen nun min 
destens zwei Jahre Berliner 
Aufenthaltes in Tavernier's 
Leben. Aber es ist nur sehr 
wenig, was wir aus den 
selben zu berichten vermögen. 
Bedenken wir's auch: Ta 
vernier war ein Achtziger! 
Und den großen Kur 
fürsten umgab nicht mehr sein 
alter, ernster, sittenstrenger, 
holländischer Hof; man 
medisirte, scherzte, spottete jetzt im Schlosse zu Kölln ganz ebenso 
wie überall. Tavernier, der jüngste Kammerherr, spielte, wenn 
auch seine Körperkraft noch immer vorhielt, doch Wohl nur eine 
klägliche, fast lächerliche Rolle auf dem Parquet. Da gab's zu
	        
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