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Periodical volume 23. Mai 1885, Nr. 34

Full text: Der Bär Issue 11.1885

Künstlerthums von Gottes Gnaden/ rief sie energisch, „mit 
solchem Menschen kann ich nicht verkehren. Er ist dreist 
im höchsten Maße und so eitel, so dünkelhaft! Als sei seine 
Welt die einzig eine und er herrsche darin. Aber am schlimm- 
sten ist doch Koster. Nun kann ich mir denken, daß er ein 
Modell geheirathet hat — danach benahm er sich. — Und 
mit solchen Menschen verkehrt Gunthardt, liebt sie herzlich, 
schwärmt mir vor von ihnen? Wenn ich mich selbst in diese 
Kreise versetze — da wirbelt mir der Kopf! Ich habe der 
Großmama doch in Manchem Unrecht gethan; ich meinte einst, 
nur die innere Bedeutung des Menschen müsse entscheiden 
über seinen Werth, seine Stellung — das war falsch. Von 
diesen Menschen trennt mich eine tiefe Kluft." 
„Sie sind noch sehr jung, liebe Edith", fiel die Professorin 
ihr in das Wort, „und Sie lieben die Extreme! Ihr Enthu 
siasmus für einen Unbekannten war ebenso unbegründet, wie 
jetzt Ihr Urtheil über gute, tüchtige, bedeutende Menschen, an 
die Sie den Maßstab ihrer Gesellschaftskreise legen, der für 
dieselben absolut nicht paßt." 
„Sie zürnen mir, aber ich kann nicht anders," rief das 
Mädchen, der Professorin Hände küssend. 
„Nein, ich beklage nur die Lage, in welche Sie sich selbst 
gebracht, liebes Kind. Doch nun lassen Sie uns überlegen, 
was zu thun ist." 
Editha kam auf ihren Plan, eine Stelle als Erzieherin 
Ältes Innungsrccht in Äerlin. 
Nach Mittheilungen des Archivars der Stadt Berlin, Dr. Clauswitz. 
III. (Schluß.) 
Gegen die Pfuscherei konservirten die Generalprivilegien die alther 
gebrachten strengen Strafen: Wegnahme der Arbeit, des Handwerkszeuges 
und obendrein noch Geld- und Gefängnißstrafen. Die Generalprivilegien 
niußten in Folge dessen auch auf die genaue Abgrenzung der Gewerbe 
Bedacht nehinen. Sie verfuhren hierin sehr systematisch und versuchten 
bei jedem einzelnen Handwerk aufzuzählen, welcherlei Arbeiten ihnen ein 
anderes verwandtes Handwerk nicht entziehen dürfe. Schon in der vorhin 
besprochenen Periode bis zum XVIII. Jahrhundert erwies sich diese Abgren 
zung der Gewerbe als schwierig und bedenklich, erst recht nun im XVIII., an 
gesichts der zahlreichen neuen Industriezweige und Jndustrieerzeugnisse. 
Eingriffe des einen Gewerbes in das andere mußten noch viel häufiger 
als früher vorkommen und damit vermehrte Klagen bei den Be 
hörden. Indessen machte man die Bemerkung, daß die Einbringung von 
Klagen in verhältnißmäßig beschränkter Anzahl stattfand. Zu diesem 
Umstande trug wohl theilweise die Vorschrift bei, daß der Einzelne nicht 
klagen konnte, sondern nur die Innung, hauptsächlich aber wohl die zu 
nehmende Einsicht über die Nutzlosigkeit der Prozedur gegenüber den all 
täglich vorkommenden Kollisionen in der Anfertigung der Handwerks 
gegenstände. Man fing an, die Zwecklosigkeit einzusehen, einen Fall zur 
Strafe zu ziehen, wo ungezählte daneben vorhanden waren. Die Ver 
ordnungen, welche die Behörden von Zeit zu Zeit erließen zu Gunsten 
einzelner Gewerke, um ihr Zunftrecht wieder aufzufrischen, kamen immer 
nach kurzer Zeit wieder außer Achtung und Vergessenheit. Am besten 
wird ein Beispiel diese zunftrechtlichen Verhältniffe erläutern. Das 
Töpfergewerk hat nach Erlaß des Generalprivilegs bis zum Jahre 1767 
keine einzige Klage wegen Beeinträchtigung eingereicht. Um diese Zeit 
aber glaubten sich die 28 damals existirenden Meister gegen überhand 
nehmende Pfuscherei besonders schützen lassen zu müssen. Sie betvirkten 
eine Verordnung des Magistrats, daß kein Töpfermeister an Pfuscher 
Kacheln verkaufen dürfe. Die Verordnung war wenig zweckmäßig. Denn 
sie wurde sogleich dadurch umgangen, daß man die Kacheln nicht an die 
Pfuscher verkaufte, sondern an die Eigenthümer, welche durch Pfuscher die 
Oefen setzen ließen. Die verklagten Verkäufer gingen dem Wortlaut der 
Bestimmung nach immer straffrei aus. Es war also damit nichts ge- 
' oder Gesellschafterin zu suchen, zurück. In das Haus ihres 
Oheims und Vormundes werde sie nicmals wieder einen Fuß 
setzen. Die Grundverschiedenheit ihrer Auffassung bilde schon 
allein eine unübcrsteigliche Schranke zwischen ihnen. Da sic 
zu jung sei, um allein zu leben, und es mit Um Heirathcn 
ja nun ein für allemal vorbei sei, so wolle sie wenigstens ihre 
frischen Kräfte und die Kenntnisse, welche sie besitze, zum Besten 
Anderer verwerthen. 
Das >var nun ganz gut, aber wo in aller Welt sollte 
sich so schnell ein Platz für sie finden, und aus München 
mußte sie fort, das verstand sich von selbst. Editha hatte 
nicht umsonst den Beistand der Professorin erfleht. Die gü 
tige Frau wußte Rath. Sie bat telegraphisch ihre in Berlin 
verheirathete Tochter, den jungen Gast bei sich aufzunehmen, 
bis eine Stelle gefunden oder ein anderes Unterkommen er 
mittelt sei. Die zusagende Antwort traf ein, und es ward 
beschlossen, daß Editha mit dem Nachmittagszuge München 
verlassen und bis dahin bei Frau Delius bleiben sollte. Denn 
die größte Angst, dem Manne, der sie als Braut betrachtete, 
in Nenners Hause zu begegnen, erfüllte sie. Sie wollte um 
jeden Preis eine Auseinandersetzung vermeiden und glaubte 
mit einigen Abschicdszeilcn, die nach ihrer Abreise Gunthart 
! übergeben werden sollten, genug gethan zu haben. Die Pro 
fessorin, welche hoffte, daß des Mädchens Benehmen Erich 
bereits die Augen geöffnet hätte, mußte sich Edithas Willen 
Holsen. Darauf ließ sich denn die Stadtbehörde herbei zu der Bestim 
mung, daß jeder in 10 Thlr. Strafe verfalle, der .bei Setzung oder Um 
setzung eines Ofens sich nicht an einen zünftigen Meister wendete. Es 
wurde also der Privatmann, das Publikum, unter Strafe gestellt im In 
teresse des Gewerkes. Man kann kaum weiter gehen im Schutze des 
Zunftrechtes. Indessen wurden nur in den ersten 2-3. Jahren nach 
Erlaß dieser Verordnung einige Kontravenienten zur Anzeige gebracht. 
Nachher fehlt jede Erwähnung bis zur Aufhebung des Zunftzwanges 
überhaupt. Es beweist dies nicht etwa, daß keine Kontraventionssälle 
mehr vorkamen, sondern daß man es eben unterließ, von solchen Schutz- 
maßregeln wirklich Gebrauch zu machen, daß man freiwillig anfing, des 
Zunftschutzes sich zu begeben. In ähnlicher Weise waren bei wiederholten 
Verordnungen gegen Verkauf von Töpferwaaren an Hausirer immer nur 
höchstens 1—2 Jahre nach ihrem Erlaß Folgen erkennbar. 
Es wurden im vorigen die Generalprivilegien als wenig förderlich 
charakterisirt wegen der strengen Aufrechterhaltung des Zunstrechtes, man 
darf nun aber auch eine Verbesserung in der Handhabung desselben nicht 
verschweigen, welche die Gewerbegesetzgebung Friedrich Wilhelms I. mit 
sich brachte. Es wurde nänilich die polizeiliche Mitwirkung der Innung 
beim Verfahren gegen unbefugte Personen und bei der Strafvollziehung, 
tvie sie früher stattfand und wo gewaltsame Uebcrschreitungen und Eigen 
mächtigkeiten die Regel bildeten, gänzlich ausgeschlossen Der bereits 
besser organisirten städtischen Polizei war allein alles Eingreifen vorbe 
halten. Die Innung hatte nur die Befugniß, die Klage einzureichen, 
Alles übrige war Sache der städtischen Behörde. 
Eine weitere Vervollkommnung des Verfahrens in Gewerkstreitigkeiten 
erfolgte dann etwas später unter der Regierung Friedrichs des Großen 
durch die königliche Verordnung vom Jahre 1747, betreffend das rath 
häusliche Reglement in Berlin. In diesem Reglement wurde das Kol 
legium, oder wenn man will, der Gerichtshof, welcher über diese Streitig 
keiten zu entscheiden hatte, bestimmter konstitnirt und zugleich Instruktion 
für die Behandlung der Sachen ertheilt. Das Gericht war das soge 
nannte Justizdepartement des Magistats. Es wurde gebildet von den 
beiden Bürgermeistern, den beiden Syndici und 3 Rathsmännern. Sie 
sollten die eingehenden Beschwerden zu Protokoll nehmen und womöglich 
durch Vergleich die Sachen erledigen, anderenfalls nach Billigkeit eine 
Entscheidung treffen mit Ausschluß eines ordentlichen Prozeßverfahrens. 
Höhere Instanz war die Kriegs- und Domänenkammer, deren Genehmi 
gung in besonderen Fällen einzuholen war. Der eigentliche Rechtsweg 
war also gewissermaßen ausgeschlossen zum Heil für die Sache und noch
        
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