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Periodical volume 16. Mai 1885, Nr. 33

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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klingen; dann, während Alles seinem Beispiel folgte, setzte er 
sich und fand, tiefbewegt, endlich den Muth, der ihm bisher 
gefehlt: er umschlang Editha und wollte sie an sich ziehe», 
doch sie entwand sich ihm hastig, indem sie ihn herben Tones 
daran erinnerte, daß die Verlobung heute noch nicht gefeiert 
werde. Sie hatte indesien die Rechnung ohne den Wirth 
gemacht; denn Benner, innerlich überzeugt davon, daß die 
Anwesenden längst das Geheimniß errathen hätten, und von 
dem Wunsche beseelt, dem Freunde beizustchen, gedachte seines 
Versprechens nicht mehr, sondern ergriff das Glas und ließ 
in schwungvollen Worten die Wunderblume leben, die der 
suchende Dichter gefunden und ihm anvertraut habe — bis 
zur baldigen Hochzeit. 
Wie ein Bild von Stein saß Editha da, während Alles 
sie umdrängte und seine Glückwünsche darbrachte. Sie ver 
mochte nicht zu heucheln, nicht die glückliche Braut zu spielen 
in diesem Augenblick, da sie noch völlig von der Wucht fremd 
artiger und abstoßender Eindrücke beherrscht ward. 
O hätten die Grausamen ihr wenigstens Zeit gelaffen — 
vielleicht hätte sich das Bild ihrer Phantasie versöhnt mit dem 
der Wirklichkeit, vielleicht hätte sie doch noch die Züge ihres 
Ideals in Gunthart entdeckt. — — Sie setzte das Glas, 
' mit dem sie eben angestoßen hatte, auf den Tisch nieder, weil 
ihre Hand so heftig bebte, daß sie den Wein zu verschütten 
fürchtete; wie ein Schleier legte es sich vor ihre Augen, sie 
fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Da erlöste sie Frau Dclius, 
die allein voll tiefsten Mitgefühls den Zustand des gequälten 
Mädchens erkannt hatte, aus ihrer peinvollen Lage, indem sie 
ihre eigene Reiseermüdung und Ruhebedürftigkeit zum Vorwand 
nehmend, leise Margarethe bat, die Tafel aufzuheben. 
Frau Benner willfahrte sofort dem Wunsch der Professorin 
und gab somit für die Damen das Zeichen zum Aufbruch. 
Die junge Malerin schien nicht übel Lust zu haben, noch zu 
verweilen und den Herren, die keine Miene machten, vom 
Tisch aufzustehen, weiter Gesellschaft zu leisten- Sie hatte 
eine Cigarette zwischen den Fingern und blies graziöse 
Wölkchen vor sich hin; auch nippte sie nicht au dem goldigen 
Wein, wie es Editha gethan, sondern sie leerte tapfer ihr 
Glas mit den Männern um die Wette. „Das lernt man 
bald in München," sagte sie'mit Stolz. 
„Ich sehe Sie doch morgen, liebes Kind?" fragte die 
Prosefforin, auf Ediths Stirn zärtlich einen Kuß drückend. 
Diese versprach es mit stummer Neigung des Kopses — sie 
war nicht mehr zu sprechen im Stande — und empfahl sich 
Älter Innungsrecht in Berlin. 
Nach Mittheilungen des Archivars der Stadt Berlin, IJr. Clauswitz. 
II. 
Indessen kann man als sicher annehmen, daß die Fälle eines rigo 
rosen Einschreitens gegen unbefugte Konkurrenten des Handwerks doch 
nur selten vorkamen. Denn die Gewerke faßten den Begriff der Pfuscherei 
nicht allzu eng. Alle Flick- und Reparaturarbeit war stillschweigend frei 
gegeben. Bei den Zimmerleuten und Maurern waren sogar gewisse 
Summen festgesetzt, bis zu welchen ein Geselle Arbeit auf eigene Rech 
nung anfertigen durfte. Auch beschränkten sich die Versuche verbotener 
Pfuscherei der Natur der Sache nach auf gewiffe Gewerbe, die keine eigent 
liche Werkstätte bedingten. Am meisten warm die Schneider betheiligt. 
Außerdem aber schritten die Zünfte auch nur ein gegen Gesellen oder 
Leute, die nicht vorschriftsmäßig das Handwerk gelernt hatten, unzünftige 
Meister dagegen ließen sie ungestört arbeiten, sobald dieselben nur nicht 
Gesellen oder Lehrlinge hielten. Dergleichen unzünftige Meister gab es 
bei allen Gewerben. In wenigen Fällen waren es aus der Zunft aus 
gestoßene Meister, meist von außerhalb zugezogene, welche die Innung 
aufzunehmen sich sträubte, um sich vor Konkurrenz zu schützen. Sie 
setzten sich hauptsächlich in den Vorstädten an und fristeten ohne Gesellen 
und Lehrlinge eine ziemlich kümmerliche Existenz. Die Innungen konnten 
natürlich Gründe für die Weigerung gegen ihre Aufnahme aus den Pri 
vilegien immer genügend auffinden. Auf die Beschwerden solcher Meister 
an den Magistrat und das Ansuchm, daß er zwangsweise ihren Eintritt 
in die Innung bewirke, verhielt sich derselbe, wie die Akten ergeben, 
immer sehr vorsichtig. Er richtete sich nach dem Wortlaut der Privilegien, 
suchte aber daneben die Sache in Güte zu schlichten. Fast immer stellte 
er sich auf Seite der Innung und ging nie weiter als höchstens zur 
Androhung einer Strafe, wenn die Innung sich Jahre lang gegen die 
dekretirte Aufnahme eines Kandidaten widersetzte. Das kann man in 
dessen behaupten, daß bis zu geschlossenen Innungen der Zunftzwang in 
Berlin damals nicht ausgedehnt wurde. (Unter geschlossenen Zünften 
versteht man nämlich solche, welche nur eine fest bestimmte Anzahl von 
Meistcrstcllen haben. Wer Meister werden will, muß warten, bis durch 
Tod oder sonstigm Abgang eine Stelle frei wird.) Als geschlossene 
Zünfte kommen in Berlin nur vor die Fischer, bei dmen besondere Um 
stände obwalteten und die Schlächter, wo die Anzahl der Scharren eine 
Zeitlang dies nothwendig machte. 
Ein Mittel stand den Behörden zu Gebote, das Arbeitsmonopol der 
Zunft etwas zu reguliren, in der Zulaffung der sogenannten Freimeister, 
welche auch, zwar gerade nicht von, Magistrat, aber vom Kurfürsten 
häufig angesetzt wurden. Sie hatten das Recht, in beliebiger Anzahl 
Gesellen und Jungen zu halten und waren somit eigentlich unabhängig 
! von den Innungen und auch in der Begrenzung ihrer Erzeugnisse weniger 
eingeschränkt. Aber thatsächlich half ihnen die Freiheit sehr wenig. Der 
j Organisation des Jnnungswesens zu Folge bekamen sie nämlich nur sehr 
schwer Gesellen. Die zuwandernden Gesellen hatten sich stets bei der 
Innung zu melden und wurden unter die Jnnungsmeister vertheilt oder 
mußten weiter wandern. Für den Gesellen selbst war es bedenklich, bei 
einem Freimeister überhaupt zu arbeiten, weil er dann in anderen Städten 
von den Innungen abgewiesen wurde und auch nur bei einem etwaigen 
Freimeister eintreten konnte, was sein Fortkommen sehr erschwerte. Die 
Freimeister mußten also auch suchen, in die Innung aufgenommen zu werden. 
Schon ziemlich schwierigen Verhältnissen begegnen wir in jener Zeit 
I hinsichtlich der gegenseitigen Abgrenzung der Gewerbe, wenn sich die 
Zünfte untereinander des Eingreifens in ihre Arbeitsgebiete anklagten, 
i Die gewerblichen Verhältnisse lagen schon nicht mehr so einfach wie 
früher. Berlin war seit geraumer Zeit beständige Residenz, ^ wohl alle 
damals in Deutschland existirenden Gewerbe hatten sich seßhaft gemacht, 
> stets neue gewerbliche Erzeugnisse kamen auf und meist waren es mehrere 
Handwerke, welche die Anfertigung derselben für sich beanspruchten. Als 
! z. B. der Gebrauch der Schnupftabaksdosen hier allgemeiner wurde, ent 
stand ein großer Streit, wer das Recht hätte, sie anzufertigen. Jnsbe- 
! sondere zeigten sich die Grenzstreitigkeiten auf dem Gebiete der Metall 
industrie. Zwar hatten bereits 1578 die Berliner Schlosser mit den 
Sporern, Uhrmachern, Büchsen- und Windenmachern sich zu einem einzigen 
Gewerk vereinigt, aber das schützte sie nicht, wieder mit den verschiedenen 
Innungen der Schmiede in Konflikt zu bleiben, und dann tauchten die 
Innungen der Stahlarbeiter und der Schnallenmacher auf, die immer 
mit dem einen oder dem anderen Gewerke kollidirten. Ein beständiger 
Krieg wurde z. B. auch geführt um die Herstellung der Knöpfe von den 
Zünften der Posamentierer, der Seidenknopfmacher, der Drechsler, der 
Metallknopfmacher. Außer den Erzeugnissen machten sich die Innungen 
die Werkzeuge gegenseitig streitig. Die Schmiede z. B. sollten keine 
Schraubstöcke und Schncideeisen halten, sondern nur die Schloffer. — 
Sämmtliche Handwerke aber klagten einmüthig über das Zunehmen der 
Kaufleute und Krämer, die ihnen durch Verkauf der Handwerkerwaare» 
unberechtigte Konkurrenz machten. 
In allen diesen Streitsachen der Innungen untereinander konnten 
diese nun nicht so kurz und gewaltsam vorgehen, wie gegen die einzelnen 
unzünftigen Pfuscher, wie es vorhin beschrieben. Hier stand Innung 
gegen Innung, es wäre Gewalt gegen Gewalt gesetzt worden. Es blieb 
nur der Weg der Klage bei den Behörden.
        
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