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Periodical volume 8. Mai 1885, Nr. 32

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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Margarethe ihm verlegen zu- „Liebe Edith, Herr Bildhauer 
Philipp Koster — Freiin von Arnhoff." 
Der junge Mann machte ein höchst verdutztes Gesicht und 
verbeugte sich mit würdevoller Grandezza. 
„Gnädigste Baroneffe! ich erbitte Ihre Verzeihung! Sie 
sehen einen Menschen vor sich, der mit sechs Jahren die 
Schweine gehütet hat, bis er mit acht zu den Schafen avan- 
ciren durfte. Sie werden es erklärlich finden, daß man mit 
solchen Antezedentien gegen die Regeln der Etiquette zuweilen 
verstößt! — Aber zum Teufel mit dieser Etiquette!" rief er, 
wieder Platz nehmend. „Hier unter Euch will ich ungenirt 
sein, Kinder! Ich bin ein freier Künstler." 
„Du scheinst in Dinerstimmung zu sein," bemerkte Gunt- 
hart. „Bedenke, daß —* 
„Kleiner, was fällt Dir ein! Bist doch sonst nicht so 
zimperlich," antwortete der Große, der offenbar keine Ahnung 
von dem Verhältniß hatte, in dem Erich zu Editha stand. 
„Beim Zeus, ich bin froh, wieder unter Euch zu sein, das ist 
Alles. Was den Wein betrifft — er war nicht schlecht! Aber 
in diesen Humpen geht noch manches Glas, ehe er voll wird. 
Schenk' mir ein, Joseph! Prosit!" Damit leerte er das Glas 
Zur Erklärung des letzter» braucht man sich nur die Schicksale solcher 
Privilegien bei uns zu vergegenwärtigen. 
Jedem neuen zur Regierung kommenden Landesherrn mußten nämlich 
die Innungen ihre Statuten zur Bestätigung einreichen, und das fast 
allein aus dem Grunde, weil sie eine Abgabe dafür zu zahlen hatten. 
Es bildet diese eine nicht zu verachtende Einnahmequelle für die Regierung. 
Den Jnungcn selbst war wenig an dieser jedesmaligen Bestätigung gelegen. 
Aber da es doch nun einmal geschehen mußte, so wollten sie für ihr Geld 
auch etwas haben. Sie ließen also zu den bisherigen, grundsätzlich kon- 
servirten Artikeln des Privilegs einen oder mehrere neue hinzufügen, in 
welchen ihnen irgend welche Vorschriften genehmigt wurden. Wie es mit 
der Durchführung der Vorschriften wurde, blieb in der Regel beiden 
Theilen ziemlich gleichgültig: in der Praxis verhielt man sich doch dem 
Herkommen gemäß. So gewannen die späteren Privilegim ihren Umfang, 
ihre minutiösen, das gewerbliche Leben nach allen Richtungen einzwängenden 
Bestimmungen. Aber gerade auf dem Inhalt dieser in vielen Stücken 
ungültigen Privilegien beruhen meist die Vorwürfe über die Entartung 
und die Verkehrtheiten des Jnnungswesens, sicherlich oftmals mit Unrecht. 
Doch nun zu den berliner Verhältnissen! 
Die Nachrichten über das Jnnungswesen in Berlin beginnen in der 
2. Hälfte des XIII. Jahrhunderts. Sie bestehen in einigen Jnnungs- 
statuten der hauptsächlichsten Nahrungs- und Bekleidungsgewerbe: der 
Bäcker, Schlächter, Weber, Schneider, Schuhmacher und Kürschner. Das 
älteste Statut ist wohl das der Schuhmacher von 1284. Wenn diese 
Statuten alle auch nur wenige Artikel enthalten, so geht doch daraus 
hervor, daß das Zunftwesen und Zunftrecht vollständig ausgebildet war. 
Ebenso geht daraus hervor das Bestreben der städtischen Obrigkeit, des 
Rathes, die Entscheidung über die Angelegenheiten der Gewerke nicht 
aus der Hand zu lasten. „Die Rathlcute sollen über das Gewerk ganze 
Vollmacht haben" heißt es. Die Nichtaufnahme neuer Mitglieder in die 
Zunft scheint bereits häufig beliebt zu sein, denn der Rath wahrt sich das 
Recht, — und betont dasselbe ganz besonders — auch gegen den Willen 
der Innung Meister ihnen anzuschließen. Ob nun wirklich solche 
Fälle eintreten, und wie man gegen Eingriffe in das Zunftrecht, Pfuscher, 
Störer u. dsgl. vorging, ob die Gewerke dies selbst durften, ob sie vielleicht 
eigenes Gericht erlangt hatten, darüber fehlt uns fast jeder Anhalt. 
Eine gewisse Selbstständigkeit der Zünfte kann man indeß schließen aus 
einer sehr wichtigen, in den Statutm enthaltenen Concession; welche in 
späteren Privilegim verschwindet. Das ist das selbständige Pfändung tz- 
recht. Sie durften ihre Mitglieder für Uebertretungen bis zur Höhe 
von 6 Pf. ohne weiteres pfänden. Wenn die Summe auch nur gering 
erscheint, so liegt doch im Pfändungsrecht eine Befugniß, welche eigentlich 
nur der Obrigkeit zukommen sollte. Es war damit der Zunft ein wirksames 
Mittel in die Hand gegeben zu einer festen und unabhängigen Organisation. 
bis zum Grunde, und stülpte es dann um zum Beweise, daß 
nicht ein Tropfen barin geblieben sei. 
„Er hat heute seinen übermüthigen Tag," wandte sich 
Erich entschuldigend an Editha, „und dazu hat er etwas viel 
getrunken. Er ist nicht immer so — er ist ein prächtiger 
Mensch — und ein Talent! Sie sollen nur den sterbenden 
Krieger sehen, den er jetzt gemacht hat —" 
„Und für das vielgesuchte Urweib hab' ich gestern endlich 
ein Modell entdeckt!" fiel ihm Koster triumphircnd in das 
Wort. „Kinder, so etwas Schönes habt Ihr noch gar nicht 
gesehen, das heißt was die Figur betrifft. Schöner als die 
kapitolinische Venus! Brust voll, Hüften breit und kräftig —" 
Editha beugte sich hoch erröthend über ihren Teller; sie 
hätte die Augen nicht aufschlagen mögen vor Scham. Die 
übrige Gesellschaft aber, selbst Margarethe, nahm die Mit 
theilung ganz harmlos auf und fand offenbar nichts Ver 
letzendes darin. Nur die Professorin Delius schien Edithas 
Verlegenheit nachzuempfinden, denn sie suchte dem Gespräch 
durch die Frage, wer denn die Schönheit sei, eine andere 
Wendung zu geben. Da kam sie aber vom Regen in die 
Traufe, denn nachdem Koster erzählt hatte, wo er die Dorf- 
Für die nächstm ISO Jahre — vom Jahre 1300 an ungefähr ge 
rechnet — sind die Quellen über die Berliner Jnnungsverhältnisse äußerst 
dürftig. Aus dieser Zeit besitzen wir nur eine verschwindend kleine Zahl 
von Statuten, die auch wieder fast nur als Abänderungen älterer sich 
ausweisen. Erst gegen das Jahr 1500 hin kommen die Artikelsbriese 
in reichlicher Anzahl zum Vorschein. Es begann die Periode, in welcher 
die Bestätigung der Artikel als eine Einnahme der Landesregierung be 
trachtet wurde. Als eine andere Quelle daneben traten dann hinzu vom 
Jahre 1570 ungefähr ab die Gerichtsverhandlungen des Magistrats, welche 
viele Entscheidungen in Jnnungssachen enthalten. Mit Zuhülfenahme 
dieser letzteren Quelle überzeugt nmn sich dann, daß die Innungen zwar 
aus eigner Machtvollkommenheit ohne Vorwissen und Genehmigung des 
Magistrats zum Schutze des Zunftrechts nichts unternehmen sollten, daß 
dabei aber sehr wesentliche polizeiliche Funktionen in ihren Händen waren. 
Wenn es sich nämlich um die unbefugte Ausübung eines Handwerks durch 
nichtzünftige Personen, Gesellen, Pfuscher u. s. w handelte, so schritt der 
Gerichtsdiener — außerhalb der Stadt in der Bannnieile der Landreuter 
— gegen dieselben ein, begleitet jedoch und unterstützt von den 4 jüngsten 
Meistern der Innung, die sich dann oft auch noch andere Helfer mit 
nahmen. Dem betreffenden Uebertreter wurde von Diesen dann unbarin- 
herzig die Arbeit konfiszirt, alles Werkzeug vernichtet oder weggenommen, 
und er selbst außerdem noch in das Gefängniß abgeführt, wo er die Fest 
setzung der Geldstrafe durch den Magistrat abzuwarten hatte. Nun sollte 
zwar zu diesem Verfahren die Genehmigung des Magistrats vorher ein 
geholt und der Beschuldigte 14 Tage vorher gewarnt werden, aber die 
Quellen ergeben, daß die Innungen sich meist hierüber hinwegsetzten und 
ohne Weiteres, ohne zu fragen, eigenmächtig in der angegebenen Weise 
vorgingen. Gegen Konkurrenz von Unbefugten in der Arbeit war aller 
dings diese schnelle Selbsthülfe am wirksamsten. Nach allen Anzeichen ließ 
der Magistrat solche Eigenmächtigkeiten ungeahndet hingehen und es 
höchstens bei einer Verwarnung bewenden. Nur ein Fall wird in den 
Akten gefunden, in welchem das Schneidergewerk wegen solcher Lynchjustiz 
zu zehn Thalern Strafe verurtheilt wurde. Das ganze Verfahren erscheint 
ungemein hart. Denn wenn der Magistrat auch nachher gegen den vom 
Gewerk gefangen eingebrachten Beschuldigten meist sich milde zeigte und 
ihn nicht weiter strafte, so war der Betroffene doch durch Verlust seiner 
angefangenen Arbeit, seines Verdienstes, seines Werkzeuges und durch die 
erlittene Haft schwer mitgenommen. Bei Haussuchungen gegen Händler, 
nach solchen Waaren, die nur Jnnungsmitglieder verkaufen durften, kon- 
fiszirten und verwüsteten die Meister gewöhnlich Alles, deffen sic über 
haupt habhaft werden konnten. Die Polizei war gegen derartige Aus 
schreitungen völlig machtlos; besaßen doch die beiden Städte noch um das 
Jahr 1650 bei rund 6000 Einwohnern nur zwei Polizei- oder Gerichts 
diener. (Forts, folgt.)
        
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