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Periodical volume 8. Mai 1885, Nr. 32

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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Edith« schwieg. Sie fand das die vornehmste Antwort. 
Erich Gunthart aber machte eine hastige Bewegung und stieß 
dabei so unglücklich an sein Glas, daß der goldene Wein 
über das Tischtuch und Ediths Kleid herabfloß. Diese rückte 
erschrocken ein wenig bei Seite, um sich vor der niederrinnen 
den Fluth zu retten. Während Margarethe, die sogleich auf 
sprang, nun den Schaden zu heilen suchte, bemühte sich Erich, 
tief bestürzt über das, was er angerichtet, das Kleid seiner 
Braut zu trocknen, dabei mit einer solchen Armensündermiene 
sie ansehend, daß sie sich eines Lächelns nicht erwehren konnte. 
„Ich war recht täppisch!" entschuldigte er sich. „Ich — 
ich muß mich erst an das Glück gewöhnen! Haben Sie Geduld 
mit mir." 
Das Lächeln schwand von ihren Lippen — sie vermochte 
kein freundliches Wort hervorzubringen. Sie sollte Geduld 
haben mit ihm — mit dem Ideal, zu dem sie emporblicken, 
an dem sie sich hilfesuchend bergen wollte? O arge Ent 
täuschung! O armes betrogenes Herz! 
„Holla! Da bin ich!" tönte plötzlich eine Stentorstimme 
vom Flur herein. Eine freudige Bewegung entstand, und in 
der Thür des Speisezimmers erschien ein größer Mann mit 
charaktervollem Kopf und schönen dunkelblauen Augen. Er 
warf seinen Filzhut auf einen Stuhl und sagte nähertretend: 
„Guten Abend, Kinderchen! Habt Ihr noch ein Glas Wein 
für mich?" 
Der Gruß ward von allen Seiten auf das Freundlichste 
erwidert, und ohne sich zu erheben, streckten die Männer dem 
Freunde die Hand entgegen, während Margarethe ausstand, 
um ein neues Besteck herbeizuholen und neben das ihre zu 
legen. Der Ankömmling ließ sich nieder und goß ein Glas 
Wein hinunter. „Gott sei Dank, daß ich wieder unter 
Menschen bin!" rief er jetzt. „Ich hab'ein Diner mitgemacht 
beim Grafen Preßburg — brr!" — eine Geberde des Abscheus 
— „die ganze vornehme Klique in Schwalbenschwanz und 
weißer Kravatte, die Angströhre an die besternte Brust ge 
drückt, war anwesend. Ich kam mir vor wie „unter Larven 
die einzig fühlende Brust." Aber — wer ist denn das? — 
Donnerwetter, ist die hübsch!" wandte er sich an Margarethe, 
mit dem Versuch, seine Stimme zum Flüstern herabzudämpfen, 
der indeß völlig mißlang, denn für Alle vernehmlich klangen 
die Worte durch die Stille. 
„Lassen Sie sich vorstellen, sie ist das gewohnt," raunte 
Altes Innungsrecht in Gerlin. 
Nach Mittheilungen des Archivars der Stadt Berlin vr. El aus Witz. 
Das allgemeine Interesse, das heute die Umgestaltung oder Neu 
schöpfung von Innungen und corporativen Vereinigungen jeder Art an 
der Hand veränderter Verhältnisse und neuerer Bestimmungen über Ge 
werbewesen und Fachausbildung beanspruchen dürften, bietet willkommene 
Gelegenheit, einen Rückblick auf die eigenartige Vorgeschichte speziell der 
Berliner Innungen hier zu werfen.*) 
I. 
Das Zunftwesen, welches Handwerk und Gewerbe bis in den An 
fang dieses Jahrhunderts hinein beherrscht hat, verdankte seine eigenthüm 
liche Gestaltung und theilweise rühmenswerthe Entwickelung der Vor 
stellung, daß das Handwerk wie ein von der Obrigkeit verliehenes Amt 
zu betrachten sei. Daß diese Vorstellung vom Handwerk auch in Berlin 
vorhanden war, beweism die hier vorkommenden Ausdrücke „Amts 
meister" für Jnnungsmeister, „des Amtes entsetzen" für: aus der 
Innung stoßen. Man nahm an, daß die Innung gleichsam eine Be 
hörde sei, welche das ausschließliche Recht habe. Alles, was das von ihr 
betriebene Gewerbe betraf, zu ordnen und zu verwalten, welcher auch die 
Pflicht obliege, die Stadt ordnungsmäßig mit den Erzeugnissen ihres 
Handwerks zu versorgen, während andererseits Niemand, der ihr nicht 
angehörte, innerhalb des Gebietes der Stadt das Gewerbe zu betreiben 
befugt sei. 
Daraus nun, daß die Innungen ihr Gewerbe völlig als ein ihnen 
überwiesenes Eigenthum ansahen, ergab sich das ganze System von Rechten 
und Bestimmungen, wie sie den Inhalt der Statuten und der Gewerks- 
traditionen bildeten. Obenan stand das Recht, daß kein Anderer, denn 
ein Zunstgenosse das Gewerbeausüben durfte. Hieraus folgte die Be- 
sugnih, Nichtaufgenominenen dieArbeit bei Strafe zu verbieten. Zu 
diesem Verbot war es wieder nothwendig genau festzusetzen, was man 
verbieten durfte, also die Erzeugnisse zu bestimmen, zu deren Anfertigung 
und Verkauf die Zunft sich allein berechtigt hielt. Damit nicht außer 
halb des Stadtgebietes in unmittelbarer Nähe sich Gewerbtreibende 
niederlassen und von dort aus die Rechte der Zunft illusorisch machten, 
war es ferner nothwendig das Recht auf die Bannmeile zu besitzen. 
Bald folgten die Vorschriften, unter welchen die Aufnahme in die Innung 
gewährt werden konnte, die Meistergelder, Meisterprüfungen, die Organi 
*) Herr Archivar Dt. Clauswitz hat einen über diese Materie im „Verein für die 
Geschichte Berlins" gehaltenen Dortrag in dankenswertster Weise zur Verfügung gestellt. 
sation des Lehrlings- und Gesellenwesens, die gleichmäßige Vertheilung 
von Arbeit und Verdienst unter die Jnnungsmitglieder, die Beschaffung 
des Rohmaterials, die Gewerbepolizei hinsichtlich der guten Waare, der 
Schutz gegen Verarmung der Mitglieder, die Wohlthätigkeitsanstalten, die 
Ausrechterhaltung der Disziplin und der Ehre u. s. w. 
Von diesem ganzen System sei hier nur das zuerst angeführte, die 
Grundlage bildende Recht ins Auge gefaßt: das Recht gewisse Erzeugnisse 
allein anfertigen zu dürfen und die damit in Verbindung stehende Be- 
fugniß, Nichtmitglieder vom Gewerbebetriebe auszuschließen. 
Unter dem Zunftrecht eines Gewerkes verstand man — wie bemerkt 
sei — eigentlich die Aufzählung derjenigen Arbeiten, die von anderen 
Gewerken nicht vorgenommen werden durften. 
Diese Befugniß der Zünfte nun, die Erzeugnisse ihres Gewerbes allein 
verfertigen und verkaufen, Personen nach ihrem Ermessen von der Mit 
arbeit ausschließen zu dürfen, führte den natürlichen Egoismus der 
Gewerbtreibende» in vielen Städten von selbst auf den Weg. rücksichtslos 
gegen Gewerbegenossen und Publikum, jede Konkurrenz nach Möglichkeit 
auszuschließen. Es handelte sich nur darum, ob die Obrigkeit — städtische 
oder staatliche — sie in diesem Bestreben gewähren ließ, ja womöglich 
noch unterstützte, oder sie in den richtigen Schranken halten wollte und 
konnte. Wir wissen aus der Geschichte westdeutscher Städte (z. B. 
Straßburgs), daß Zünfte sich dort im Mittelalter der obrigkeitlichen Be 
fugnisse bemächtigt hatten, völlig selbständig gegen Eingriffe in ihr Ge 
werbe vorgingen, den Gerichtshof bildeten, verurtheilten und Strafen 
vollzogen, zumal sie auch über waffentragende Mannschaften in genügender 
Anzahl verfügten, um gebotenen Falles ihren Willen durchzusetzen. — 
Es fragt sich nun, welchen Verlauf die Verhältnisse bei uns in Berlin 
genommen haben. 
Bei der Darstellung des Zunftwesens im Allgemeinen ist man 
vielfach etwas einseitig verfahren, und das gilt noch von den neuesten 
Werken über diesen Gegenstand. Man ging dabei nämlich ivesentlich aus 
von dem Inhalt der Jnnungsstatuten oder Privilegien, beurtheilte darnach 
ausschließlich die Verhältnisse der Gewerke und konstruirte sich die Praxis 
des damals bestehenden Gewerberechts. In der That aber sind jene 
Dokumente nur mit Vorsicht zu gebrauchen und ist die Vorstellung sehr 
zweifelhaft, daß sich die Gewerke sowohl als die Behörden strikte nach 
ihnen richteten — ganz abgesehen von den zahlreichen Hinterthüren, die 
sich in ihnen auffinden lassen. Man überzeugt sich ferner sehr bald, daß 
die Statuten in der älteren Zeit — im Mittelalter — absichtlich oder 
unabsichtlich — zu knapp gefaßt wurden und Vieles fortließen, was 
bereits lange Gewohnheitsrecht war. Man darf also hier auf sie allein 
nicht sein Urtheil stützen. In späterer nachmittelalterlicher Zeit enthalten 
sie wieder zu viel, konserviren veraltete ungebräuchliche Bestimmungen und 
setzen neue hinzu, die auch nicht auf lange Gültigkeit zu rechnen hatten.
        
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