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Periodical volume 2. Mai 1885, Nr. 31

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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eine schwerfällige Landkutsche zu sein schien, aber mit vorzüglichen 
Pferden bespannt war. Ein anderer Wagen sollte den Gefängniß 
wärter und sein Weib in die Ferne bringen. 
Es war ein furchtbares Harren an jenem Abende. Endlich 
kam die festgesetzte Zeit; es dunkelte. Am den Straßen Wiens 
herrschte ein frohes Treiben. Dort stand der Wagen. So, — 
jetzt war es Zeit! 
Der Marquis legte eine schlicht bürgerliche Kleidung an. Er 
etzte eine schneeweiße Perrücke auf. Ich trug meinen gewöhnlichen 
Anzug. Es war 10 Uhr; — um 11 Uhr kam erst die Ronde; — 
bis dahin konnte auch der Gefängnißwärter entwichen sein. In 
einem Kloster vor den Thoren Wiens fanden wir Schutz, bis eine 
günstige Gelegenheit sich uns eröffnete, zunächst nach Baiern und 
von dort durch's Reich nach Holland zu entkommen. 
Wir stiegen die Stufen der Treppe hinab. Ich war im 
Freien; die Thür war nur angelehnt gewesen, — ich athmete auf. 
Da dröhnten die Schritte der Ronde uns entgegen. Mein Gott, 
— heut' kam dieselbe eine Stunde früher! „Achtung," hörten wir 
den Offizier rufen; „es soll nicht Alles richtig sein im Paler- 
Thurme!" — Soeben trat der Graf Linange aus der Pforte, i 
„Ei, Mädel, wohin so spät's" fragte der Offizier, die vermeintliche 
Küchenmagd um die Hüfte fassend. „Des Thorwarts Dienstmagd 
sollte nicht so wilde sein! — Und Ihr, mein Herr Magister," 
wendete er sich zu dem Herrn Marquis, „das ist die Stunde nicht, 
den Mägdlein eine Lection zu geben!" — In demselben Augen- ! 
blicke fuhr der Dolch des Grafen Linange dem Offizier in die 
Kehle. „Rettet Euch!" rief der Graf und lief dem Wagen zu. 
In demselben Augenblicke aber gaben die Grenadiere Feuer. Der 
edle Graf sank tödtlich getroffen zu Boden. „Es ist aus, Lan- 
gallery!" sprach er sterbend. „Ich bitte Sie noch einmal um 
Verzeihung; denn Madagaskar ging durch mich verloren!" — 
Nie habe ich den Herrn Marquis sich würdevoller benehmen 
sehen. Er trat vor die Leiche der vermeintlichen Dienstmagd, 
winkte dem Detachement und sprach: 
„Ich ergebe mich; — meine Hoffnungen sind gescheitert!" 
Es war ein wilder Auflauf entstanden. Drüben zeigten 
sich Gestalten, welche bereit schienen, uns zu helfen. Doch in dem 
selben Augenblicke rückte eine stärkere Patrouille österreichischen 
Militärs heran. „Gnade für den Wärter und für meinen Diener!" 
rief der Marquis aus, jetzt blaß wie der Tod. 
„Ich habe keine Gnade zu gewähren!" sprach der komman- : 
dirende Offizier. „Ich bitte, Herr Marquis, — zurück in den i 
Thurm!" — „Du auch, mein Sohn!" wendete er sich an mich, 
„lind dann zwölf Mann vor das Thor! Wir wissen nicht, was 
im Werke ist! Den Todten in den Thurm!" — 
Wir fühlten, daß Alles verloren war. Wer kann sich den 
Jammer des alten Thorschließer-Ehepaares auch nur annähernd 
vorstellen, welches mit Ehren ergraut war und nun um Hoch- 
verrathes willen gerichtet werden mußte? — Es schien in der That 
das Schicksal des Herrn Marquis zu sein, all' diejenigen, welche mit 
ihm in Verbindung traten, dem Verderben zuzuführen! 
Die österreichischen Gerichte übten in diesem Falle eine überaus > 
schnelle Justiz. Der Gefangenwärter des Paler-Thurms wurde 
zwei Tage darauf vor demselben gehängt, — das arme Mütterchen, 
sein Weib, wurde unbarmherzig gestäupt und des Landes verwiesen. 
Ich selber erhielt im „Rumorhause" drei Tage lang zu dreien 
Malen Stockprügel, welche mich zu einem elenden Menschen 
gemacht haben. Dann wurde ich meinem armen Herrn zurück 
gegeben ; doch nur, um mit demselben zugleich nach der Veste Raab 
an der Donau, südlich von der Insel Schütt, deportirt zu 
werden. 
Ich dachte nicht an mein bemitleidenswerthes Dasein und 
nicht an mein eigenes Unglück, sondern nur an den großmüthigen 
Mann, welcher mich einst aus der Sklaverei der Barbaren befreit 
| hatte, — an meinen liebenswürdigen, gütigen Herrn, den ich nicht 
aufhören werde als den Besten der Menschen zu betrachten. — 
Sein Anblick rührte mich zu Thränen. Seitdem all' seine Hoff 
nungen zusammengestürzt waren, sprach er bis zu seinem Tode kein 
Wort mehr. Ich habe auch keinen Seufzer mehr von ihm ver 
nommen, geschweige denn einen Ausbruch der Klage. Er hatte mir 
das Geld gereicht, welches er noch bei sich trug; — merkwürdig 
edel, ließ man mir dasselbe. Ost sah mich der Herr mit einem 
Blicke an, der mich antrieb, ihm zu Füßen zu fallen und an seinen 
Knieen zu weinen. Ein Krampf schien ihn der Sprache beraubt 
zu haben; er nahm keine Nahrung mehr zu sich, weder feste noch 
flüssige. Wer kann auch solche Schicksalsschläge tragen, wie sie den 
Marquis betroffen haben? 
Seine Gesichtszüge waren seit der letzten Katastrophe steif 
und starr geworden, wie die einer Statue. Endlich vermochte sich 
der von dem Glücke so oft getäuschte Mann nicht mehr aufrecht zu 
halten; er legte sich nieder. Ich beobachtete ihn beständig. Erregte 
und rührte sich nicht und lebte doch! Starr und glanzlos wie 
sein Auge war: sein Athem war doch noch vernehmbar! 
Dieser Zustand dauerte etwa 14 Tage an; da berichtete man 
dem Kaiser über den Staatsgefangenen von Raab. Es erging 
der Befehl, man sollte den Marquis zwingen, zu effen und zu 
trinken. Vermittelst eines Schlauches flößte man ihm Wein und 
andere Flüssigkeiten ein. Dennoch blieb der Zustand des Marquis 
der gleiche, apathische. Ein wenig Bouillon, — ein wenig Wein 
und Zuckerwasser: daraus bestand viele Monate lang die Nahrung 
des erlauchten Gefangenen. 
Endlich, — es war im Juni 1716, — nahten die Vorboten 
des Todes. Das Auge erlangte seinen Glanz wieder, und eines 
Tages deutete mir mein Gebieter durch Zeichen an, daß er zu 
schreiben wünschte. Wundersam! Mit festen Zügen warf sein 
Stift die folgenden Worte auf ein Pergamentblatt hin, welches 
ich wie ein Heiligthum bewahre: 
„Ich sterbe für eine unglückliche Sache; — aber dieselbe hat 
dennoch eine Zukunft! Die Gewalten geistlicher und weltlicher 
Tyrannen werden stürzen, — ich weiß es, nicht lange nach mir! 
Die großen Prinzipien der Wahrheit, Freiheit und Glückseligkeit 
müssen siegen in der Welt! Ich habe vielleicht in meinen Mitteln 
fehlgegriffen, — was ich aber gewollt habe, war recht und gut. 
Die Zukunft wird mich rechtfertigen: in fernen Welttheilen, viel 
leicht auch einst in meinem Madagaskar, wird ein neuer Tag an 
brechen, wenn mein Auge sich längst geschlossen haben wird. Auch 
der Aberglaube, der die Tyranneien in Europa stützt, vor Allem 
jenes Papstthum, welches sich mit einer Maintenon verbündet hat 
und zu dessen Schergen sich ein deutscher Fürst gemacht hat, wird 
untergehen. Ich glaube nicht, daß ich vergebens gelebt habe. Ein 
furchtbares Gericht wird bald nach mir heraufziehen über den König 
von Frankreich, — über alle Welt! Ein Kampf zwischen Licht und 
Finsterniß wird entbrennen, welcher vielleicht Jahrhunderte lang 
währt! Oft wird dieser Kampf st e h e n; — oft wird es selbst scheinen, 
als ob die Entscheidung nicht günstig für uns fallen werde. Endlich 
aber wird der Sieg doch unser sein! Dann werden gleich ewigen 
Sternen meine drei Ideale ob aller Menschheit leuchten: 
Die Wahrheit, die Freiheit und Glückseligkeit! — 
Wohl weiß ich es, — ich selbst war nicht würdig, der edle 
Kämpfer zu sein, der unsere Sache zum Siege führt. Heldenhaftere 
und reinere Männer werden nach mir kommen und glücklichere 
Kämpen des Gottesreiches werden. Das weiß ich bestimmt, und 
diese Hoffnung tröstet mich in meinem Tode. — 
Meinen Feinden aber volle Verzeihung, Verzeihung auch der 
Frau von Maintenon und dem nun todten Tyrannen Frankreichs, 
LudwigXIV., Verzeihung dem Kaiser vonOesterrcich und d er, die mich 
am schwersten gekränkt hat, der ehrmaligen Marquise von Langallery! 
Meinen Segen über meinen Sohn Friedrich Philipp, und
        
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