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Volume 26. April 1885, Nr. 30

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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beobachtete. Es war aus dem Markte zu Leer gewesen. Ein Ritt 
meister war's von dem berühmten Regimente der Kürassiere 
Bouquoy, denen seit der Prager Schlacht vom weißen Berge 
freisteht, mit Musik selbst vor der Wiener Hofburg auszuziehen. 
Ehrfurchtsvoll verbeugte sich der Kürassier vor mir. „Täusche ich 
mich," so fragte er dann, „oder sehe ich des Herrn Feldmarschall- 
Lieutenants von Langallcry Excellenz vor mir?" — „Bin nur ein 
venetianischer Werbe-Osfizier, — Oberst Lanciano!" erwiderte ich, 
unter falschem Namen mich vorstellend. Allein der kaiserliche 
Oifizier ließ noch keineswegs von mir ab. „Sie werben nicht gegen 
die Barbaresken, sondern gegen die Türken?" fragte er lauernd. 
„Ich sitze nicht im hohen Rathe der Republik!" erwiderte ich kurz 
und ging, eine leichte Verbeugung machend, mit Jean-Franpois 
de Linange meines Weges 
tveiter. 
„Ich wundere mich 
nicht, daß der Rittmeister 
Sie erkannt hat, Langal- 
lery!" sprach Linange. 
«Ihre Haltung ist die 
selbe geblieben wie in den 
Tagen des Glückes!" 
„Sie soll's, mein 
Freund!" erwiderte ich. 
„Nie und nimmer will 
ich das Haupt senken, — 
am wenigsten aber vor 
diesen Kirchenmäusen von 
Kaiserlichen, welche mir 
noch meine guten 500 000 
Gulden schulden!" 
„Ein wenig Vorsicht 
kann uns nimmer scha 
den!" sprach Linange. 
„Wir werben gegen Rom, 
und Rom und Wien 
sind heut verbündet!" 
„Halten Sie es für 
möglich, daß in der Ge 
sellschaft der Freunde des 
göttlichen Wortes in Hol 
land ein Verräther sich 
befindet?" — 
„Gewiß nicht! — 
Aber in Wien, — ver 
zeihen Sie: das heilige 
Rom hat seine Emissairc 
überall!" — 
Indessen achtete keiner 
von uns weiter des Vor 
falls. Wir sollten erst nach einigen Tagen wieder auf die schmerz 
lichste Weise an denselben erinnert werden. 
Unser Werbegeschäft konnte für abgeschlossen gelten; — sichere 
Leute führten das von uns geheuerte Schiffsvolk nach Norden, 
wo wir uns sammeln wollten, um die Fahrt nach Holland anzu 
treten. Wir selbst zogen mit etwa fünfzig Begleitern, welche leider 
noch nicht bewaffnet waren, langsam durch die eintönige Flach- 
landschaft, welcher selbst der Frühling den Charakter der Oede und 
der tiefen Trauer nicht zu nehmen vermocht hatte. Die Dämmerung 
hatte uns überrascht. Ein bewohnter Ort schien in dem Moor- 
und Haidelande auf viele Stunden Weges nicht anzutreffen zu 
sein. Tiefgebräunte Trümmer aber ragten in der Ferne vor uns 
auf. Als wir näher kamen, erblickten wir eine zerfallene Kloster 
anlage, innerhalb welcher der hohe Chor des verwüsteten Gotteshauses 
Theatersriseur Ivarneilic. 
Nach einer Skizze von Fr. Krüger. 
sich trefflich zum Aufschlagen eines Nachtlagers eignete. Wir hatten 
hier vor Allem Schutz vor dem Sturme, der immer heftiger zu 
brausen begann. Die Nacht mußte sehr dunkel werden; — das 
ganze Firmament war mit schweren Regenwolken bedeckt; kein 
Stern leuchtete auf uns herab. In den Augenblicken aber, in 
welchen der Sturm schwieg, fielen schwere Regentropfen auf 
uns nieder. 
Bald hatten wir die Ruine erreicht. Zum Glück für uns 
fanden wir noch genug alte Holzschnitzereien vor, welche sammt 
dem herabgestürzten Sparrenwerke des Daches uns die Möglichkeit 
boten, ein helles Feuer zu entzünden. 
Nachdem sie ihr Mahl sich bereitet hatten, war unsere Mann 
schaften in Schlummer gesunken. Wir hatten keine Wachen aus 
gestellt; — was sollten 
diese auch in dem fried 
lichen Lande? Linange 
und ich wachten allein. 
Immer heftiger wurde 
die Gewalt des Sturmes; 
allein die Mauern, die 
uns schützten, wankten 
nicht. Aber es war eine 
düstere, verderbenschwan 
gere Nacht. Die Becher 
waren geleert; wir hatten 
versucht, zu schlafen; — 
allein der Sturm, der 
Regen, das unbehagliche 
Wiehern der Rosse, deren 
wir beide uns bei der 
Werbungsreise bedient 
hatten, — das Alles 
verscheuchte den Schlaf. — 
Linange schürte das 
Feuer an. „Woran denken 
Sie, Marquis? fragte er. 
„Ihr Auge leuchtete so 
eben in unheimlicher 
Gluth!" 
„An Verlorenes, Li 
nange!" erwiderte ich. 
„Nicht an mein ungetreues 
Weib, — nicht an mein 
Eigenthum, welches man 
mir zu Wien vorenthält! 
Ich dachte an Madagas 
kar; ich dachte an die 
Goldfelder, die wir einst 
aufgefunden haben und 
welche wahrscheinlich von 
Fremden schon ausgeraubt worden sind! Wie im Traume zogen 
mir die Bilder von der fernen Mondinsel vorüber. Untergegangenes 
Glück, — untergegangene Herrlichkeit!" 
„Werden Sie nicht melancholisch, schwach und wankend, 
Langallcry!" rief Graf Linange. „Wir sind ja im Begriffe, den 
Schaden wieder wett zu machen. Der Anschlag auf Loretto kann 
nicht wohl mißlingen!" 
„Was kann in dieser Weli denn nicht mißlingen?" — 
„Ich aber hoffe!" sprach Linange. „Ein guter Anfang, und 
das große Werk ist uns gesichert! Allüberall in Europa wanken 
die Reiche und Throne! Ich kenne Rußland und Frankreich! 
Morsch ist dies deutsche Reich, ist Spanien und Italien! Ein 
großer Eroberer, welcher die Hochherzigkeit besitzt, der Menschheit 
Glück, Frieden und religiöse wie politische Freiheit zu schenken. 
1831.
	        
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