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Volume 19. October 1884, Nr. 3

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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befohlene oder selbstunternommene Processe, jedesmal ein andächti 
ges Gebet vor Anfang des Experimentirens, stete Berichte an den 
Director des geheimen Rathes und Kammerherrn Baron v. Friesen 
und sofortige Mittheilung aller gemachten Erfahrungen an den 
Kurfürsten selbst zur Pflicht, sichert ihm aber dagegen das, für 
damalige Zeit enorme Gehalt von 1000 Thlr., einen Unter-Labo 
ranten als Gehülfen und Bezahlung für alle Materialien, Instru 
mente, Gläser und Kohlen zu. 
Als Kunkel seinen Dienst in Dresden antrat, führte ihn der 
Kurfürst selbst in den Probirsaal, übergab ihm alle von den Al 
chymisten seiner Vorfahren hinterlassenen Bücher und Schriften, so 
wie das ganze Inventarium, welches sich auf das Bollständigste 
eingerichtet fand. Statt des späteren einen Unter-Laboranten 
wurden ihm deren zwei und auch ein Kohlenträger bewilligt, die er 
selbst auswählen und engagiren konnte. Die Wahl dieser Leute 
sollte Kunkel indeflen kein Glück bringen. Einer entlief ihm, der 
andere, Christoph Grummet, betrog ihn. Es war ein schlauer 
Bursche, der wahrscheinlich sehr bald durchschaute, daß sein Meister 
gerade das, was man eigentlich von ihm verlangte, edle Metalle 
und den lapis philosophorum, nicht machen könne. Obgleich 
Kunkel selbst in seinem Dahoratoriurn Chymicum*) von allerlei 
Experimenten erzählt, so ist es doch absolut unmöglich zu verstehen, 
was er denn eigentlich gemacht oder machen wollte. Offenbar 
hüllt er sein Treiben in Nebel, giebt aber doch zu verstehen, daß 
es ihm jedenfalls gelungen, aus Vitriol Silber zu machen. Eben 
so wenig läßt sich erkennen, was die Ursache seines Zerwürfnisses 
mit jenem Grummet war. Wahrscheinlich sind da zwei Füchse 
aneinander gerathen. Grummet verklagte seinen Meister bei den 
Ministern und behauptete, Kunkel könne Geld machen, mache es 
auch, wolle es aber nur nicht sagen wie? — wolle man ihm aber 
die alten Bücher und Schriften geben und ihn in das Laboratorium 
einsetzen, so werde er die Wünsche des Kurfürsten wohl erfüllen j 
können. Es zog sich also ein Gewitter über Kunkel zusammen, 
und er sollte aus Dresden fort nach dem Amte Hohenstein, deffen 
Jntraden ihm zugesichert wurden. Man sagte ihm, er könne dort 
ruhiger und bester leben. Nun merkte Kunkel indessen wohl, aus 
was es gegen ihn abgesehen war, verschaffte sich eine geheime 
Audienz, brachte dem Kurfürsten 10 Mark Goldes, von denen er 
indesten in seinen Aufzeichnungen doch nicht positiv sagt, daß er 
sie gemacht, obgleich es sonst aus seinen Erzählungen wohl hervor 
geht, klagte seine Noth und verlangte Schutz, bat auch um Ver 
schwiegenheit, damit seine Feinde nicht merkten, daß der Kurfürst 
von ihren Intriguen unterrichtet sei. Von der Naivität, mit welcher 
Kunkel seine Erlebnisse zwischen Recepte, Processe und Experi 
mente einschaltet, möge das Folgende ein Pröbchen geben. 
„Diese angelobte Verschwiegenheit aber blieb nicht länger bis 
auff den Mittag, denn da der Herr ein wenig getrunken, da 
kommt einer, der nennet meinen Namen; der Churfürst, solchen 
hörend, vermeynet, man wolle von mir etwas Unbilliges vor 
bringen, sänget darauff mit Donner und Hagel an zu fulminiren, 
der sollte diejenigen zerschlagen, die mich ungleich ansehen würden; 
sie sollten ihm und Kunkeln was anderes thun. Hierauf war der 
Teuffel vollends los." 
Die Gunst scheint aber doch nicht lange gedauert zu haben, 
denn Kunkel bat bald darauf selbst darmn, sich nach Annaburg 
begeben zu dürfen, wo eine gute Gelegenheit sei, zu leben und zu 
laboriren. Er sagt darüber, daß er es „aus gewissen Ursachen" 
gethan. Da ihm aber bald darauf der Gehalt nicht mehr bezahlt 
wurde, und man ihn in Dresden ganz vergessen zu wollen schien, 
so litt er Mangel, beklagte sich, erhielt aber die Antwort von den 
Kurfürstlichen Ministern: „Kann Kunkel Gold machen, so bedarf 
er kein Geld, kann er solches aber nicht, warum solle man ihm 
') Dritter Theil. 31. Capitel. 
dann Geld geben?" Gewiß ganz vernünftig, wenn man nur über 
all und zu allen Zeiten so gesagt, so oft ein Alchymist in Dienst 
genommen wurde. Kurz, es ging dem Director des Kurfürstlichen 
chemischen Laboratorii endlich so traurig, daß er Annaburg verlassen 
und sich in Wittenberg durch ein öffentliches Collegia Chymicum ex 
perimentale zu erhalten suchen mußte. Auf seine desfallsige Bitte 
erhielt er seinen Abschied in optima forma und mit eben so weit- 
läuftigen Redensarten, wie in seiner Bestallung, begab sich noch 
einmal nach Dresden, um das Inventar des Probirsaales zurück 
zuliefern, War aber nicht wenig verwundert, als der Kurfürst ihn 
kommen ließ, sich sehr unzufrieden zeigte, daß Kunkel ihn ver 
lassen wolle, und ihm einen neuen Contract anbot, in welchem er 
selbst den Gehalt mit tausend Thalern hineinschrieb. Es ist dies 
derselbe Contract, der schon erwähnt wurde, und in welchem es heißt, 
daß Kunkel schon „etzliche Zeit gedient, nun aber die Nothdurfft 
einer besonderen Bestallung erkannt worden wäre." 
Als Kunkel indessen das erste Quartal bei dem Kämmerer 
erheben wollte, antwortete ihm dieser: Geld könne er noch in drei 
Jahren nicht bekommen, denn so viele Anweisungen wären schon 
für Andere vor der seinigen eingetragen. 
Da traf es sich denn besonders günstig, daß der Leibarzt des 
Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg, Dr. Mentzel, 
ein Verehrer des Kunkel'schen Phosphorus, ihm schrieb, ob er 
nicht einmal nach Berlin kommen und dem Kurfürsten seinen Phos 
phor zeigen wolle, der Kurfürst trüge ein Verlangen danach. Das 
kam dem zwar höchst gnädig wieder angestellten, aber nicht be 
zahlten Kunkel gerade zu rechter Zeit und so begab er sich denn 
nach Berlin. 
Das bekannte v. Buch'sche Tagebuch*) erzählt vom Jahre 1677: 
„In dieser Zeit war ein Mann in Potsdam, welcher in Gegen 
wart des Kurfürsten und des Prinzen von Anhalt, so wie des 
Doctors Menzel, aus einem Stücke Kupfer sehr gutes Silber 
machte, und aus dem Silber feines Gold, welches alle Proben 
j bestand. Ich habe etwas davon." 
Die Vermuthung liegt sehr nahe, daß dies Kunkel gewesen. 
Er selbst erzählt seine erste Audienz beim großen Kurfürsten aber 
wesentlich anders: 
„Also reifete ich nach Berlin, da ich dann nicht 12 Stunden da 
rinnen war, so wurde ich durch jezt bemeldeten Herrn Dr. Mentzel 
zum Kurfürsten auffgeführet, von welchem ich mit einer gnädigsten 
Mine und Darbietung des Handkustes empfangen war, da ich 
dann über dieses Herren sonderliche hohe Gnade und Höfflichkeit 
mich zum höchsten verwundern, und auch zugleich wegen dieser un 
würdig empfangenen Gnade vor den Ilmsteheuden mich gleichsam 
schämen müsten. Wie ich nun etliche Tage mich in Berlin auff- 
hielte, mußte ich alle Abend bey dem Churfürsten sein, und öffters 
zum höchsten Verdruß anderer, die darauff warten mußten, und 
mit ihm zu 2 ä 3 Stunden alleine sprechen, denn dieses hochseligcn 
Herren Liebe zu curieusen Leuten, wie auch dessen Freundlichkeit 
und andere ungemeine Hochfürstliche Tugenden, wodurch er eines 
jeden Herz gewinnen konnte, war so groß, daß meine Feder und 
meine Kräfte viel zu schwach, solches zu beschreiben. 
Ich wurde also diesmal mit einem gnädigsten und ansehn 
lichen Präsent wieder abgefertigt. Es waren aber kaum 3 Wochen 
nach meiner Abreise verflossen, da hatte sich ein gewister Baron, 
besten Namen ich wegen seiner Familie verschweige, bei dem Chur 
fürsten angegeben, wie daß er ein Pulver machen könnte, so ein 
Anfang der rechten Tinctur wäre, wann er solches auff ein Silber 
trüge, so könnte man so viel Gold daraus scheiden, welches einen 
großen Provit einbringen sollte. Der Contract ward geschlossen, 
*) v. Kessel, Major a. D. „Das Tagebuch Dietrich Siegis- 
mund's v. Buch. Ein Beitrag zur Geschichte des Großen Kurfürsten. 
2 Bände. Jena und Leipzig, 1865, bei Costenoble.
	        
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