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Periodical volume 18. April 1885, Nr. 29

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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gebracht, welche, obwohl durchaus verschieden sowohl an Geist wie 
Gaben, doch die gleiche Bedeutsamkeit für die Verwirklichung un 
serer Zwecke besitzen. 
Jener Gesandte Sr. Majestät des Sultans Osman Aga, 
welcher nach dem Haag gesendet wurde, um den Staaten ihre 
Beute an Schiffen der Hohen Pforte abzufordern, wurde 
unser Mitglied. Sie sehen ihn heut hier! Denn auch der Koran 
will es, daß das Wort des Herrn, daß die Vernunft gebiete über 
alle Welt! Der edle Aga Osman hat uns Gold gebracht in Hülle 
und in Fülle! — Wir haben ferner einen Mann gewonnen, der 
die Schiffe unseres Bundes kühn zum Siege führen wird: es ist 
der Graf Linange! — Ein anderer ruhmgekrönter Feldherr bietet 
uns heut seinm Arm: es ist der Marquis von Langallery, welcher 
einst Madagaskars Kaiser war. Er wird zu Lande unsere Truppen 
führen! 
Nicht ist's an mir, hier Würden zu verleihen! Allein ich bin 
von ganzem Herzen davon überzeugt, daß ich in Aller Sinne 
handle, wenn ich rufe: 
„Graf von Linange, — seien 
Sie unser Admiral!" 
„Marquis Langallery, — 
Sie Großfeldherr der Truppen 
unseres Bundes! Und — Sieg und 
Heil möge Sie all'zeit krönen!" 
Wieder folgte ein stürmischer 
Applaus. 
Es trat jetzt ein anderer 
Redner auf, — wie ich erfuhr, 
ein portugiesischer Jude, — ein 
Landsmann von Lezena. 
Wenn uns in höheren Breiten 
der Jude im Allgemeinen wohl 
als mehr unkriegerisch und mehr 
oder minder erwerbssüchtig von 
Charakter gilt: der portugiesische 
Jude ist das nicht! Im Gegen 
theil: der Adel der alten Söhne 
Judas lebt in ihm fort: er ist 
feurig, heroisch, großmüthig wie 
ein Saul und Judas Makkabi, — 
kein Schacherer und Armer wie 
ein Joseph oder David! Mit 
flammenden Worten mahnte der 
Jude zur That. „Und wem soll 
unser erstes Werk nun gelten?" So schloß er seine zündende Rede. 
Da erhob sich jener türkische Gesandte Osman Aga, welcher 
in Holland weilte, um jüngst entstandene Differenzen zwischen der 
Pforte und den Generalstaaten beizulegen. In italienischer Sprache 
und in wohlklingendem Organe rief er, daß es dröhnend durch den 
Saal hinhallte: 
„Demjenigen, der sich den Stellvertreter Gottes nennt: dem 
Papste!" 
Brausender Zuruf ertönte durch den Saal. In keinem Lande 
der Welt mag der Papst auch so gehaßt sein wie in Holland! 
Die Gründe dafür ergeben sich mit Leichtigkeit aus der Geschichte 
des Landes. Die alten Geusen haben einst den Wahlspruch ge 
führt: „Viel lieber Türk' als Pfaff'!" Dem Papste also ward 
der erste Schwertschlag zugedacht von Seiten der Theokratie des 
göttlichen Wortes! 
Nach eingehenden Berathungen trennte sich die Versamm 
lung; doch wurde zuerst noch eine Art von Blutsverbrüderung ge 
feiert. Ein goldener Kelch, mit rothem Weine gefüllt, machte die 
Runde; der Wahlspruch aber, welchen der Trinkende dem Nachbar 
zuzurufen hatte, bestand aus den drei Worten: 
„Wahrheit, Freiheit und Glückseligkeit! 
Soweit ich weiß, ist über diese merkwürdige Gesellschaft der 
Freunde der Herrschaft des Wortes Gottes noch nie etwas Ge 
naues und Authentisches veröffentlicht worden. Ich lege in diesen 
Auszeichnungen nur die Wahrheit nieder. Vielleicht erklärt die 
selbe kommenden Zeiten viel Räthselhastes, was im 18. Jahr 
hundert geschehen ist. Die Gesellschaft besteht auch heute noch. 
Da indessen viele von denen, welche damals meine Freunde 
wurden, noch leben und sich in dem Bereiche der Machthaber dieser 
Welt befinden, so bin ich genöthigt, über die Mehrzahl der be 
theiligten Personen den Schleier des Geheimniffes zu breiten. Ich 
hoffe indeß, auch selbst für die hier gegebenen kleinen Mittheilun 
gen wird mir der Geschichtsschreiber zu Dank verpflichtet sein, 
welcher es dereinst unternimmt, den Geist des 18. Jahrhunderts 
im Zusammenhange darzustellen. 
Doch ich gehe sogleich zu den folgenden Thatsachen über. 
Es war Seitens der Versammlung dem Grasen Linange, 
dem Türken Osman Aga und 
mir der Auftrag geworden, den 
Kriegszug gegen den Papst vor 
zubereiten. Er, der sich immer 
den Statthalter Gottes auf Erden 
nennt, — er, der seit Jahr 
hunderten das Gewissen der Völ 
ker, die Wahrheit und die Freiheit 
geknechtet hatte, sollte zuerst 
fallen! Wir mußten daher mit 
Osman Aga über die Vorberei 
tungen zu einem Zuge gegen Ita 
lien verhandeln. 
In der Einsamkeit des Ker 
kers, welche sonst wohl chimärm- 
haste Pläne erzeugt, welche mir 
indessen die volle Klarheit meines 
Geistes zurückgegeben hat, lerne 
ich es jetzt begreifen, daß meine 
Pläne gewiß ein wenig aben 
teuerlich gewesen sind. Hätten die 
selben Erfolg gehabt, — man 
würde sie freilich nicht als müßige 
Hirngespinnste verurtheilt haben, 
wie es geschehen ist. Der Erfolg 
ist ja nun einmal der Maßstab 
aller Dinge! Er rechtfertigt Alles! 
Es handelte sich bei einem Angriffe auf das Papstthum zu 
nächst darum, deffen materielle Macht lahm zu legen, mit einem 
Worte: ihm die Geldmittel zu entziehen, welche daffelbe zur 
Stützung und Erhaltung seiner geistigen Autorität gebrauchte. 
Unsere Konferenzen fanden bei Osman Aga statt. Seine 
Großmuth hatte Linange und mich in dm Stand gesetzt, wieder 
vollkommen als reiche Edelleute, als Fremde von fürstlichem Range, 
auftreten zu können. Wir mtfalteten einen maßvollen, aber ge 
diegenm Glanz. In dem prächtigen Hotel des Türken trafen wir 
uns jetzt jedweden Abend. Allein wir schwelgten nicht. Die 
Pläne, welchen wir uns geweiht hatten, verbannten selbst den 
Wein; nur bei Sorbet wurde berathen, was ich jetzt dem Leser 
mittheilen will. 
Wer kennt nicht jenen berühmten Wallfahrtsort Loreto bei 
Ancona? — Als ich in venezianischen Diensten stand, hatte auch 
ich jene casa santa einst mit Andacht besucht, welche die Engel 
einst im Jahre 1295 nach Loreto gebracht haben sollen: das Haus 
der Maria, welches sich einst zu Nazareth befunden haben soll. 
Mit Schauern der Andacht hatte ich damals das Heiligthum be 
treten. Jetzt, nach Beausobre's Unterricht, war ich ein protestan-
        
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