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Periodical volume 18. April 1885, Nr. 29

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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es in vorigen Zeiten geschehen war, im Auslande zu suchen und 
das Geld dahin zu verschleppen. Der preußische Staat hatte vier 
Universitäten, deren Lehrstellen mit tüchtigen Männern besetzt waren 
und in den Hauptstädten fehlte es auch nicht an guten Schulen. 
Friedrich suchte auch Gelehrte zum Unterricht der Jugend aus der 
Fremde zu ziehen, welche sich daselbst schon Achtung und Verdienst ! 
erworben hatten und es mangelt nicht an Beispielen von guten 
Köpfen, welche sich unter ihnen gebildet haben. Da man nun 
auch, wie ich schon gesagt habe, bei Besetzung öffentlicher Aemter, 
mehr als sonst auf erworbene Kenntniffe und Fähigkeiten sah und diese 
bei deren Ausübung immer nothwendiger wurden; so nahm das Be 
streben, etwas Rechtschaffenes zu lernen, zu und dies war gerade der 
Weg, um die Gelehrsamkeit schätzbar zu machen. Man fing auch an 
sich um die Landesgeschichte zu bekümmern und D. Bekmann be 
schloß, die Mark Brandenburg zu beschreiben, von der bisher wenig 
bedeutende Nachrichten vorhanden waren. Ebenso ward das 
Studium der Alterthümer, welches bisher unbekannt gewesen, 
wichtig und Begers Arbeiten in diesem Fache habe ich schon an 
gezeigt. Ich könnte noch viel andere Beispiele anführen, welche 
beweisen, daß die Gelehrsamkeit wirklich Fortschritte während der 
Regierung Friedrichs gemacht habe, wenn ich anders eine Ge 
schichte derselben schreiben wollte. Indessen wurde alles dieses 
Gute zu schnell unterbrochen und die schleunige Veränderung, 
die der preußische Staat im Jahre 1713 erfuhr, gab allen 
Dingen eine andere Gestalt. Doch davon ein Mehreres in der 
Folge. 
Die Memoiren eines Kaisers von Madagaskar. 
Herausgegeben von ®sfcat 8-KmM. (Fortsetzung.) 
„Ich bin leichtsinnig, — ein Gauner aber zu werden oder 
ein Eunuch hatt' ich auch in Rußland nicht Lust! Ich habe 
wenig auf mein Wappenschild gehalten, — Gott sei's geklagt! 
Neben die branntweinbenetzte Trommel einer ehemaligen Marke 
tenderin und die löbliche Firma der Besitzerin eines öffent 
lichen Hauses wollte ich daffelbe aber doch nicht stellen. — 
Klug muß der Mensch dort sein, mein theurer Herr Marquis! 
Als das Schifflein meines Lebens in Rußland wrack wurde, waren 
wenigstens meine Silbertonnen längst schon gerettet nach der - 
Amsterdamer Bank! Ich bin in kurzer Frist ein reicher Mann 
geworden; — gebieten Sie in jeder Höhe über mich!" 
Ich war zu schwach, um Linange mein Mißfallen über seine 
Sprache auszudrücken; — im Uebrigen waren freilich die Anschau- j 
ungen, welche er entwickelte, mir leider nicht mehr neu! Daß es 
doch nur der Vortheil ist, welcher trotz alles mit der Religion und 
Sittlichkeit getriebenen Kultus die Welt regiert, das wußte ich ja 
längst, wenngleich sich stets mein Geist noch sträubte, diese grauen 
volle Wahrheit anzuerkennen! 
„Wir müssen wieder zu leben anfangen, Langallery!" sprach 
Linange. „Ich weiß, auch Sie werden das rechte Lebensagens 
wieder auffinden! Mit Entzücken habe ich's gehört, wie Sie in 
Ihren Phantasieen kaum ein ander Wort erwähnt haben als 
die Rache!" 
„Ja, Rache!" rief ich, von einer mich förmlich beglückenden 
Wuth meines Herzens durchschauert, aus. „Rache an dieser Welt 
des lügenhaften Scheines! Rache an diesen Thronen, welche sich 
in einer sich selbst vergötternden Lüge mit dem Schein der Gnade 
und Gerechtigkeit, der Tugend und der Würde bekleidet haben und 
die morsch sind durch und durch, nur Moder bergend! Nieder mit 
diesen Peinigern der Menschheit, zu denen sowohl der große König 
Ludwig wie der kleine Landgraf Karl gehören! Nieder mit der 
vorgeblichen Frauenkrone, welche eine Phryne wie die Maintenon, 
— eine elende Priesterin der Venus vnlgivaga, wie meine holde 
Gattin, sich auf die Stirne setzen! Der jüngste Tag muß kommen! 
Die Saat ist reif! Das Auge des Ewigen kann nicht länger mit 
Geduld herniederschauen auf diese Bauten fluchwürdiger Tyrannei, 
conventioneller Lüge und pharisäischer Lüsternheit! Mit eisernen 
Ruthen müffen sie hinweggekehrt werden, — der Geist Gottes 
beginnt die Welt zu durchwehen!" — 
„Ich weiß nicht, was ich in dem Paroxysmus der Leiden 
schaft noch weiter gesprochen habe. Gott möge mir den Fluch 
verzeihen, wenn er nicht verdient ist; — aber er möge ebenso 
auch denselben an der Tyrannei und Heuchelei der Großen dieser 
Welt dereinst in einem Gerichte ohne Gleichen erfüllen, falls ich die 
Wahrheit gesagt habe." — 
Linange war sehr ernst geworden. „Was Sie soeben geäußert 
haben, Herr Marquis," so sprach er, „fühlen Hunderttausende mit 
Ihnen mit. Die Form, die jetzt die Staaten hält und bindet, 
muß zerbrechen!" — 
Wir konnten augenblicklich nicht weiter reden; der Arzt trat 
ein. Es entging ihm nicht, in welcher Aufregung ich mich befand. 
Er machte uns die bittersten Vorwürfe. — 
Der regnerische Frühling Hollands gab mir meine Kräfte 
wieder. Auf dem Krankenbette, in der Einsamkeit der schlaflosen 
Nächte, deren Stille hier zu Amsterdam wie einst in Berlin nur 
das Glockenspiel, — hier das vom alten Rathhause, — unterbrach, 
waren indessen in uns Pläne gereist, an deren Ausführung nun 
gegangen werden mußte. 
Die General-Staaten von Holland waren schon seit dem 
Reformationszeitalter die Zufluchtsstätte der erleuchtetsten Geister 
Europas gewesen und aller Derer, welche im freien Geiste sich 
empört hatten gegen die Herrschaft des Unrechts, der Lüge und 
der Gewalt. Das freie Holland war im Jahre 1714 die einzige 
sichere Zufluchtsstätte der Geächteten der Welt. Bald wurde ich 
durch Linange in deren Mitte eingeführt. Ein leidenschaftlicher, 
revolutionärer Eifer trat mir hier entgegen, — eine geistige Stim 
mung, wie ich sie noch nie angetroffen hatte, wie sie indessen meinen 
eigenen Ansichten und Plänen auf's Vollständigste entsprach. Linange 
schien das Haupt all' dieser Männer zu sein, welche nichts 
Geringeres als den Umsturz aller damals bestehenden Gesell 
schaftsformen beabsichtigten. 
Doch ich will in diesen meinen Aufzeichnungen nicht philo- 
sophiren, — ich will es nicht darstellen, wie meine Pläne allmählig 
immer mehr in mir reiften, wie sie dann durch die Aussprache mit 
den neu gewonnenen Freunden sich wandelten, wie sie greifbarere 
Gestalt erhielten und endlich zu einem vollständig in sich abge 
schloffenen Systeme sich abrundeten. Ich führe statt deffen den 
Leser in eine unserer Versammlungen ein. 
In dem älteren Theile der Stadt Amsterdam, in einer ihrer 
schmalen, engen Gassen, lag ein düsteres, altersschwarzes Haus. 
Die schmale Front deffelben war mit alter Bildhauerarbeit reich 
geschmückt; aber die Fenster waren aller holländischer Sauberkeit 
zum Trotze theils zerschlagen, theils erblindet, theils mit Spinn 
geweben überzogen. Ein Sonderling bewohnte das Haus, — der 
Abkömmling einer holländischen Seeheldenfamilie, deren prachtvolle 
Denkmäler die Oude-Kirche dieser Hauptstadt zieren. Abgeschloffen 
von aller Welt, schien der Epigone der alten Ostindiensahrer hier 
nur seinen antiquarischen Studien zu leben. 
Vor dieses Haus führte Linange mich eines Winterabends 
Todt wie der längst verödete Sitz eines ausgestorbencn Geschlechtes, 
lag das Gebäude vor uns. Drüben auf der entgegengesetzten 
Seite der Straße brannte, düsterroth durch den Nebel hindurch 
schimmernd, eine Laterne. Der Graf Linange setzte den Klopfer in 
Bewegung. Unter dem schrillen Klange eines Glöckchens öffnete
        
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