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Volume 18. April 1885, Nr. 29

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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Tagen noch beschäftigt ist, den abgerissenen Faden wieder anzu 
knüpfen und ihn weiter fortzuführen. In dieser Hinsicht wird 
dann gewiß ein jeder wünschen, daß der treffliche Anfang, welcher 
schon damit gemacht geworden ist, sobald nicht wieder unterbrochen 
werden möchte. 
Es war übrigens kein Vortheil für die unternommene Aus 
breitung der Wisienschaften oder für deren richtige Anwendung, 
daß sich sowohl die Gelehrten als auch die Künstler genöthigt 
sahen, sich nach der Denkart des Hofes zu richten und ihre Arbeiten 
dessen Geschmack und Launen zu unterwerfen. Es schien mehr, 
als ob sie da wären, um den Glanz desselben zu vermehren, als 
für das Wohl und Beste des Allgemeinen zu arbeiten. Die Werke 
der damaligen Schriftsteller sind mit so vielen Schmeicheleien, 
Lobeserhebungen sowie mit Gallimathias und unerträglichen Schwulst 
durchwebt, daß es fast unmöglich wird, sie zu lesen und daß man 
ein Mißtrauen gegen die Wahrheiten, so darinnen enthalten sein 
sollen, empfindet. Die deutsche Sprache selbst die man doch zu 
verbessern bemüht sein wollte, ward verunstaltet, um nur im 
Posaunenton zu sprechen und man vernachlässigte die Bemühungen 
einiger glücklicher Köpfe, ihre Reinheit zu befördern, bloß um den 
Schwulst, ohne den man fast gar nichts schreiben konnte, anzu 
bringen. Die lateinische Sprache erfuhr dies nicht weniger und 
man entdeckt in den darinnen aufgesetzten Schriften dieser Zeit 
eine ekelhafte Ausdehnung, widrige Erhebungen und Umschreibungen 
der nichts bedeutendsten Kleinigkeiten. Besonders zeichneten sich 
die Dichter durch solche Fehler aus. Besser, Wachter, Neukirch 
können davon in ihren Werken Beispiele geben. Glücklicher war 
in seinen poetischen Arbeiten der Baron von Kaniz, der zu seiner 
Zeit äußerst geschätzt wurde und sich auch noch bei uns durch seine 
Gedichte billig Achtung erworben hat. Man trifft darinnen richtigeren 
Sprachgebrauch, sinnreiche Gedanken, einen leichten Versbau und 
glückliche Nachahmung guter Muster fremder Nationen, die sich in 
den Wisienschaften schon bekannter gemacht, an. Ich überlasse es 
übrigens Kunstrichtern, über diese Gegenstände weiter zu entscheiden, 
und solche näher zur Beurtheilung zu führen. 
Durch die mehrere Verbreitung der Wissenschaften und Achtung 
vor der Gelehrsamkeit dehnte sich auch der Buch- und Kunsthandel 
aus. Nicht allein daß König Friedrich k. auf seine Kosten an 
sehnliche Werke drucken und mit Kupferstichen zieren ließ, darunter 
besonders Puffendorfs Lebensgeschichte Friedrich Wilhelm des 
Großen Kurfürsten, Begers Thesaurus Brandenburgicus und 
andere Schriften antiquarischen Inhalts, denen es an keiner typo 
graphischen Schönheit fehlt, wie auch das Leichenbegängniß Kurfürst 
Friedrich Wilhelms und die Krönungsgeschichte auszeichnend sind. 
Da sich nun auch der Geschmack am Lesen guter Bücher vermehrte, 
so fanden sich auch mehrere Buchhändler, sowohl Franzosen als 
Deutsche, welche die neu erschienenen Schriften aus allen Gegenden 
Deutschlands sowohl als aus Italien, England und Frankreich, 
ins Land brachten und bekannt machten. Man fing auch an, 
nach und nach mehr zu schreiben und die Presien in Bewegung zu 
setzen, wodurch auch Druckereien zunahmen. 1706 waren in Berlin 
zehn privilegirte Buchdrucker und wenn man nur auf jeden zwei 
Presien rechnet, so waren damals 20 zusammengenommen vor 
handen, welche, wie Herr Nikolai*) sehr richtig bemerkt, gegen die 
Zahl der Einwohner Berlins, welche er etwa auf 48 000 Köpfe 
festsetzt, sehr beträchtlich war. Sonst befanden sich in den wenigsten 
Städten der Mark Brandenburg gut versehene Buchdruckereien und da 
her ward das meiste in Berlin gedruckt. Die stark im Schwange gehende 
Gewohnheit, Leichenpredigten, Trauer-, Hochzeits- und andere 
Gelegenheitsgedichte, bei den ihnen angemesienen Fällen drucken 
zu lassen, ward noch durch die Beispiele ähnlicher Art, welche der 
Hof gab, stark vermehrt und gestärkt. Wie denn an demselben fast 
*) Anekdoten König Friedrich II., 4. Stück, S. 85. 
nichts geschah oder vorging, welches nicht beglückwünscht, beklagt 
oder besungen ward. Wer Gelegenheit hat, Sammlungen von 
! dergleichen Sachen zu sehen, der wird über die große Menge 
derselben erstaunen und also konnte es auch wohl nicht fehlen, daß 
die Buchdruckereien viel zu thun bekamen. Hierzu kam noch die 
Menge theologischer Streitschriften und anderer Aufsätze, die stark 
' gelesen wurden und deren Ueberfluß man aus Küsters Nachrichten 
von den Schriften der Berlinischen Prediger leicht kennen lernen kann. 
Sonst darf ich auch wohl nicht vergessen, daß König Friedrich I. 
gegen Gelehrte sehr freigebig war. Er beschenkte sie jederzeit sehr 
reichlich, wenn sie ihm ihre Arbeiten zueigneten oder überreichten.*) 
Allein bei der mangelhaften Oekonomie seines Hofes und bei den 
ungeheuren Ausgaben desselben, welche sich je mehr und mehr aus 
dehnten, war es fast nicht möglich, daß er sich in der Ausübung 
seiner Freigebigkeit immer gleich bleiben konnte. So hatte er be 
kanntlich 1688 den Historiographen Baron von Puffendorf mit 
einem ansehnlichen Gehalt aus schwedischen Diensten in die seinigen 
gezogen, um die Thaten seines großen Vaters zu beschreiben. Das 
! kurfürstliche Archiv mußte ihm dazu die schriftlichen Verhandlungen 
, mittheilen, aus welchen er die Hauptnachrichten zog und das an 
sehnliche Werk ausarbeitete, womit der Kurfürst so zufrieden war, 
daß er ihm ein besonderes Geschenk von 10 000 Thalern machte, 
j Dies Geld war aber nicht vorhanden und konnte nicht ausgezahlt 
werden. Daher ward festgesetzt, daß Puffendorf jährlich 1000 
| Thaler erhalten sollte. Er erlebte aber die Abtragung von dieser 
Summe nicht und als er gestorben war, blieben noch 4000 Thaler 
abzubezahlen übrig. Die Wittwe klagte im Jahre 1699 sehr weh 
müthig, daß sie von diesem Rückstände nicht allein nur 500 Thaler 
jährlich empfing, sondern daß man ihr auch ihre Pension von 
300 Thaler, welche ihr doch in der Bestallung ihres Mannes fest 
gesetzt worden wären, auf dem Etat gestrichen hätte. Die arme 
Frau drang mit ihren Bitten nicht durch und lebte nachmals zu 
Berlin in dürftigen Umständen. Der Ceremonienmeister und Hof 
dichter von Besser empfing für seine Geistesprodukte, welche damals 
in großer Achtung standen, dann und wann ansehnliche Geschenke, 
j da er aber an den Hoffeierlichkeiten, die er kraft seines Amtes ein 
richtete, selbst Theil nehmen mußte und deshalb keinen geringen 
Aufwand zu machen hatte, so gewann er dadurch nichts, zehrte 
das ansehnliche Vermögen, welches er mit seiner Frau ins Land 
gebracht hatte, mehrentheils auf und mußte nach des Königs Ab 
leben, Berlin im sechzigsten Jahre verlassen, ohne Früchte von seinen 
vielen Bemühungen eingeerntet zu haben. 
Von den übrigen Gelehrten, welche sich in Berlin während 
Friedrichs Regierung durch ihre Schriften bekannt gemacht haben, 
findet man auch nicht, daß sie im Wohlstände gewesen und darin 
gestorben sind. Einige begaben sich wieder ins Ausland, nachdem 
sie eingesehen hatten, daß ihr Glück hier nie ihren Wünschen und 
Erwartungen gemäß blühen werde. Andere standen theils in 
Aemtern, die ihnen so viel Brod gaben, daß sie die Wisienschaften 
nur als Nebenwerk behandelten, und noch andere hatten sich der 
Religionsduldung und anderer Bequemlichkeit wegen im Branden 
burgischen niedergelassen und brachten hier ihre Tage zu, ohne auf 
etwas weiteres Rücksicht zu nehmen. 
Dem sei nun aber wie ihm wolle, so ist nichts gewisier, als 
daß aus den Bemühungen Friedrich I. die Wissenschaften in seinen 
Staaten auszubreiten, der glücklichste Erfolg entsprungen sein würde, 
wenn die Anstalten, die er dazu machte, ungestört hätten fortgesetzt 
werden können. Man entdeckt auch schon mit Vergnügen in diesen 
Zeiten ein zunehmendes Bestreben, gründlich zu studiren und es 
fehlte auch nicht an Gelegenheit sich auszubilden, ohne solche, wie 
*) Der Dänische Profeffor Öliger Jakobäus erhielt für das dem 
Kurfürsten überreichte Buch: Llusaeum Regium, «in Geschenk von 
100 Dukaten durch den Rath Beger 1697.
	        
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