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Tagen noch beschäftigt ist, den abgerissenen Faden wieder anzu
knüpfen und ihn weiter fortzuführen. In dieser Hinsicht wird
dann gewiß ein jeder wünschen, daß der treffliche Anfang, welcher
schon damit gemacht geworden ist, sobald nicht wieder unterbrochen
werden möchte.
Es war übrigens kein Vortheil für die unternommene Aus
breitung der Wisienschaften oder für deren richtige Anwendung,
daß sich sowohl die Gelehrten als auch die Künstler genöthigt
sahen, sich nach der Denkart des Hofes zu richten und ihre Arbeiten
dessen Geschmack und Launen zu unterwerfen. Es schien mehr,
als ob sie da wären, um den Glanz desselben zu vermehren, als
für das Wohl und Beste des Allgemeinen zu arbeiten. Die Werke
der damaligen Schriftsteller sind mit so vielen Schmeicheleien,
Lobeserhebungen sowie mit Gallimathias und unerträglichen Schwulst
durchwebt, daß es fast unmöglich wird, sie zu lesen und daß man
ein Mißtrauen gegen die Wahrheiten, so darinnen enthalten sein
sollen, empfindet. Die deutsche Sprache selbst die man doch zu
verbessern bemüht sein wollte, ward verunstaltet, um nur im
Posaunenton zu sprechen und man vernachlässigte die Bemühungen
einiger glücklicher Köpfe, ihre Reinheit zu befördern, bloß um den
Schwulst, ohne den man fast gar nichts schreiben konnte, anzu
bringen. Die lateinische Sprache erfuhr dies nicht weniger und
man entdeckt in den darinnen aufgesetzten Schriften dieser Zeit
eine ekelhafte Ausdehnung, widrige Erhebungen und Umschreibungen
der nichts bedeutendsten Kleinigkeiten. Besonders zeichneten sich
die Dichter durch solche Fehler aus. Besser, Wachter, Neukirch
können davon in ihren Werken Beispiele geben. Glücklicher war
in seinen poetischen Arbeiten der Baron von Kaniz, der zu seiner
Zeit äußerst geschätzt wurde und sich auch noch bei uns durch seine
Gedichte billig Achtung erworben hat. Man trifft darinnen richtigeren
Sprachgebrauch, sinnreiche Gedanken, einen leichten Versbau und
glückliche Nachahmung guter Muster fremder Nationen, die sich in
den Wisienschaften schon bekannter gemacht, an. Ich überlasse es
übrigens Kunstrichtern, über diese Gegenstände weiter zu entscheiden,
und solche näher zur Beurtheilung zu führen.
Durch die mehrere Verbreitung der Wissenschaften und Achtung
vor der Gelehrsamkeit dehnte sich auch der Buch- und Kunsthandel
aus. Nicht allein daß König Friedrich k. auf seine Kosten an
sehnliche Werke drucken und mit Kupferstichen zieren ließ, darunter
besonders Puffendorfs Lebensgeschichte Friedrich Wilhelm des
Großen Kurfürsten, Begers Thesaurus Brandenburgicus und
andere Schriften antiquarischen Inhalts, denen es an keiner typo
graphischen Schönheit fehlt, wie auch das Leichenbegängniß Kurfürst
Friedrich Wilhelms und die Krönungsgeschichte auszeichnend sind.
Da sich nun auch der Geschmack am Lesen guter Bücher vermehrte,
so fanden sich auch mehrere Buchhändler, sowohl Franzosen als
Deutsche, welche die neu erschienenen Schriften aus allen Gegenden
Deutschlands sowohl als aus Italien, England und Frankreich,
ins Land brachten und bekannt machten. Man fing auch an,
nach und nach mehr zu schreiben und die Presien in Bewegung zu
setzen, wodurch auch Druckereien zunahmen. 1706 waren in Berlin
zehn privilegirte Buchdrucker und wenn man nur auf jeden zwei
Presien rechnet, so waren damals 20 zusammengenommen vor
handen, welche, wie Herr Nikolai*) sehr richtig bemerkt, gegen die
Zahl der Einwohner Berlins, welche er etwa auf 48 000 Köpfe
festsetzt, sehr beträchtlich war. Sonst befanden sich in den wenigsten
Städten der Mark Brandenburg gut versehene Buchdruckereien und da
her ward das meiste in Berlin gedruckt. Die stark im Schwange gehende
Gewohnheit, Leichenpredigten, Trauer-, Hochzeits- und andere
Gelegenheitsgedichte, bei den ihnen angemesienen Fällen drucken
zu lassen, ward noch durch die Beispiele ähnlicher Art, welche der
Hof gab, stark vermehrt und gestärkt. Wie denn an demselben fast
*) Anekdoten König Friedrich II., 4. Stück, S. 85.
nichts geschah oder vorging, welches nicht beglückwünscht, beklagt
oder besungen ward. Wer Gelegenheit hat, Sammlungen von
! dergleichen Sachen zu sehen, der wird über die große Menge
derselben erstaunen und also konnte es auch wohl nicht fehlen, daß
die Buchdruckereien viel zu thun bekamen. Hierzu kam noch die
Menge theologischer Streitschriften und anderer Aufsätze, die stark
' gelesen wurden und deren Ueberfluß man aus Küsters Nachrichten
von den Schriften der Berlinischen Prediger leicht kennen lernen kann.
Sonst darf ich auch wohl nicht vergessen, daß König Friedrich I.
gegen Gelehrte sehr freigebig war. Er beschenkte sie jederzeit sehr
reichlich, wenn sie ihm ihre Arbeiten zueigneten oder überreichten.*)
Allein bei der mangelhaften Oekonomie seines Hofes und bei den
ungeheuren Ausgaben desselben, welche sich je mehr und mehr aus
dehnten, war es fast nicht möglich, daß er sich in der Ausübung
seiner Freigebigkeit immer gleich bleiben konnte. So hatte er be
kanntlich 1688 den Historiographen Baron von Puffendorf mit
einem ansehnlichen Gehalt aus schwedischen Diensten in die seinigen
gezogen, um die Thaten seines großen Vaters zu beschreiben. Das
! kurfürstliche Archiv mußte ihm dazu die schriftlichen Verhandlungen
, mittheilen, aus welchen er die Hauptnachrichten zog und das an
sehnliche Werk ausarbeitete, womit der Kurfürst so zufrieden war,
daß er ihm ein besonderes Geschenk von 10 000 Thalern machte,
j Dies Geld war aber nicht vorhanden und konnte nicht ausgezahlt
werden. Daher ward festgesetzt, daß Puffendorf jährlich 1000
| Thaler erhalten sollte. Er erlebte aber die Abtragung von dieser
Summe nicht und als er gestorben war, blieben noch 4000 Thaler
abzubezahlen übrig. Die Wittwe klagte im Jahre 1699 sehr weh
müthig, daß sie von diesem Rückstände nicht allein nur 500 Thaler
jährlich empfing, sondern daß man ihr auch ihre Pension von
300 Thaler, welche ihr doch in der Bestallung ihres Mannes fest
gesetzt worden wären, auf dem Etat gestrichen hätte. Die arme
Frau drang mit ihren Bitten nicht durch und lebte nachmals zu
Berlin in dürftigen Umständen. Der Ceremonienmeister und Hof
dichter von Besser empfing für seine Geistesprodukte, welche damals
in großer Achtung standen, dann und wann ansehnliche Geschenke,
j da er aber an den Hoffeierlichkeiten, die er kraft seines Amtes ein
richtete, selbst Theil nehmen mußte und deshalb keinen geringen
Aufwand zu machen hatte, so gewann er dadurch nichts, zehrte
das ansehnliche Vermögen, welches er mit seiner Frau ins Land
gebracht hatte, mehrentheils auf und mußte nach des Königs Ab
leben, Berlin im sechzigsten Jahre verlassen, ohne Früchte von seinen
vielen Bemühungen eingeerntet zu haben.
Von den übrigen Gelehrten, welche sich in Berlin während
Friedrichs Regierung durch ihre Schriften bekannt gemacht haben,
findet man auch nicht, daß sie im Wohlstände gewesen und darin
gestorben sind. Einige begaben sich wieder ins Ausland, nachdem
sie eingesehen hatten, daß ihr Glück hier nie ihren Wünschen und
Erwartungen gemäß blühen werde. Andere standen theils in
Aemtern, die ihnen so viel Brod gaben, daß sie die Wisienschaften
nur als Nebenwerk behandelten, und noch andere hatten sich der
Religionsduldung und anderer Bequemlichkeit wegen im Branden
burgischen niedergelassen und brachten hier ihre Tage zu, ohne auf
etwas weiteres Rücksicht zu nehmen.
Dem sei nun aber wie ihm wolle, so ist nichts gewisier, als
daß aus den Bemühungen Friedrich I. die Wissenschaften in seinen
Staaten auszubreiten, der glücklichste Erfolg entsprungen sein würde,
wenn die Anstalten, die er dazu machte, ungestört hätten fortgesetzt
werden können. Man entdeckt auch schon mit Vergnügen in diesen
Zeiten ein zunehmendes Bestreben, gründlich zu studiren und es
fehlte auch nicht an Gelegenheit sich auszubilden, ohne solche, wie
*) Der Dänische Profeffor Öliger Jakobäus erhielt für das dem
Kurfürsten überreichte Buch: Llusaeum Regium, «in Geschenk von
100 Dukaten durch den Rath Beger 1697.