Path:
Periodical volume 18. April 1885, Nr. 29

Full text: Der Bär Issue 11.1885

440 
Zustand und Fortgang -er Gelehrsamkeit und Wissenschaft unter König Friedrich I. 
(Nach einem alten Buche.) 
Kurfürst Friedrich Wilhelm hatte, wie wir gehört haben, 
schon mit vieler Mühe den Grund gelegt, um seinen Unterthanen 
Gelegenheit zu verschaffen, ihre Verslandeskräfte zu entwickeln und 
ihre Kenntniffe durch die Erlernung fremder Sprachen und der 
nöthigsten Wisienschaften zu vermehren. Zu dem Ende legte er 
gute Schulen an, setzte die schon vorhandenen in bessere Ordnung 
und breitete diese wohlthätigen Anstalten von der Residenz auch 
auf die übrigen Städte seiner Provinzen aus. Ebenso errichtete 
er nicht allein Universitäten, sondern verbefferte auch die alten. 
Dadurch erhielt sein Staat manchen brauchbaren Kopf, der an der 
Glückseligkeit desielben arbeiten konnte und welch ein Vortheil ist 
es nicht für einen Fürsten, ausgebildete Subjekte unter seinen 
Unterthanen zu finden, die er zur Verwaltung der Staatsgeschäfte 
brauchen kann und bei denen 
Fähigkeit mit Anhänglichkeit 
zum Vaterland zugleich ver 
einigt sind. 
Friedrich folgte diesem 
Beispiele nach, suchte den An 
lagen seines Herrn Vaters 
mehrere Festigkeit zu geben und 
sie noch mehr zu vermehren. 
Um solches zu beweisen, darf 
man nur anführen, daß er die 
hohe Schule zu Halle errichtete, 
die vermöge der berühmten 
Männer, die auf derselben 
lehrten, einen so schnellen 
Schwung und Ansehen er 
hielt, daß sie sich nicht allein 
älteren berühmten Universitä 
ten gleich stellen konnte, sondem 
solche sogar übertraf. Schon 
Thomasius allein, einer ihrer 
ersten Lehrer, erhob sie, indem 
er auf eine bisher ungewöhn 
liche Art der Vernunft ein 
Licht aufsteckte, welches hell 
umherleuchtete und die Finster 
niß, die noch den Verstand der 
mehrsten Menschen seiner Zeit 
umgab, vertrieb. Er that 
damals mehr als nach ihm 
mancher berühmte Witzling, 
der durch Gedanken, die oft 
aus derQuelle derschlüpfrigsten 
Sophisterei entsprungen waren, Bagatellen einen Werth und Reiz zu 
geben wußte. Er verschaffte Jedem, der ihn hörte einen festen Grund 
worauf er ein sicheres Gebäude aufführen konnte, das den An 
fällen des Leichtsinns und der Unwiffenheit widerstand und lehrte, 
nicht etwas umzureißen, ohne etwas Befferes an deffen Stelle zu 
setzen. Außer ihm machte besonders ein Stryk, Ludwig, Cellarius, 
Michaelis rc., diese aufblühende Universität bekannt und verschafften 
ihr einen außerordentlichen Zuspruch von Einheimischen und 
Fremden. Man weiß es in den preußischen Staaten zu gut, wie 
viel tüchtige und brauchbare Männer hier ausgebildet worden, 
und nachmals für dieselbe nützlich geworden sind, als daß ich solches 
hier nachweisen dürfte und daher kann man mit Recht diese An 
stalten unsers Friedrichs die Wiege der guten Aufklärung für seine 
Unterthanen nennen. Indessen, so sehr er auch für alles das ein 
genommen sein mochte, was von ihm selbst herrührte; so kann 
man doch nicht sagen, daß er für die übrigen hohen Schulen, 
Die älteste Anatomie zu Uerlin um 1720. 
Nach der Originalzeichnung des damaligen Professors der Anatomie 
an der Königlichen Akademie der Künste K. P. Leygebe 
in Kupfer gebracht von A. B. König. 
welche ihre Existenz seinen Vorfahren zu verdanken hatten, weniger 
Sorgfalt bewies, noch daß er sie vernachläffigte oder ihnen entzog. 
Vielmehr wird man gefunden haben, daß er für sie so besorgt war, 
als er es für Halle nur sein konnte, welches sich, wie gesagt, schnell 
durch eigene Kräfte hervorschwang und einen ausgebreiteten Ruf 
verschaffte. 
Es wird in der Geschichte Berlins unter mehr als einem 
Jahre angeführt, welche Bemühungen Friedrich verwandte, um 
die zum Unterricht bestimmten öffentlichen Anstalten zu verbessern 
und wie milde er sich oft für dieselben bewiesen hat?) Ebenso 
ist auch der Errichtung der Akademie der Wissenschaften hin 
länglich erwähnt. An dieser scheint aber die kluge Königin 
Charlotte Sophie fast mehr als ihr Gemahl Antheil gehabt zu 
haben, als der sie bloß be 
stätigte, ihr die nöthige Auto 
rität verschaffte und sich be 
gnügte, daß er der Stifter 
hieß, und daß die bei ihrer 
Einweihung angebrachten Fei 
erlichkeiten sich auf seine Person 
bezogen. Sie war es aber 
eigentlich, welche den großen 
Leibnitz, ihren Lehrer, nach 
Berlin brachte und mit ihm 
gemeinschaftlich an die Ver 
breitung der Wissenschaften in 
den Gegenden arbeitete, in 
welchen sie ihre Zeit zu ver 
leben bestimmt war. Zu einem 
solchen Unternehmen und zu 
dessen Ausführung war auch 
damals Niemand so leicht ge 
schickter als dieser allumfaffende 
Kops, der denn auch der neuen 
Anstalt eine Bestimmung gab, 
die gewiß einen ebenso richti 
gen als wohlthätigen Zweck 
hatte, aber gar bald durch die 
vernachlässigte Beobachtung 
deffelben zurückgesetzt und unter 
der folgendm Regierung, in 
der sich die Denkart so schnell 
änderte und die Wissenschaften 
die sie erhebende Achtung ver 
loren, beinahe in ein Nichts 
zurückgeworfen wurde. Bei 
dieser Gelegenheit muß ich cs als etwas Merkwürdiges anführen, daß 
die Periode, von welcher hier geredet wird, bei allen sich sonst äußern 
den Fehlern sich dennoch durch mehrere angenommene Festigkeit in 
Ausführung der für das allgemeine Beste gefaßten Entschlüffe aus 
zeichnet, als wir es in neueren Zeiten zu bemerken Gelegenheit 
haben. Man fand weniger Schwierigkeiten oder achtete sie nicht 
und versäumte über Wortkrämereien und sich kreuzenden Meinungen 
die Absichten nicht, warum man etwas thun wollte oder müßte. 
Man stellte das Werk dar, wie es sein sollte und bemühte sich nach 
und nach Fehler und Unvollkommenheilen abzustellen. — Wie 
schwer war es dagegen nachmals, nützliche Anlagen zu stiften und 
•) Zwei Friedrichs-Schulen stiftete er, 1694 eine zu Halle und 1700 
die andere zu Königsberg. In Berlin errichtete er, wie ich schon ange 
führt habe, die Ritterakademie und andere nützliche Anstalten zur Bil 
dung der Einwohner der Residenz.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.