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Periodical volume 19. October 1884, Nr. 3

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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hältniffe an den Fürstlichen Höfen, auch eminent „zeitgemäß" zu 
machen. 
Es ist dies jedenfalls die leichtere Aufgabe, darum möge sie 
hier nicht gewählt werden. Es wild sich auch ohnedies schon 
Novcllenstoff genug aus der nur geschichtlichen Darstellung heraus 
lesen lassen, denn je sorgfältiger man das Treiben Kunkel's ver 
folgt, je mehr kommt man zu der Ueberzeugung, daß er an die 
Möglichkeit des Goldmachens glaubte, aber nicht betrügen wollte, 
sich rastlos zerarbeitete, um den von Andern behaupteten Stein 
der Weisen zu finden, obgleich er ihn selbst für unwahrscheinlich 
hielt und nur in dem Umgänge mit diesen Dingen und Menschen 
jene äußeren Formen annahm, die ihn desielben Gelichters er 
scheinen ließen. 
Zu Hütten bei Rendsburg wahrscheinlich im ersten Viertel 
des 17. Jahrhunderts geboren, — da er 1702 starb und selbst 
1694 bereits sein hohes Alter erwähnt, — hatte er schon als 
Knabe die Eindrücke empfangen, welche seine spätere Lebensrichtung 
bestimmten, denn sein Vater war Besitzer einer Glashütte und der 
Herzog Friedrich von Holstein ließ bei diesem einen Diamant 
30 Wochen lang der größten Glasofenhitze aussetzen, um sich zu 
überzeugen, ob der Diamant zu schmelzen sei. Auch Gold und 
Silber wurden dauernder Glühhitze ausgesetzt, um zu sehen, wie 
viel sich davon verflüchtige. Dergleichen Experimente waren da 
mals das Steckenpferd aller Chemiker, immer in der Hoffnung, 
durch Auflösung diejenigen Stoffe zu entdecken, aus denen die 
edlen Metalle und Steine hergestellt werden könnten. Ob der 
Vater den Sohn schon zu dergleichen Experimenten mit heran 
gezogen, oder ob er selbst Jntereffe dafür gezeigt, läßt sich aus 
{einen Schriften nicht herauslesen, obgleich er gern Erinnerungen 
aus seinem Leben und selbstgemachte Erfahrungen mit einstreute. 
Jedenfalls hatte er nicht studirt, aber dafür die Apothekerkunst er 
lernt und scheint auf diese seine Kunst auch gewandert zu sein. 
In seinen Princip«« chymicis erzählt er wenigstens: 
„Alß ich nehmlich in einer nahmhaften Stadt bei einem Apo 
theker lebte (deffen Nahmen ich hier um seiner vornehmen Familie 
darinnen er wegen seiner Frau lebet, verschweige) welcher von der 
Chymie wenig vcrgeffen hatte, dieweil er wenig davon gewußt, 
wurde demselben einstmals von einem alten erfahrnen Medico ein 
Recept gesandt, welches zu einem „Sälblein für das Haupt" dienen 
sollte. Dazu sollte auch Mercurins dalcis et vitae genommen 
werden." Da der Prinzipal dieses nicht vorräthig hatte, so be 
fahl er seinen Gehülfen Mercurius sublimatus unter die Salbe zu 
mischen. Kunkel stellte vor, daß das gefährlich sei. Der Alte 
mischte es aber nun selbst. Die Wirkung auf das Kind, dem die 
Salbe gegen einen Kopfausschlag bestimmt war, äußerte sich denn 
auch auf des Fürchterlichste. Als sie bekannt wurde und der Arzt 
ganz außer sich in die Apotheke kam, wurde ihm natürlich der be 
gangene Fehler nicht eingestanden. Kunkel erkundigte sich aber 
bei einem Licentiaten der Medizin nach einem Gegenmittel, be 
reitete es auf eigene Hand, lief in das Haus der Eltern und 
kurirte das Kind, welches sonst unfehlbar hätte sterben müssen." 
Dergleichen geschicktes Benutzen des Augenblicks und der Um 
stände zeigt sich mehrfach in seinem bewegten Leben. Nachweisbar 
sind seine Fata indeffen nur von der Zeit an, wo er in die Dienste 
des Herzogs Franz Karl von Lauenburg und zwar als Kammer 
diener, trat, wie dies der gebräuchliche Titel für Laboranten und 
Alchymisten war. Die Gemahlin des Herzogs war katholisch, ver 
kehrte viel mit Wien und erhielt von einem Mönche das Rezept 
zu einer unfehlbaren Verwandelung des Quecksilbers in Silber. 
Der Herzog war selbst so überzeugt von der Vortrefflichkeit des 
Rezepts, daß er sofort nicht weniger als 50 Pfd. Quecksilber in 
40 verschiedene Kapellen einsetzen und nach der Vorschrift damit 
manipuliren ließ. Um alle 40 Kapellen fortwährend zu beauf 
sichtigen, wurden dem Kunkel noch vier Leute beigegeben, und 
der Herzog war so ungeduldig, ein Resultat zu sehen, daß er oft 
des Nachts in das ziemlich weit vom Schlöffe liegende Labora 
torium kam, um zu beobachten, wie das Silber koche. Sein Zu 
trauen zu dem Mönchsrezcpt war so groß, daß er schon sein etwas 
baufälliges Schloß abbrechen lassen wollte, damit der Neubau so 
gleich beginnen könne, wenn das Silber nur erst da sei. Während 
der 6 Wochen, welche das Kochen dauerte, hatte Kunkel Jntereffe 
an Scheidung der Metalle gewonnen und experimentirte auf eigene 
Hand mit den reichen Vorräthen des Laboratoriums, und von 
diesen Experimenten in Lauenburg scheint sich seine Neigung für 
Metallurgie und Metallflüffe zu datiren. Namentlich interessirte 
ihn der Phosphor, mit dem er unablässig Versuche anstellte, seit 
dem 1630 ein Schuhmacher in Bologna die Phosphorescenz ge 
wisser Steine entdeckt hatte. In den fünfziger Jahren des 17. Jahr 
hunderts verkaufte der Apotheker Lincke in der Apotheke zum 
goldenen Löwen in Leipzig einen Wunderstein, den er Phosphorus 
mirabilis Kunkelii nannte. Dieser Wunderstein war eine Er 
findung und Spekulation Kunkel's, denn sein Name stand am 
Rande des ungefähr in der Größe und Form eines großen Thalers 
verkauften Steines, dessen Avers einen Adler zeigt, der von der 
Spitze eines distelbewachsenen Berges zur Sonne fliegt, mit der 
Ueberschrift: „Non nisi legitimus.“ Er sollte allen Leuten gegen 
Schwachheiten helfen, Ohnmachten und sonstige Leibesschwach 
heit namentlich bei alten Leuten vertreiben und verkaufte sich so 
gut, daß dadurch großer Neid bei Aerzten und Apothekern erweckt 
wurde, der sich denn auch in der Oeffentlichkeit Luft machte. 
Ein „Satyricus loci“ benutzte einen komischen Vorfall, der damals in 
Leipzig viel Gelächter erregt hatte, zu folgenden lateinischen Versen: 
„Ut fax Cuntori8 Luzena extinguitur olim, 
Sic lucerna olim Kunkeliana perit.“ 
Der Kantor von Lützen war nämlich bei einer nächtlichen 
Wanderung so tief in den Schmutz gefallen, daß seine Fackel darin 
erlöschte. 
Es kam denn auch zu Wunderpillen aus Phosphor, und solche 
Specisica scheinen ihn ganz gut ernährt zu haben, bis er in die 
Dienste des Kurfürsten Johann Georg II. von Sachsen trat. 
Jedenfalls muß er keinen schlechten Ruf gehabt haben, da der 
Doctor Langelott und Geb. Rath Voigt ihn dem Kurfürsten 
empfohlen. In Dresden wurde viel laborirt. Schon unter dem 
Kurfürsten August, so wie dessen Söhnen Christian I., 
Christian II. und Johann George I. wurde unablässig der 
Stein der Weisen gesucht; allerlei Abenteurer trieben dort ihr 
Wesen, und selbst der dreißigjährige Krieg vermochte dem Labo 
riren keinen Einhalt zu thun. Kurfürst Johann George sagte 
zur schwersten Zeit dieses Krieges zu dem Herzoge Julius Hein 
rich von Holstein, an dessen Hofe sich Kunkel damals befand: 
„Daß man es machen kann, weiß ich wohl, wie man es aber 
macht, weiß ich nicht!" und dieses Wie? zu finden, hat dem Kur 
hause Sachsen Millionen gekostet. Die Geschichte der Alchymisten 
Beuther und Schwetzer erzählt davon seltsame, in jetziger Zeit 
geradezu unglaubliche Dinge. 
Obgleich das Bestallungspatent Kunkel's das Datum des 
6. October 1677 trägt, so war der Eintritt in den Kurfürstlich 
Sächsischen Dienst schon ftüher geschehen und diese Bestallung*) 
*) Bestallung Kurfürst Johann George's lautet: „Von Gottes 
Gnaden, Wir Johann George der Andere, Hertzog zu Sachsen, Jülich, 
Cleve und Bergk, des heiligen Römischen Reiches Erz-Marschall und Chur 
fürst, Landtgraff in Thüringen, Marggraff zu Meißen auf Ober- und Rieder- 
Lausitz, Marggrafs zu Magdeburg!, Graff zu der Margk und Ravensberg!, 
Herr zum Ravenstein. Thuen hiermit kund: 
Nachdem Wir Unseren lieben getreuen Johann Kunkeln vor etlicher 
Zeit Zu Unserem Geheimen Cammer Diener und Chymicum zu Unserem 
Geheimen I-aboratorio an- undt aussgenommen, auch ihm zu solchem ende 
die darin befindlichen Ldymischen Bücher und Schrisften, alt« undt neue
        
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