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Periodical volume 11. April 1885, Nr. 28

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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weil ich bemerkte, daß alle Gegenwärtigen, der Hof im Allgemeinen, sich 
nur ausschließlich mit dem Kronprinzen beschäftigten, seine frohe Laune, 
seine geistreichen Scherze bewunderten, während „mein Wilhelm" still 
und zurückgezogen in einer Fensternische saß, und die große Gesellschaft 
keine Aufmerksamkeit für ihn hatt«. Der Prinz ist ebenfalls geistig be 
gabt, wenn auch in anderer Weise, als der Kronprinz; er hat den richtigen 
Blick, der den Hohenzollern zu eigen ist; und ich weiß, was ich an „meinem 
Wilhelm" habe, er wird mir einst Freude, niemals Kummer bereiten." 
Damit endete die Unterredung. 
Me Thätigkeit des Lettevereins. Der letzte Jahresbericht des 
Lettevereins bringt einige allgemein interessante Angaben. Die Schulen 
wurden von 664 Schülerinnen besucht. Die Einnahmen der Handels-, 
Gewerbe- und Zeichenschule betrugen im Jahre 1884 37 840,86 Mark, 
die Ausgaben 36 66675 Mark. Das Viktoriastift wurde während des 
Jahres 1884 von 227 Damen längere oder kürzere Zeit bewohnt und 
hatte eine Gesammteinnahme von 28 666,75 Mark und eine Gesammtaus- 
gabe von 27541,51 Mark. In der Wasch- und Plättlehranstalt 
wurden 70 Schülerinnen im Neuplätten, 19 im Spitzenwaschen und -Plätten 
unterrichtet. Die Anstalt hatte eine Gesammteinnahme von 16 361,90 Mark 
und eine Ausgabe von 9 520,70 Mark. Das Damenrestaurant nebst 
Kochschule erfreute sich eines regen Besuches. Es speisen täglich bis 
zu 140 Personen zu dem geringen Preise von 75 Ps. im Einzelnen, 66 Pf. 
im Abonnement Die Kochschule wurde von 72 Schülerinnen besucht. 
Das Damenrestaurant hatte eine Gesammteinnahme von 3« 917,54 Mark 
und eine Gesammtausgabe von 36 637,so Mark. Der Viktoria-Bazar 
hat seinen Umsatz um 500 Mark vergrößert und arbeitete mit ca. 17 000 
Mark. Das Atelier für Kunsthandarbeiten übernimmt Bestellungen 
sowohl auf stilgerechte Muster, als auch auf Anfangen und Vollenden 
von Kunsthandarbeiten. Noch im Wachsen begriffen, hatte es einen Um 
satz von ca. 7 500Mark. In der Registratur und dem Sekretariat 
gingen ca. 1 500 Briefe ein. Abgesendet wurden ca. 4 700 Schriftstücke. 
Das Bureau ist täglich von 9 bis 6 geöffnet. Im Stellenvermitte 
lungsbureau wurden 670 Stellen vermittelt. Die Darlehnskasse 
gab 24 Darlehne im Betrage von 1 885 Mark und 5 Nähmaschinen im 
Betrage von 349 Mark und hatte eine Gesammteinnahme von 3 351,1» Mark 
und eine Ausgabe von 2 316,86 Mark. Die Setzerinnenschule, das 
einzige Institut des Lcttevereins, welches local von ihm getrennt ist, 
wurde von der Ritterstraße 47 nach der Anhaltstraße 11 in besonders 
dafür eingerichtete Räume verlegt. Sie beschäftigte bis zu 36 Setzerinnen, 
deren Durchschnittslohn auf 16 bis 22 Mark pro Woche sich beläuft. Die 
Hauptkasse hatte eine Gesammteinnahme von 37 702,z« Mark und eine 
Ausgabe von 33 838,5» Mark. Im Ganzen hatten die verschiedenen 
Kassen des Lettevereins einen Umsatz von 179 412,9« Mark. 
Ariedrich Theodor von Arerichs ff. Am 14. März verstarb uner 
wartet schnell der"Geh. Regierungsrath Professor Di-. Fr. Th. v. Frerichs, 
Direktor der medizinischen Abtheilung der Königlichen Charite zu Berlin. 
Sein Tod ist ein herber Verlust für die medizinische Fakultät der 
Universität, zu welcher (nach der Voss. Ztg.) hunderte von Aerzten und 
Studirenden zogen, um sich von dem berühmten Kliniker und Pathologen 
in die von ihm vertretene, an kein System sich bindende streng natur 
wissenschaftliche Methode der Forschung einführen zu lassen und unter 
seiner Leitung jene Sicherheit der Diagnose zu gewinnen, wie sie 
ihm in so seltenem Maße eigen war. Noch weit schmerzlicher aber 
wird der Tod grerid)§' von all den Tausenden und aber Tausenden em 
pfunden werden, denen der Heimgegangene die Gesundheit wiedergegeben, 
oder die von ihm allein noch Hilfe und Rettung hofften. 1842 ließ er 
sich als praktischer Arzt in seiner Vaterstadt nieder, besuchte 1843 die 
Prager und Wiener, 1846 die bedeutenderen holländischen, belgischen und 
französischen medizinischen Anstalten, habilitirte sich im Herbst dieses Jahres 
in Göttingen und folgte 1850 einem Rufe nach Kiel, wo er die Direktion 
der Poliklinik und des akademischen H-spitals übernahm. Während 
des Krieges Schleswig-Holsteins gegen Dänemark leitete Frerichs in der 
Eigenschaft eines Oberarztes der schleswig-holsteinischen Armee 2 Hospi 
täler in Rendsburg, ging 1851 als Professor der Pathologie und The 
rapie nach Breslau und übernahm 1859 als Schönlein's Nachfolger die 
Professur für innere Medizin und die Direktion der medizinischen Klinik 
in der Charite. Gleichzeitig wurde er vortragender Rath im Kultus 
ministerium und Mitglied der wissenschaftlichen Deputation für das Me 
dizinalwesen. Während des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 
fungirte er als preußischer Generalarzt. Sein Hauptwerk ist die „Klinik der 
Leberkrankheiten" (Braunschweig 1859—62). Das Werk wurde vom 
Pariser Institut mit dem Monthyon'schen Preis gekrönt und verbreitete 
sich, in alle Kultursprachen übersetzt, über alle Länder der civilisirten 
Welt. Die nächst diesem Werk bedeutendste Arbeit ist die Monographie 
über „die Bright'sche Nierenkrankheit und deren Behandlung" (1881). 
Zuletzt arbeitete Frerichs an einem Werk über Diabetes, als die uner 
bittliche Hand des Todes vernichtend in sein Leben eingriff, und all de» 
Plänen und Entwürfen ein Ende machte, deren Ausführung der Ver 
storbene sich vorgenommen. 
Durch seinen Tod wurde die medizinische Klinik der Universität 
während eines 75 jährigen Bestehens zum fünften Male ihres Leiters 
beraubt. Der Vorschlag Wilhelm von Humboldts, durch welchen die 
medizinische Klinik für die Universität begründet wurde, datirt vom 
23. Mai 1810. Sie war damals zu 12 Betten eingerichtet und mit 
j jährlich 3000 Thalern dotirt. Pros. Reil war der erste Leiter des 
! Instituts, welches sich anfänglich in der Großen Friedrichstrabe 101 be- 
! fand. Im Dezember 1818 siedelte die Anstalt nach der Ziegelstraße 5/6 
über und kam unter die Leitung des Prof. Behrends, der aus Breslau 
j berufen wurde. Im Jahre 1826 starb Behrends und nachdem interi- 
! mistisch von Stosch und Sundelin die Klinik geleitet hatten, erhielt im 
j März 1828 Professor Dr. Bartels das Direktorat. Aus seinen Antrag 
j wurde die Anstalt nach der Charit« verlegt und dort am 26. Mai 1828 
J eröffnet. Nach Bartels Tode wurde im Jahre 1839 Prof. Schön lein 
! aus Zürich zur Leitung der Klinik berufen, welcher derselben 20 Jahre 
j hindurch vorstand. Im Jahre 1859 zog sich Schönlein zurück und die 
? Direktion ging an den verstorbenen Frerichs über. Frerichs hat die 
j Klinik wesentlich erweitert und die Zahl der Betten von 60 bis auf 155 
! erhöht. — Die Errichtung eines Frerichsdenkmals ist jetzt schon be 
j schloffen« Sache. 
Au de» Illustrationen. Auf S. 425 bringen wir in dem Portrait 
des berühmten Taglioni und seiner Frau die Fortsetzung der Studien 
Franz Krügers zu seinem großen Paradebilde, das in den Gestalten des 
! Publikums alle bedeutenden und bekannten Persönlichkeiten des Berlin 
j der dreißiger Jahre vereinigte. — S. 428 wurde das als Sitzbild 
durchgeführte Denkmal Wilhelm von Humboldts reproducirt, der 
vor jetzt 50 Jahren, am 8. April 1835, in Tegel verstorben ist. Seine 
außerordentlichen Verdienste um die Schöpfung der Universität zu Berlin 
j haben ihm vor diesem Gebäude einen Ehrenplatz neben seinem Bruder 
! gesichert. Das Denkmal ist 1882 von Paul Otto in Rom ausgeführt 
worden und ist durch charakteristische Behandlung der Figur und die edle 
Auffassung alles decorativen Beiwerkes unter den ähnlichen Arbeiten 
hervorragend. — Es ist bekannt, daß Wilhelm von Humboldt stets eine 
große Abneigung hatte, bei seinen Lebzeiten bildlich sich irgendwie dar 
stellen zu lassen. AIs daher Alexander von Humboldt, dessen gelungene 
Statuette von Drake angefertigt war, auch eine ebensolche von seinem 
Bruder zu besitzen wünschte, machte der große Bildhauer alle möglichen 
z Versuche, Letzteren zu einer einzigen Sitzung wenigstens zu bewegen. Als 
j dies nicht gelang, blieb ihm Nichts übrig, als ihm auf einem Spazier 
gang durch den weiten Park zu Tegel das allernothwendigste der Züge 
und der Figur abzulauschen. Gleichwohl wird die daraufhin modellirte 
Statuette ebenfalls sehr gerühmt. 
Kleine Ghronili. 23. März. Fünfzigjähriges Dienstjubiläum des 
General-Kriegszahlmeisters, Geh. Rechnungsrath Woywod. — 25. März. 
Dankschreiben des Kaisers an den Magistrat der Statt Berlin als Ant 
wort aus dessen Glückwünsche zum 88. Geburtstage; Beisetzung der Prir 
zessin Karl von Hessen und bei Rhein, geborenen Prinzessin von Preuße, 
Danksagung des Generalpostmeisters Dr. von Stephan für die a, 
Anlaß seiner Erhebung in den Adelstand (am 22. März) ihm zugegangen 
Gratulationen; Generalsuperintendent Dr. Karl Schwarz, Mitglied des 
ständigen Ausschusies des deutschen Protestantenvereins, 1848 Abgeord 
neter im Frankfurter Parlament für Torgau-Liebenwerda ff in Gotha. — 
27. März. Die 71. Armenkommission überreicht ihrem Vorsteher Leon- 
hardt in Anerkennung zehnjähriger Thätigkeit einen Ehrenpokal. — 
28. März. Generalversammlung des Frauenlazarethvereins in Gegenwart 
Ihrer Majestät der Kaiserin und der Frau Großherzogin von Baden. — 
! 29. März. Der russische Botschafter am deutschen Hofe Fürst Nicolai 
z Alexejewitsch Orlow ff zu Fontainebleau. — 30. März. Generalversamm 
lung des deutschen Bühnenvereins in Eisenach. — 31. März. Leopold 
j von Ranke erhält das Diplom als Ehrenbürger der Stadt Berlin; 
Festzug der Kriegervereine und Fackelzug zur Vorfeier des Geburtsfestes 
des Fürsten Bismarck; Componist Franz Abt ff in Wiesbaden. — I. April. 
Wiedereröffnung einer Herberge der Bäckerinnung (Clisabethstr. 13); 
70. Geburtstag des Fürsten Bismarck; Ueberreichung der Urkunde über 
die Schenkung des Gutes Schönhausen; 50jähriges Gesellenjubiläum des 
Buchbinders Hermann Blümlein sen.; Jubiläum des Prof. Pfann- 
I schmidt. 
Brief- und Fragekasten. 
Herrn M. S. hier. Eine Untergrundbahn in der Linie Lehrter ! 
Bahnhof —Brandenburger Thor—Potsdamer Bahnhof wird wahischein- 
lich schon wegen der Grundwasserverhältnisse Berlins nicht ausfiihrbar 
sein. Auch würde es heute wohl nicht mehr gestattet werden, im Zu- . 
sammenhang damit den Perron des Potsdamer Bahnhofes 4 Meter tiefer 
zu legen, wodurch der Verkehr im Niveau der Straße gefährdet sein 
würde. Die Durchführbarkeit einer zweiten Ringstraße kann ohne Er 
wägung der finanziellen Aufwendungen leider nicht beurtheilt werden. 
Herrn !K. K. in B. Auf eine „Kritik" von Büchern können wir 
uns nur ganz ausnahmsweise einlassen, wenn dieselben historischen Cha 
rakters sind. Doch wollen wir Ihnen hier empfehlen, den „Apotheker 
Heinrich" von Hermann Heiberg nicht in Einem Zuge, sondern in Ab 
sätzen zu lesen, weil das immerwährende Anschauen des unsympathischen, 
herzlosen Apothekers auf die Dauer etwas ermüdet, und Ihnen dadurch 
leicht die zweifellosen Schönheiten des Buches, die in der anziehenden 
Charakteristik von Personen, von unverfälschtem provinziellen Treiben rc. 
bestehen, verloren gehen würden. 
H. E. S. in B. 0. Die kleine Chronik wollen Sie als einen 
I Versuch betrachten, in dem gewünschten Sinne das Leben der Gegenwart 
dauernd zu berücksichtigen. Auch soll daran gedacht werden, in jeder 
' Nummer mehrere in sich abgeschlossene Artikel zu bringen, um dadurch die 
Lektüre des „Bär" zu erleichtern.
        
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