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Periodical volume 11. April 1885, Nr. 28

Full text: Der Bär Issue 11.1885

wird vielleicht schon durch unsere Tage schreiten, der Engel des 
Herrn, welcher Freiheit und Licht und Glück uns bringt! Und 
Wenn der große, starke Gott dann auch Sie einst beruft, Herr 
Marquis, — scheuen Sie nicht zurück! Thun Sie die Hand vom 
Pfluge nicht ad! Der Herr aller Milde möge es Ihnen nicht 
vergessen, daß Sie eines Sohnes unsres Volkes sich erbarmt haben 
auf dem Markte der Sklaverei!" 
Von Segenswünschen begleitet, ging ich nach Kassel zurück. — 
Ja aber, — was sind Segenswünsche der Menschen? — 
In Kassel empfingen mich meine Gattin und der Herr 
de Briou mit vieler Herzlichkeit. Ich brachte ja auch Gold in Hülle 
und Fülle mit! Und dieser wunderbare Schmuck! Wie küßte mich 
Marguärite! Ich beschloß jetzt wirklich. Alles zu vergessen, was 
sie sich in Berlin durch Durst nach Geld, durch Eitelkeit und durch 
Unvorsichtigkeit hatte zu Schulden kommen lasien. 
Auch der Landgraf Karl von Hessen war ganz Gnade gegen 
mich. Wir wurden oft zu ihm geladen. Erst zu den größeren Festen, 
welche er beim Nahen der winterlichen Jahreszeit veranstaltete. 
Wie bewunderte er die Schönheit meiner Gattin! Und allerdings, 
— sie war bezaubernd jetzt! In der antiken Gewandung von 
schneeigem Byssuslinnen und purpurnem Tuche, das schwarzumlockte 
Haupt geschmückt mit jenen köstlichen Kleinodien Arabiens und in 
ihrer königlichen Haltung mochte sie mehr als jede andere Frau 
der Welt dem Bilde einer Kleopatra gleichen! 
Landgraf Karl zeichnete meine Gattin anfangs in sehr decenter 
und verbindlicher Form aus. Ich dachte an die Dresdener 
Ereignisse. Allein nach dem, was zu Berlin geschehen war, hielt 
ich jetzt meine Frau für völlig gestählt gegen eine jede Versuchung. — 
Es war um die Weihnachtszeit des Jahres 1714. Ich hatte 
einige Tage krank gelegen; die alten Wunden schmerzten und brachen 
zum Theile wieder auf. Meine Gattin war vor zwei Tagen 
allein zu Hofe gewesen. Ich war heute zur Audienz bei dem Land 
grafen gewesen; er hatte mich bei dieser Gelegenheit gebeten, am 
Abende mit meiner Gemahlin zum 6run6 oerele zu erscheinen. 
Ich theilte Marguörite die Einladung des Landgrafen mit. Wider 
all' mein Erwarten und zu meinem höchsten Erstaunen bat sie um 
die Erlaubniß, heute daheim bleiben zu dürfen; — sie fühlte sich 
nicht wohl, so sagte sie. 
„Ist Ihnen etwas bei Hofe begegnet, was Ihr Mißfallen 
erregt hat?" fragte ich. 
„Nicht das Geringste!" antwortete sie gleichgültig und 
beschäftigte sich mit ihren Pretiosen, welche auf einem Toilettentische 
vor ihr standen. 
Ich blickte erstaunt zu ihr hinüber. Soeben verbarg sie eilig 
jenes Etui in der Schublade, welches den orientalischen Schmuck 
des Juden Josephus a Latere enthielt. 
Aufmerksam geworden, bat ich mir das Etui aus. Eine 
Purpurröthe lief meiner Gemahlin über Stirn, Wangen und Brust. 
Ich öffnete das Kästchen; es fehlte ein Ohrgehänge. 
Ich sah Marguvrite fragend an. Indessen hatte sie ihre 
Faffung vollkommen wieder gewonnen. „Ja, sehen Sie, theurer 
Gatte, und werden Sie nicht zornig: das eben ist es, was mich 
in jüngster Zeit so verstimmt hat! Ich habe nach der letzten 
Gesellschaft bei dem Landgrafen das Kleinod verloren und unge 
achtet meiner Nachforschungen dasselbe noch nicht wieder erhalten. 
Im Schlöffe fand es sich nicht. Es muß mir also bei dem Ein 
steigen in den Wagen entfallen und von einem Unehrlichen gefunden 
worden sein!" 
„Marguvrite, — und wegen dieses todten Metalles bekümmern 
Sie sich also?" 
„Sie sehen mich so gern in dem phantastischen Schmucke!" 
Sie fiel mir um den Hals und weinte. Ich tröstete sie 
lächelnd. „Nun, wenn ein Juwelier in Kaffel einen schöneren 
Schmuck besitzt, so sollen Sie denselben noch heute Abend trageir!" 
Ich küßte sie, verließ sie und beschloß, ihr den Verlust auf's 
Reichste zu ersetzen. Sie umarmte mich auf's Zärtlichste und war 
ganz hingebende Dankbarkeit für einen Gatten von so freundlicher 
Nachsicht. „O, der Verlust hätte mich ja nicht so sehr betrübt," 
sprach sie, unter Thränen lächelnd, als ich von ihr schied, „wenn 
ich den herrlichen Schmuck nicht eben durch Ihre Hand 
erhalten hätte!" 
Noch einmal umschlang sie mich. Ich begab mich nach meinen 
> Zimmern, um mich zu meinem Ausgange zu rüsten. In meinem 
Arbeitsgemache fand ich den Herrn de Briou auf mich warten. 
Als er meine Absicht erfuhr, bot er mir seine Begleitung an. Ich 
! steckte Geld zu mir und wir begaben uns der Kölnischen Straße 
! zu, auf welcher die renommirteren Juweliere Kaffels wohnten. 
Der Herr v. Briou war sehr ernst; augenscheinlich lastete ein 
Geheimniß auf seiner Seele. Ich bat ihn, mir offen zu sagen, 
was etwa mich beträfe. Endlich brach er sein Schweigen. „O Si e, 
verehrter Herr Cousin," erwiderte er, „Sie haben mit feinstem 
Takte hier Ihr Verhalten abgemessen. Es hat die deutschen 
Offiziere sehr beruhigt, daß Sie sogleich nach Ihrem Diensteintritte 
sich auf eine Reise begeben haben: es zeigte dies deutlich, daß Sie 
um die Gunst des Landgrafen nicht eben buhlen wollten! — Als 
Ehrenmann wollt' ich, daß ich dasselbe von meiner Nichte sagen 
könnte. Allein mein herzlicher Wunsch, dies thun zu dürfen, 
scheitert an der Wahrhaftigkeit meines Wesens und an dem 
Bewußtsein der Pflicht, welche ich Ihnen gegenüber zu 
erfüllen habe." 
Ich sah ihn groß und erstaunt an. 
„Ja, Herr Marquis," sprach dann der General mit der über 
zeugenden Miene des Kriegers und mit offenbarer Betrübniß, „cs 
ist leider so: Marguentens Benehmen gefällt mir nicht! Neulich, 
— in der Affembläe, — welch' eine augenscheinliche Freude über die 
Huldigungen des Landgrafen bei ihr! Es ist doch wohl noch nicht 
so weit gekommen, daß ein deutscher Graf einer französischen 
Marquise das Schnupftuch zuzuwerfen sich erlauben darf, wie es 
der Großherr einer Odaliske thut!" 
„Was, mein Herr Vetter?" 
„Ruhig, mein Herr Marquis! — Die Zeit ist schlimm; — 
wir alte Soldaten und namentlich wir Rssugies, die um des 
Gewissens willen Alles verließen, — wir finden uns am schwersten 
in dieselbe! Doch sehen Sie, — dort naht uns ein Laquai von 
Seiner Durchlaucht! Er geht auf Ihre Wohnung zu! Halten 
Sie ihn an! — Ich setze Alles jetzt mit Ihnen zugleich auf's 
Spiel! Die Armee eines Friedrich Wilhelm von Preußen bietet 
mir wohl einen Ersatz für den hessischen Dienst! — Sehen Sie, 
der Bursche trägt ein Kästchen!" 
Wir Beide standen vor dem Manne. Er war ganz unbe 
fangen, als ich ihn fragte: „Wohin, mein Freund!" und antwortete 
keck: „Nun, zu der Frau Marquise von Langallery!" — „Hier ist 
Dein Botenlohn!" rief Theodor de Briou, ihm einige Goldstücke 
hinreichend, und nahm ihm das Kästchen ab. „Werde Alles bei 
der Frau Marquise wohl besorgen!" sprach der General. Es 
nahten Spaziergänger. Der Laquai ging zurück, — offenbar nicht 
wissend, ob er recht oder unrecht gethan habe. Das reichliche 
Trinkgeld aber mochte sein Gewiffen wohl beruhigen; denn er 
wandte sich langsam um und verschwand an der Biegung des 
Weges, welcher zur Katlenburg führte. 
„Gottlob, daß wir es mit einem Sohne der Vogelsberge oder 
der hohen Rhön zu thun gehabt haben!" sprach der General. 
„Ein französischer Bote hätte sich dies Päckchen nicht entreißen 
lasten, auch wenn es sein Leben gekostet hätte! Doch dort winkt 
uns ein Weinhaus! Kommen Sie, — lassen Sie, mein Vetter, 
uns sehen, was dies kostbare Sandelholz enthält!" 
Wir saßen in einem kleinen Zimmer, welches zu dieser frühen 
Zeit noch nicht besucht wurde. Es schien mir, als müßte ich er-
        
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