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Periodical volume 11. April 1885, Nr. 28

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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„Sie kennen ihn! Natürlich, wer kennte ihn nicht in 
München," rief Edith« lebhaft. „Mcht wahr, Sie wundern 
sich, daß er verlobt ist, daß er mein Verlobter ist — einer 
unsrer ersten deutschen Dichter — o welch' ein Dichter! — 
Lieben Sie nicht auch seine Werke über Alles?" 
„Seine Gedichte sind schön, sein Noman „dunkle Tage" 
höchst gedankenvoll und bedeutend," entgegnete Frau Delius. 
„Weiteres kenne ich nicht." 
„Und Marion! — und die Novelle, die jüngst im „Stern" 
erschienen ist! Giebt 
es etwas Edleres, Hö 
heres in der ganzen 
zeitgenössischen Litera 
tur? Und so vornehm 
und edel, wie seine 
Bücher ist er selbst, so 
hoch, so erhaben über 
den Staub der Welt! 
— O, muß man ihn 
nicht grenzenlos ver 
ehren und lieben?" 
Die Professorin 
schwieg, sah aber mit 
unruhigem Ausdruck 
auf das Mädchen, das 
ihr nun rückhaltlos 
die Geschichte seiner 
Liebe erzählte. „Und 
jetzt soll in München 
Hochzeit sein?" fragte 
sie endlich. 
Edith« neigte be 
jahend das Haupt. 
Dann sagte sie, indem 
ein leises Roth in ihr 
Antlitz stieg: „Die 
Form ist völlig ge 
wahrt. Benner's rich 
ten uns die Hochzeit 
her und nehmen mich 
bei sich auf. Marga 
rethe ist meine Schul 
bekannte und zugleich 
die treue Freundin 
meines Verlobten. So 
erbot sie sich freu 
dig zu diesem Liebes 
dienst." 
Sie zog die Uhr und fügte dann mit etwas beklommener 
Stimme hinzu: „Wenn das Ankommen nur erst über 
standen wäre!" 
„Wird Ihnen nun zum Schluß doch bange, liebes 
Fräulein?" meinte die Professorin lächelnd. „Das hätte ich 
nicht von der Muthigen erwartet." 
„Professor Nenner ist mir ein Fremder," entschuldigte sich 
Editha, „und Margarethe habe ich seit Jahren nicht gesehen — 
vor meinem Verlobten ist mir nicht bange — das dürfen Sie 
nicht glauben." Sie sah liebevoll auf das Bild in ihren 
Händen nieder, als schöpfe sie aus ihm Beruhigung und 
Wilhelm von Humboldt's 
Denkmal vor der Universität in Berlin. 
Sicherheit, dann plötzlich aufblickend rief sie mit ganz ver 
klärtem Gesicht: „Ist er nicht schön?" 
Frau Delius schwieg betroffen. „Das — kann man — 
wohl kaum sagen", antwortete sie endlich. 
Das Mädchen lächelte überlegen. „Ich meine nicht die 
banale leere Schönheit der Züge, sondern jene höhere geistige, 
welche die wahre Schönheit ist. Die gedankenvolle Stirn, das 
tiefe Dichterauge — o, ich weiß es, wie er aussieht! Die 
thörichte Photographie kann ja den Geist nicht wiedergeben." 
„Das Bild ist 
recht ähnlich," wagte 
die Professorin zu be 
merken. 
„Wissen Sie, daß 
wir noch weitere Be 
ziehungen zu einander 
haben werden?" unter 
brach sie dann das 
unbehagliche Schwei 
gen, das eingetreten 
war. „Mein Schwie 
gersohn , Dr. Eber 
hard, ist Mitredakteur 
des „Stern" und also 
ein Kollege Ihres 
Bräutigams." 
„Dr. Eberhard, 
Ihr Schwiegersohn, 
verehrte gnädige Frau! 
Wie prächtig! Gunt- 
hart hält sehr viel 
von ihm. Er ist wohl 
sein nächster Freund 
außer dem Bildhauer 
Koster. — Doch was 
ist mit dem? — Da 
sehe ich nicht klar; 
Erich will immer nicht 
recht mit der Sprache 
heraus, wenn ich nach 
ihm frage, der doch 
sein Landsmann ist 
und sein einziger Ju 
gendfreund." 
„Er hat eine un 
glückliche Heirath ge 
schlossen," entgegnete 
die Professorin, „doch 
Ihr Bräutigam hat ganz Recht, das ist nichts für Ihre Ohren." 
„Sonderbar," meinte das Mädchen. „Glauben Sie, ich 
hätte nie von unglücklichen Ehen gehört? — Die Baronin 
Fersen lebt auf Wartwitz von ihrem Manne getrennt, und 
von verschiedenen Anderen weiß ich ein Gleiches." 
Frau Delius lächelte. „Ich meinte das in anderm Sinne. 
Er hat eine Person geheirathet, die tief unter ihm steht und 
seiner nicht würdig ist." 
Editha machte große erschrockene Augen und fragte nicht 
weiter. Ihre zartbesaitete Seele bebte zurück vor dem Hauch 
des Unreinen. (Fortsetzung folgt.)
        
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