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Periodical volume 11. April 1885, Nr. 28

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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zwei von zierlichem rosafarbenem Band zusammengehaltene Päck 
chen vor ihr lagen. Sie hatte den Hut von dem welligen blonden 
Haar genommen und das Antlitz, dem ein selbstvergessen seliges 
Lächeln des Glücks ein ganz ideales Gepräge verlieh, tief 
hcrabgencigt. So las sie ein Blatt nach dem andern, ohne 
ihrer Gefährtin zu gedenken. 9hm, da sie geendet, zog sie 
aus einem Portefeuille eine Photographie hervor, in deren 
Anblick sie sich vertiefte, um alsbald, wie in unwillkürlicher 
Bewegung die Lippen darauf zu presien, und dann, als erschrecke 
sie über die eigene Kühnheit, aus ihrer Selbstvergessenheit 
emporzufahrcn. In Scham erröthend gewahrte sie nun erst, 
daß die Professorin wachte. 
Diese nickte ihr lächelnd zu. Die kleine Scene, deren 
Zeuge sie geworden, hatte sie angemuthet, wie ein lebendiges 
Gedicht, und so bat sie Editha, sich ihre Mitmissenschaft eines 
süßen Geheimnisses gefallen zu lassen und ihres herzlichen 
Antheils sicher zu sein. 
„Sie sind zu gütig, gnädige Frau! O nein, ich bedaure 
meine Unvorsichtigkeit gar nicht!" rief das Mädchen. „Es 
sollte zwar Niemand erfahren — bisher sind außer Benner's 
nur wenige Menschen eingeweiht; aber was thut es am Ende! 
In ein paar Tagen weiß es ja die ganze Welt. Sie aber, 
gnädige Frau, sind so liebevoll gegen mich, die Ihnen ganz 
Fremde! Wenn Sie ahnten, wie wohl Sie mir, der Eltern 
losen, damit thun! — O, wenn ich eine solche Mutter hätte I" 
Und während sich ihre blauen Augen mit Thränen füllten und 
ihr ganzes Antlitz Seele war, bückte sie sich plötzlich und zog 
die Hand der Professorin an ihre Lippen, ehe diese es nur zu 
hindern vermochte. Einem so hinreißenden Gefühlsausbruch 
konnte das warme Herz der alten Dame nicht widerstehen. 
Tief bewegt zog sie das Mädchen in ihre Arme, das so ver 
trauensvoll sein Herz ihr bot- 
„Und nicht wahr. Sie erlauben dem Brautpaar, daß es 
sich Ihnen vorstellt?" fragte Editha jetzt, ihre, ein wenig ver 
schobenen Haarflechten zurechtrückend. 
„Mit größter Freude werde ich es empfangen, und gewiß 
will ich, so viel in meinen Kräften steht, der jungen Frau 
mit Rath und That zur Seite stehen." 
„Ich danke Ihnen! Doch nun muß ich Ihnen Alles 
erzählen. O, es ist ja so wunderbar, so romantisch, so — 
so — ideal!" Dabei reichte sie Frau Delius das Bild, das 
sie noch in den Händen hielt und fragte lächelnd: „Kennen 
Sie ihn?" 
Mit maßlosem Erstaunen sah die Professorin auf die 
Photographie und dann auf das Mädchen. Ja, sie kannte 
ihn, kannte ihn gut sogar, und stellte ihn im Geiste neben die 
Braut — es benahm ihr fast den Athem. „Dr. Erich 
Gunthart!" sagte sie endlich. 
mit Deiner Frau*), Frauen sehen in solchen Dingen weiter, als wir 
Männer. Einstweilen will der König Auskunft über folgende Stelle: 
Nachschifft Britannia 
Auf mehr denn hundert schimmernden Palästen, 
Hoch schäumt der Grund, die Kuppel fliegt und um 
Die Säule donnernd weht der Wände Marmor, 
Als würd' rc." 
Wer ist die Kuppel? Wer die Säule? Wer donnert? Und was 
sind das für Marmorwände? Bringe mir darüber Bescheid. Ohne 
Redensarten, aber mit der That 
Dein Campe." 
Die Stimmung bei Hofe war sehr günstig; Prinz Karl interessirte 
sich besonders für „Waterloo" und Prinz Wilhelm (jetzt Kaiser 
Wilhelm» übersandte dem „lieben Herrn Scherenberg" für sein „wunderbar 
schönes Gedicht" als Gegenausmerksamkeit die soeben anonym gedruckten 
„Bemerkungen zu dem Gesetzentwurf über die deutsche Wehrversaffung." 
Auch der „Tunnel", in welchem an Stelle der früher Genannten neben seinen 
besten Freunden Orelli und Widmann noch Paul Heysc, Franz Kugler, 
Felix Dahn, Friedrich Eggers, Hermann Weiß, dann Weltmann, Hesekiel, 
Lucae, Drake, Menzel, Wilhelm Wolff (Thierwolff) saßen, hob ihn höher 
auf den Schild. Von dem Einzigen, der nicht unbedingt in sein Lob 
einstimmte, dem Censor und ehemaligen Lieutenant St. Paul, giebt 
Fontane ein trauriges, aber mildgehaltenes Lebensbild, dem er seine 
eigenen Beziehungen zu dem Dichter in anmuthender Weise anschließt. 
Unter Müffling, Boyen und Strotha hatte Scherend erg gegen eine 
Remuneration von zwanzig Thalern die Verpflichtung, die militär-wissen- 
schaftliche Literatur durchzusehen und einmal in der Woche darüber Vor 
trag zu halten. Seit Einrichtung einer eigenen Bibliothek des Kriegs 
ministeriums bekleidete er unter,H. Smidt die Stelle eines Unterbiblio 
thekars, die ihn zu einer Zeit, da Ehre und Lobpreisung ihm sonst nicht 
versagt blieben, durch tödtliche Langeweile zu schädigen drohte. Ueber 
seine persönliche Erscheinung erhalten wir durch Schmidt-Weißenfels eben 
falls Einiges. „Es war 1853, als ich bei Scherenberg eingeführt wurde. 
Seine Wohnung, Lützower Wegstraße, dicht bei der Potsdamer, war höchst 
einfach. In einem allerkleinsten Zimmer saß er bei der Arbeit, im 
patriarchalischen Schlafrock mit großen Holzparisern, um die Hüfte einen 
Gurt, in welchem, in einem primitiven Gehänge, die lange Pfeife ruhte, 
damit sie weder lästig und unbequem an den Zähnen ziehen konnte, noch 
auch die Hand zum Absetzen vom Mund in Anspruch nahm. Bretterge 
stelle voll Bücher, Zeitungen und Skripturen thürmten sich um ihn her, 
■ vor ihm aber stand ein Glas mit einem immer brennenden Nachtlicht, 
während Fidibusse zum Anzünden daneben lagen. Ein Philosoph und 
} Gelehrter. Sein Gesicht war durchleuchtet von Freundlichkeit, dazu 
dünnes blondes Haar und mildgütige kluge Augen. Sein sonores Organ 
erinnerte an den ehemaligen Schauspieler." 
Im Sommer 1853 hatte sich eine engere Beziehung zwischen 
Scherenberg und Drake gebildet, die den letzteren bewog, eine Statuette 
j seines Freundes zu modelliren. Als Friedberg (der jetzige Justizminister) 
eines Tages aus Greifswald herüberkam, kaufte er eine solche Statuette 
und hatte die Sorge für eine regelrechte Verpackung Scherenberg über 
lasten, der ihm einen geeigneten Mann dazu senden wollte. Am andern 
Morgen erschien ein breitschultriger roth-blonder Mann von gegen fünfzig, 
der, Nägel und Kiste mitbringend, im Umsehn die Verpackung besorgte, 
j Dann trat er mit der Meldung davon an Friedberg heran, und empfing 
von diesem neben einem freundlichen Dank einen Thaler. Der Beschenkte 
wog den Thaler eine Weile hin und her und sagte dann, während er ihn 
einsteckte, „danke schön, den hebe ich mir auf". Es war Drake selbst 
gewesen, den Friedberg zufällig vorher nie gesehen hatte. 
Friedberg war es auch, der durch Verwendung des Flügeladjutanten 
Grafen Bismarck-Bohlen bei dem Könige, der aus Schneider's wiederholten 
Vorlesungen den Dichter kannte, eine Pension von 300 Thalern auf drei 
Jahre erwirkte und ihm damit freiere Bewegung schaffte. Im Januar 
1855 las Scherenberg selbst feine Dichtungen bei Hofe vor; um eben 
! dieselbe Zeit auch zollte ihm Laffalle seinen Beifall, in dessen Hause er 
! mit Pückler, Förster, Duncker, Dohm und Pietsch zusammentraf. Nicht 
! lange nachher wurde sein Glück durch di« veränderten Zeiten mehr und 
! mehr getrübt; wohl gaben die Thaten von 1864 hin und wieder Gelegen- 
heit, sich „in Erinnerung zu bringen", und 1868 trug sein „Hohen 
friedberg" ihm beträchtliche Pensionen ein, die seinen Lebensabend 
friedlich gestalteten; aber die persönlichen Beziehungen zu den alten 
Freunden, die er nur noch bei dein Stiftungsfeste des „Tunnels" auf 
suchte, wurde von Jahr zu Jahr lockerer und immer lockerer. Schloß 
prediger Frege in Schöneberg und Pastor Ernst waren fast seine einzigen 
Genossen. Er starb am 9. September 1881. 
Die Arbeit Theodor Fontane's, der ohne Uebertreibung das Gute 
der Scherenberg'schen Dichtung hervorzuheben versteht, dabei aber auch 
die Schwächen nicht zu bestreiten beabsichtigt, schließt mit einer liebens 
würdig gehaltenen Charakteristik des Menschen, einer kurzen Besprechung 
seiner Werke und einer einsachen tiesempfundenen Schilderung der letzten 
I Tage des in hohem Alter Heimgegangenen. P. Wall«. 
*) Scherenderg war jum »weiten Male verheirathet.
        
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