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Volume 19. October 1884, Nr. 3

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

schieht. In der warmherzigen Erregung giebt man mehr, als 
man geben wollte, — sich selbst, — und die Entäuschung, 
daß man nichts zurückempfängt, was so opferwilliger Gabe 
entspricht, folgt nur zu oft. 
Dennoch thut es ihm leid, daß er, den nur das herz 
lichste Mitgefühl für das Mädchen herführte, nun so unfreund 
lich zu ihr gewesen ist, besonders als er sie nun zögernden 
Schrittes zurückkommen und mit bebender Hand das Buch 
ihin hinüberreichen sieht. 
„Und ihr seid mir wirklich nicht böse?" fragt sie nochmals. 
„So viel liegt dir daran, ob ich dir gut bin?" fragt er 
zurück; und ohne daß er weiß, wie's ihm gekommen, hat er 
-Jrie's schönen Kopf zu sich herangezogen und mit seinen Lippen 
leise ihre Stirn berührt. 
„O nicht doch, nicht doch!" bittet sie, indem sic erschreckt 
Z zurückweicht, und ein Schatten über ihre schönen Züge steigt. 
| „Ihr dürft mich ja nicht lieb haben! — Auch von mir ist's 
* schon ein Unrecht, daß ich's thu', — Aber Euch bewundern, 
zu Euch hinaufschauen, nicht wahr, das darf ich?" 
„Einander Freund sein dürfen, verbietet wohl kein 
Glaube," sagt er, über sein eigenes Thun erschreckt und merk 
lich unzufrieden mit sich selbst. „Nun gut denn, Jric; denk' 
die allmächtige Kraft der Freundschaft habe mich soeben ver 
wirrt! Hinaufzuschaucn zu mir, Jrie, hast du keinen Grund; 
denk' aber auch nicht geringer von nur, weil ich in dem ivarmen 
Gefühl der Freundschaft für dich soeben die Grenzen guter 
Sitte überschritt. — Und nun leb' wohl, Jrie, und wenn ich 
vorhin dich warnte, vergiß nicht, daß nur der Freund es that." 
Ec hat sich schnell zum Gehen gewandt, weil Jrie, die 
nur wie im Traum die letzten Worte gehört hat, verivirrt 
ihm nachschaut, die Hände vor sich hingestreckt, als ob sie eine 
wie iiil Nebel vor ihr entschwindende Gestalt festhalten wollte. 
Statt ihrer glaubt sie in dem sie umwogenden Nebel 
plötzlich wieder die kleine verwachsene Gestalt Mcndelsohn's 
vor sich stehen und seine großen klugen Augen traurig fragend 
auf sich ruhen zu sehen. Ja, ja er — sie fühlt, auch er hat 
sie gern — er mag ihr Frermd und Berather sein; aber 
dieser? — Nein! Sic breitet die Hände über die Augen, das 
südliche Blut in ihr vermag die leidenschaftliche Erregung 
nicht schweigend niederzukämpfen; laut weinend wirft sie sich 
am Boden nieder. 
So findet sie Fratl Sarah, die Jrie schoit überall vergeblich 
gesucht hat, daß sie ihr bei den festlichen Vorbereitungen helfe, 
neben ihr am Boden das aufgeblätterte Buch, das Gotzkowsky 
nun doch vergessen hat, aus Jrie's Hand zu nehmen- 
Nur einen schnellen Blick wirft sie auf die deutschen 
Schriftzüge, die sie nicht lesen kann, und kurz cntschlosien, fliegt 
es aus ihrer Hand hinüber in den Nachbarhof, als sei damit 
auch jede Beziehung zum Nachbarhause nun gebrochen. 
(Fortsetzung folgt.) 
Äunkrl v. Löivenstern, Geheimer Kammerdiener und 
Alchymist des Großen Kurfürsten auf -er Pfnueninfel. 
Von £. «.*) 
Unter den kuriosen Leuten des 17. Jahrhunderts, Alchymisten, 
Goldmachern und Laboranten, die sich mit ihrer vermeintlichen 
*) Anmerk. b. Red. Mit Genehmigung. 
Kunst oder Wissenschaft an die deutschen Höfe drängten, um 
theils wisientlich, theils guten eigenen Glaubens, zu betrügen, ist 
Johann Kunkel v. Löwen st ern einer der kuriosesten, zugleich 
aber weniger bekannt als andere seiner Art, weil neben dem Char- 
latan — und etwas Charlatanerie war in jener Zeit nun ein 
mal von den svekulativen Wissenschaften unzertrennlich — auch 
ein gutes Theil wirklichen Wissens und redlichen Strebens in ihm 
steckte. Seine Schicksale waren zwar nicht weniger seltsam, als die 
so mancher seiner Kollegen, aber sein Ende war ein ehrliches und ge 
achtetes! Das mag ihn denn wohl zu den Uninteressante» ge 
worfen haben, so daß es noch Niemand der Mühe werth gehalten, 
sich eingehender mit ihm zu beschäftigen, denn novellistische Be 
handlung reicht doch für die Geschichte eines so merkwürdigen 
Mannes nicht aus, wenn sie auch jedenfalls das Verdienst hat, 
größere Kreise auf ihn aufmerksam zu machen. Man wußte wohl, 
daß der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm ihm zehn Jahre 
lang großes Vertrauen geschenkt, — daß er sein geheimnißvolles 
Laboratorium auf der Pfaueninsel bei Potsdam gehabt, welche 
durch die Vorliebe König Friedrich Wilhelm's III. zu einer 
fast Europäischen Berühmtheit gelangte, — daß er das Rubin- 
glas erfunden und in der Glasfabrikation überhaupt Bedeutendes 
geleistet, endlich daß er von König Karl IX. von Schweden nicht 
allein zum Bergrath ernannt, sondern auch in den Adelstand er 
hoben wurde, — daß er die Bereitung des Phosphor erfunden 
haben sollte, — das Alles ist in Encyklopädien und biographischen 
Lexikas nachzulesen; aber was denn eigentlich an den, Manne war, 
wie ihn sein Streben umhergetrieben, in welchen Verhältnissen er 
zu den Fürsten stand, die ihn zu sich herangezogen, darüber wußte 
man so wenig, daß er eben keine lohnende Aufgabe für die historisch 
kritische Darstellung schien. Zufällige Funde in Archiven machten 
aber darauf aufmerksam, daß in dem schon vergessenen Manne 
doch wohl mehr zu suchen sei, als sich aus so dürftigen encyklo 
pädischen Notizen erkennen lasse, und ein darauf gerichtetes Forschen 
ergab dann für einzelne Momente seines Lebens so Wichtiges und 
zugleich Jnteresiantes für die Kultur- und Sittengeschichte seiner 
Zeit, daß es gewisiermaßen eine Ehrenrettung gilt, wenn zwei 
Hundert Jahre nach seiner Aufnahme in den Kurfürstlich Sächsischen 
und Brandenburgischen Dienst aus dem ungeschickten Alchymisten 
ein geschickter Erfinder und Fabrikant sich entwickelt. 
Das Königliche Geheime Staatsarchiv in Berlin bewahrt 
alle amtlichen Schriftstücke, welche auf die Anstellung, die Arbeiten, 
Besoldung und Unternehmungen Kunkel's Bezug haben*), — 
die Königliche Bibliothek in Berlin aber unter den Manuskripten 
zur Preußischen Geschichte**) die vollständigen Aktendes Prozesses, 
den der Nachfolger des Großen Kurfürsten, Friedrich III. nach 
mals erster König von Preußen, gegen den „Kammerdiener" seines 
Vaters wegen seiner Verwendung erhaltener Gelder 1689 ein 
leiten ließ. Diese sind denn nun allerdings so kurios, daß sie 
genügenden Stoff zu einer Novelle liefern würden, wozu es eben 
nur einiger Zuthaten an liebenden Töchtern, tugendhaften aber 
annen Liebhabern, verfolgenden oder eifersüchtigen Herren vom 
Hofe und einer mehr oder weniger humoristischen Nebenfigur be 
dürfte, um sie höchst lesbar, mit einigen Ausfällen auf die Vcr- 
*) Rep. 6. CC. 4, und Rep. Nr. 21, Nr. 123. 
**) Ms. boruss. in Folio Nr. 367. Goldmacherei der alten Kurfürsten 
und andere Superstitiosa. Darin mit eingebunden: Schriften der Unter 
suchung gegen den Kai»merdie»er Johann Kunkel wegen seiner, vom 
Kurfürsten Friedrich Wilhelm erhaltenen Gelder und deren Verwen 
dung, vom Jahre 1689. Auf dem Titel die folgende Bemerkung des 
Ordensrathes König: ,,NB. Diese Sachen sind mir von dem Hern, Ge 
heimen Rath, Baron v. Dankelmann 1779 aus denen Papieren, so zu 
dem von mir in Ordnung gebrachten v. Dankrlmann'schen Archiv ge 
hörten und von mir in Ordnung gebracht wurden, gnädigst zum Geschenk 
gemacht."
	        
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