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Volume 4. April 1885, Nr. 27

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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Liebden, auch der drei kurfürstlichen Töchter so wie vieler Anderen, 
Geheimen Räthe und treue Diener, 
hier an dieser Stelle, 
nachdem er dieser Welt Mühsal überstanden. Seine Seele Gott 
wiedergegeben, als er auf dieser Erde 47 Jahre, einen Monat 
und vier Tage gelebt hatte. 
Aus unterthänigster Dankbarkeit und zu ewigem Gedächtniß, 
zur Kunde der Nachwelt und zu besonderem und unvergleich 
lichem Ruhme dieses Hauses hat diesen Ort mit dieser beschei 
denen Messing-Jnschristtafel bezeichnen lassen der damalige Be 
sitzer dieses Gebäudes und des verstorbenen Kurfürsten, Höchst 
seligen Gedächtnisses, Geheimer Kammerdiener, Anton Freitag, 
und seine Ehefrau Anna Steinfelderin." 
In seiner Leichenrede, welche der Hofprediger Bergius auf 
den dahingeschiedenen Kurfürsten hielt, heißt es unter Anderm: 
„Und zwar hatte es nicht allein dieselben Tage, sondern auch die 
ganze Zeit her, in welcher der höchste Gott das Haus Branden 
burg mit so manchen Todesfällen heimgesucht, ein solch Gesicht 
in leidtragender weißer Gestalt auf dem kurfürstlichen Hause zu 
unterschiedlichen Malen, allerhand Standes und Alters, auch fürst 
lichen Personen, jedoch ohne schädliches Schrecken oder Jemandes 
Verletzung, sich sehen lassen; also daß man nicht mehr daran zu 
zweifeln, wiewohl auch unter dem gemeinem Volk viel dazu ge 
dichtet und sie (die „weiße Frau") hin und wieder ohne Grund 
spargiret worden. Was aber davon zu halten: ob's ein Gesicht 
eines guten oder bösen Engels, oder vielleicht einer verstorbenen 
Seele, wie man im Papstthum fürgeben, oder das nur sonst ein 
merum pbaiitasma sei, leidet jetzt die Zeit nicht, daß ich meine 
Gedanken erkläre." 
Wagte also selbst der Geistliche nicht einmal, das Dasein 
des Gespenstes in Abrede zu stellen, vielmehr den Kurfürsten 
und dessen Umgebung in dem Glauben an die Erscheinung der 
„weißen Frau" zu bestärken, um wieviel weniger war es dem 
Letzteren zu verargen, wenn er den unheimlichen Empfindungen 
Raum gab, die das Ende des kranken Fürsten nur beschleunigen 
konnten. Wenn Bergius von dem „Gesicht eines guten oder 
bösen Engels" redet, so sei hierzu bemerkt, daß man schon damals 
die vermeintliche Erscheinung der „weißen Frau" auf ein fröh 
liches oder trauriges Ereigniß bei Hofe deutete, und zwar schloß 
man dies aus einzelnen Abweichungen in der Farbe der Be 
kleidung re. 
Es sei ferner daran erinnert, daß die gespenstische Erscheinung 
zu mancherlei betrügerischen Absichten benutzt wurde, und daß die 
selbe nicht immer den gefürchteten Todesfall zur Folge hatte. Auch 
manche tragikomische Scene bewirkte ihr Erscheinen, wie dies bei- 
spielstoeise dem späteren Besitzer des Sterbehauses Johann Sigis 
munds, dem bekannten Kriegsobersten rc. Conrad von Burgs 
dorff passirte. Ihm begegnete die „weiße Frau" auf der Schloß 
treppe, und er redete sie also an: „Hast Du, Alte, noch nicht Blut 
genug gesoffen? Wilt Du noch mehr haben?" Worauf die „Alte" 
ihn beim Hals erfaßte und die Stiegen hinabwarf, daß ihm sein 
Wams platzte und die Rippen knackten. Freilich behauptet die 
Fama, der alte Haudegen habe bei festlichen Gelagen — und von 
einem solchen mochte er damals im Schlosse zurückgekehrt sein — 
achtzehn Maaß Wein zu sich nehmen können. 
Auch vor dem Tode der Königin Luise und in der Neujahrs 
nacht 1861, also beim Hinscheiden König Friedrich Wilhelms IV., 
soll das Phantom sich gezeigt haben, und noch in unseren Tagen 
kursirte das Gerücht von seinem Erscheinen. 
Kchren wir nach dieser Abschweifung zur Geschichte des in 
Rede stehenden Sterbehauses zurück. 
„Zu wissen, kundt und offenbahr sey aller männiglichen, 
sonderlich, denen es vonnöthen, daß im Jahre, als man nach der 
heilsamen Geburth Jesu Christi zählete Eintausendt Sechshundert 
und Dreiundvierzig, in der eilften Römer Zinszahl, unter Regie 
rung des Allerdurchlauchtigsten, Großmächtigsten und unüberwind 
lichsten Fürsten und Herrn, Herrn Ferdinandi, dieses Namen des 
Dritten, erwählten Römischen Kaisers, zu allen Zeiten Mehrer des 
Reichs rc." 
So beginnt die, vom Kaiserlichen Notario publ. Paulus 
Chemnitius zu Köln an der Spree unterm 25. Oktober 1643 
ausgefertigte Urkunde, Inhalts deren die „ehrbare und tugend- 
same" Frau Anna Steinfelderin, des weiland Churfürstl. 
Brandenburg. Oberförsters und Amtsrathes Antonii Freytags 
Hinterbliebene Wittib, dem (vorerwähnten) Herrn Conrad 
von Burgsdorff, Obristen und Ober-Commandanten aller Chur- 
Brandenburgischen Vestungen rc., und dessen leiblicher Tochter, der 
Hochedlen, tugendreichenJungfer Margarethe von Burgsdorff, 
das Haus in der Poststraße zum Geschenk vermacht. 
Es geschah dies, wie es in dem Dokumente heißt, bei „voll 
ständiger Gesundheit und ganzem Verstände, mit ausdrücklichen, 
deutlichen Worten" und in Gegenwart ihres verordneten und be 
festigten Vormundes, des Kammergerichts - Advokaten Andreas 
Barthold. Als Beweggründe zu diesem Vermächtniß werden an 
gegeben die, der Frau Oberförsterin und ihrem seligen Eheherrn 
„in mancherley Wege erwiesene große Freundschaft und sehr viell 
Liebes und Guetes, dessen sie bishero allbereits merklich genossen, 
dergleichen auch noch fürder von ihren freundlichen Thaten sich 
versehe." 
In „dankbarer Vergeltung, und aus besonders geneigter 
Affection, so wie anderen bewegenden Ursachen" vermachte sie also 
ihr Besitzthum dem genannten Kriegsobristen. Worin das „viell 
Liebes und Guete, so wie die anderen bewegenden Ursachen" 
bestanden, ist leider nicht angegeben. Wenn wir aber auf die, an 
galanten Abenteuern überaus reiche Lebensgeschichte des 
Obristcn zurückblicken, und auch das Gerücht in Betracht ziehen, 
daß die „schöne blonde" Frau anderweitige Huldigungen nicht 
zurückgewiesen, so dürften die „bewegenden Ursachen" vielleicht hierin 
zu suchen sein. Es soll dies jedoch keine direkte Beschuldigung sein. 
Interessant ist es noch, aus der obigen Urkunde zu entnehmen, daß 
Frau Freitag dieselbe nicht eigenhändig vollzogen, weil sie „selbst 
nicht schreiben gelernt." An ihrer Stelle unterzeichnete der 
„ehrendeste, achtbare und vornehme" Herr Andreas Hermann, 
unter Beidrückung seines Siegels. 
Sonst noch ist das Dokument vollzogen von sechs Zeugen, 
und demselben das Notariatssiegel beigegeben. Letzteres stellt, nach 
damaliger Art, in einem feinen, aufgeklebten Kupferstich die auf 
einer Erdkugel stehende Fama dar, welche in die Posaune stößt 
und in ihrer Linken-ein geöffnetes Buch hält. Im Hintergründe 
ragen die Thürme einer Stadt (Berlins?) empor; die Umschrift 
im Kreisausschnitte lautet: Vir tute ac Studio per Orbem 
.Fama perpetua comparatur. Das Schwarzsiegel ruht auf 
einem kelchartigen Fuße, der die Inschrift trägt: Paulus 
Chemnitius Not: Publ: Caes: 
Eine „Renovirung" dieser Urkunde fand dann unterm 
27. Januar 1648 statt. Es wird darin „Haus und Hof nebst dem 
Hinterhause (in der Burgstraße) mit Allem, was darinnen niet- 
; und nagelfest ist, desgleichen den Gemälden, Köpfen, Kronen und 
Gehörnissen, sammt allem Ornat dem Obristen und seiner Tochter 
in völlige Possession gegeben, als ihr propre und Besitzen, damit 
zu schalten und walten und es nach ihrer Commodität und Bestem 
zu benutzen." Dahingegen Burgsdorff sich verpflichte, bei Sr. 
Kurfürst!. Durchlaucht die fruchtbarliche Erinnerung und Beförderung 
stets zu thun, daß die Freitag nicht allein die am Residenzhause 
(Schloß) inne habende Wohnung auf Lebenszeit behalte, sondern 
auch alles Dasjenige, was Churfürstl. Durchlaucht ihr in dem, 
unterm 28. August 1643 aufgestellten, Receß gnädigst versprochen, 
richtig behalten möge".
	        
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