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Volume 4. April 1885, Nr. 27

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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//Ora et labora!" spricht er zu ihm, und „Ora et labora!" wieder 
holt der Hänselbursch. Darauf ertönen Fragen: 
„Worauf bist Du gehänselt?" — 
„Auf Königlichem Grund und Boden!" tönt's zurück. 
„Wie heißen Deine Pathen?" 
Die Namen werden genannt. 
„Und Dein Lohngeber?" 
Der zu Hänselnde nennt den Namen des Altgesellen. 
„So merk' es Dir und sieh', wie Salzenbrod gegessen 
wird!" 
Der Altknecht taucht jetzt ein Stück Brot in die Salzschale 
und spricht: 
„So gewiß ich das in's Salz getauchte Stück Brot esse, so 
wahr bin ich gehänselt!" 
Das thut ihm jeder Aufzunehmende nach; doch höflich wird 
hinzugefügt: 
„Ich bedanke mich vormals wie nachmals, und nachmals wie 
vormals!" 
Es folgt Seitens des Aufzunehmenden nun das Gelöbniß, 
beständige Treue zu halten, und Seitens des Altgesellen die Er 
klärung, daß nun der Hänselbursch gehänselt sei und daher geachtet 
und geehrt werden müsse. 
Ein Mahl, ein Trunk, ein Tanz füllt den Rest des Tages. 
Es muß dabei freilich noch Manches gelernt werden, z. B. das 
echt Märkische: „In guter Hand!" worauf zuerst der Darbietende, 
dann der Eingeladene trinkt. 
Das ist das eigentliche brandenburgische Hänseln, ein Hänseln 
ohne Spott! Die in dem „Lehn" gegebenen Regeln könnten dazu 
hinleiten, daß man die Hänselgesellschaften als Marktgenossen be 
trachtete; allein ich glaube, diese Hänselregeln sind sehr jung; der 
aufklärerische Zusatz in Nummer 8 stammt sicher erst aus dem 
vorigen Jahrhundert! Nein, die Hänselgesellschaften sind älter! 
In den Zeiten des märkischen Jnterregnum's, in welchem 
märkische Bauern oft genug ihren Priester vertrieben haben, weil 
er auf Geheiß seiner geistlichen Oberen sie von den Segnungen 
der Religion ausschloß, — in jenen Tagen, da Jedermann's Hand 
wider den Andern war, mögen sie entstanden sein. Wir finden 
ganze Eidgenossenschaften märkischer Bauern vor, welche von der 
erbarmungslosen, römisch-gesinnten Geistlichkeit abgefallen waren. 
Ich erinnere z. B. an die „Puzkeller" oder „Duzbeller", d. h. die 
„Gottesfeinde" an der pommerschen Grenze und an die „Luciferianer" 
uni Angermünde und Königsberg. Die Kirche sagte diesen Eid 
genossenschaften das Schlimmste nach; sie warf ihnen die „Con- 
eubitus promiscui" und die Teufelsanbetung vor. Es waren 
indessen nur verzweifelnde Landleute. Auch die berüchtigten „Stehl 
meister" mögen zum Theil aus ihnen bestanden haben. Noch im 
16. Jahrhundert tritt solch' eine Geheimgesellschaft von Bauern in 
der Uckermark auf: es ist die „Gesellschaft des Priesters Johannes", 
welcher sich auch Edelleute angeschlossen hatten. 
Natürlich wurde, sobald die Verzweiflung aufhörte, der 
Charakter dieser Geheimgenossenschaften ein milderer. Jetzt ahmten 
sie die hansisch-städtischen Gebräuche nach, beschützten sich auf dem 
Zuge zum Markte, wie wir es oben als Pflicht einschärfen hörten, 
in getreulich-brüderlicher Weise und feierten wohl, wie die Gewerke 
in den Städten, ihr festliches Mahl zu althergebrachter Zeit. 
Sowie aber Kriegsgefahren sich nahten, trat der frühere kriegerische 
Charakter der Vereinigungen wieder hervor. Die Bauernschaften, 
welche während des 30jährigen Krieges sich um Drömling zu- 
sammenschaarten; die Fahnengenossenschaften von 1675, welche den 
rothen Adler gegen die Schweden wehen ließen und die Versprengten 
truppweise todtschlugen, werden Hänseln oder doch etwas Aehn- 
liches gewesen sein. 
Die ländlichen Hänselgesellschaften sind also keineswegs bloß 
bedeutungslose Nachahmungen städtischer Brüderschaften oder Car- 
nevalsgesellschaften gewesen; — nein, sie hatten wirklich ernste 
Zwecke und müssen einst wohlthätig gewirkt haben. Jene oben 
angeführten „Reiseregeln" aber sind hochalterthümlich und trefflich 
zugleich. Es kann auch heute noch nichts schaden, sie dem Land 
manne einzuschärfen! 
Aber diese alten Hänselgesellschaften mit ihrem Ernst und 
ihrem Humor sind nun wohl schon alle längst schlafen gegangen! 
Ich habe von Keiner mehr vernommen, obwohl ich Jahre lang 
dem Oderbruche nahe gewesen bin, in welchem ihre letzten Trümmer 
aufzufinden waren. Aber ich glaubte einmal auf diese Vereinigungen 
hinweisen zu müssen. In ihrer sittlich veredelten Form sind 
diese Bauerngenossenschaften ein historischer Belag für die 
uralte Neigung unseres Landvolkes zu corporativer Organi 
sation, welche in unsern Tagen wiederum hervortritt! 
Die ersten brandenburgischen Colonieen in Äfrilm. 
(Zu den Abbildungen Seite 413 und 416). 
B. K. Ein Zufall fügt es, daß gerade 200 Jahre nach der ersten 
Besitzergreifung äquatorialen Gebietes durch den Vertreter eines 
hohenzollernschen Regenten, abermals da unten im schwarzen Erd 
theil eine Flagge weht, die von der Macht und Herrlichkeit eines 
deutschen Herrschers, eines direkten Nachkommen des großen Kur 
fürsten zu sagen weiß. Am 16. Mai 1681 schloß Eapitän Blonk, 
dessen Schiff im Aufträge des Kurfürsten Friedrich Wilhelm durch 
Raule ausgerüstet worden, mit den Negerhäuptlingen Pregatte, 
Sofpony und Apany einen Vertrag ab, durch welchen ein Streifen 
Landes zur Anlegung eines Forts in Guinea abgetreten wurde. 
Die Holländer wußten indeß die Besitzergreifung noch zu hindern; 
Blonk hatte zuerst in Berlin Bericht abzustatten, und erst zwei 
Jahre später gelang es dem Major Georg Friedrich vonderGröben 
an dem Cap Tres Puntas, unweit des Dorfes Accoda, die Auf 
richtung einer regelrecht erbauten Festung durchzusetzen. Er hatte 
dabei aufs Neue mit den Bewohnern zu verhandeln, weil die mit 
Blonk handelseinig gewordenen Stämme inzwischen verschwunden 
oder vernichtet waren. Am 1. Januar 1683 brachte Capitän 
von Voß vom „Kurprinz" die brandenburgische Flagge a» Land, 
wo sie unter Pauken und Schalmeien nebst obligatem Geschütz 
donner aufgehißt wurde. Während der Ausführung des Forts, 
das den Namen „Groß-Friedrichsburg" erhielt, hatte die kleine 
Mannschaft von nur 25 Soldaten wiederholte Kämpfe gegen die 
von den Holländern aufgehetzten Neger zu bestehen, wobei das den 
Schwarzen unleidliche schwere Geschütz stets sehr bald den Ausschlag 
gab. Das Fort, soviel wissen wir aus von der Gröbens eigenen 
Aufzeichnungen, war 30 Ruthen lang, 12 Ruthen breit. Dasselbe kam 
vor Jahresfrist wieder zum Vorschein, als die Korvette „Sophie" 
dort Untersuchungen anstellte und noch ein halb Dutzend alter Ge 
schützrohre vorfand, von denen Eines nach Berlin gebracht und im 
Erdgeschoß des Zeughauses in der Osthalle, inmitten der sonstigen 
Rohre und Geschosse aus dem XVII. Jahrhundert aufgestellt wurde. 
Es ist ein handgreifliches und theures Beweisstück für das Alter der 
afrikanischen Colonisationsversuche von deutscher Seite. Neben Groß- 
Friedrichsburg entstand — in Entfernung von 1'/- Meilen — im 
Jahre 1684 die Colonie Dorotheenschanze, nachdem die Schwarzen 
von Accoda sich ebenfalls in brandenburgischen Schutz begeben hatten. 
Eine Gesandtschaft aus Guinea erschien damals in Berlin und 
wurde hier mit großen Ehren aufgenommen. Unter dem Schutze 
der genannten Ansiedlungen entwickelte sich auf kurze Zeit die 
brandenburgisch-afrikanische Handelscompagnie, deren Freibrief schon 
1682 ausgestellt war. Der unerwartete Tod des großen Kurfürsten,
	        
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