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Volume 4. April 1885, Nr. 27

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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auch sehr zügellose Städt-eleben des Mittelalters sind bei uns also 
überall noch wach. 
Verwandtes findet sich auch auf dem platten Lande. Wie 
einst die märkischen Städte zu Schutz und Trutz und in ihrer 
Heeresverfassung zu einzelnen „Sprachen", Brandenburg, Berlin, 
Prenzlau, Ruppin, Perleberg, Stendal und Frankfurt, sich zu 
sammen geschlossen und fröhliche, aber auch sehr ernste Städtetage 
abgehalten haben, so vereinigten sich auch aus dem Lande benach 
barte Dörfer, ja, selbst in dem einzelnen Orte die verschiedenen 
Besitzer zu Schutz und Trutz. Auch solche Gesellschaften nannte 
man ursprünglich wohl „Hansen", bis später das Deminutiv, 
„Hänselgesellschaften", aufkam. 
ländlichen Hänselgesellschaften, wenigstens zum Theile, zu geselligen 
Vereinen, bei welchen die burleskeste Sitte das Scepter führte. 
Und doch vergaß man nicht ganz des ursprünglichen Zweckes. 
Davon heut ein Beispiel! Es liegen mir aus der Feder eines 
rühmlich bekannten märkischen Forschers Rubehn Mittheilungen 
über „Hänselgesellschaften im Oderbruche" vor, welche mir gestatten, 
ein ungefähres Bild der Gebräuche dieser nun wohl überall ver 
schwundenen, einst so starken und thätigen, und dann echt rustikal 
fröhlichen Vereine zu entwerfen. — 
Es ist Montag vor der Fastnacht. Sowie die Sonne über 
der fernen, dunklen, den Horizont bildenden Waldeslinie steht, 
finden sich im Kruge die jungen Bursche des Dorfes zusammen. 
Arbeitszimmer des Fürsten Sismarck 
in feinem früheren Palais Wilhelmstraße 76. 
Dieselben hatten in den gesetzlosen Tagen des Mittelalters 
einen ernsten, ja kriegerischen Zweck. Aber es kamen starke Fürsten 
in's Land; Handel und Verkehr, ja selbst die abgelegenen Häuser 
und Höfe wurden gesicherter. Gesicherter, aber lange noch nicht 
sicher! Denn als eben der erste Joachim die letzten Stegreifritter 
vernichtet hatte, da kamen bereits die gardenden Soldaten in's 
Land und mit ihnen auch allerlei Raubgesindel. Und wenige Jahr 
zehnte darauf begann der dreißigjährige Krieg, der wiederum eine 
Menge der allerzweifelhaftesten Existenzen auf den Straßen der 
Mark zurückließ. Da galt es, zu kämpfen und sich zu schützen! 
Die Hänselgesellschaften erhielten sich demnach bei uns auch 
auf dem platten Lande; — ja, sie überdauerten dort selbst die 
Zeit, in welcher sie einen ernsthaften Zweck gehabt hatten. Wie 
einst die religiösen Vereine des Mittelalters, z. B. die Kalande, 
nicht selten in Trinkgesellschaften ausarteten, so wurden auch die 
Fast Alle tragen sie eine phantastische Verkleidung; der Eine z. B. 
stellt jenen Meister Petz dar, der zur letzten Weihnacht durch's 
Dorf gezogen kam, und ahmt sein Tanzen nach; der Bärenführer 
selbst aber trägt die Kiepe, hier „die Kanne" genannt, um in der 
selben die Gaben zum fröhlichen Schmause einzusammeln: Wurst, 
Schinken, Speck, Eier, Fleisch, Brod und Kuchen. 
Die Beiden aber, der Bär und sein Führer, haben ein 
stattlich Gefolge, — die jungen Bursche des Dorfes sind's; und 
wer von denen ein rechter Bauerbursch ist, der sitzt natürlich zu 
Pferde! 
So wird der Umzug gehalten; es geht zum Kruge zurück. 
Hier sind die neu angemeldeten Mitglieder der Gesellschaft zu 
hänseln. Es ist nun dabei ganz genau darauf Acht zu geben, daß 
kein Uneingeweihter der vorzunehmenden Feierlichkeit beiwohne, vor 
Allein aber keine Frau! Deshalb wird mit Vorliebe ein abge-
	        
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