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Periodical volume 4. April 1885, Nr. 27

Full text: Der Bär Issue 11.1885

Dm Grafen übermannte der Zorn. „Du solltest meine 
Tochter sein! — Ich wollte Dich schon Raison lehren", don 
nerte er sie an. 
Ein hochinüthiger Blick aus des Mädchens Augen ant 
wortete ihm und hatte die Wirkung, daß der Graf nach einer 
kleinen Pause in einen ruhigeren Ton überging. „Ich habe 
leider kein Mittel, Dich an der Ausführung Deines Vorsatzes 
zu hindern," sagte er, „wohl aber habe ich als Dein bis 
heriger Vormund das Recht und sogar die Pflicht, Dir in 
das Gewissen zu reden. Editha, besinne Dich! Du kannst 
unmöglich einen Menschen heirathen wollen, den Du gar 
nicht kennst." 
„Ich kenne ihn nicht? — Bester kenne ich ihn, als ich 
je einen andern Mann gekannt habe, oder kennen werde," 
entgegnete sie lebhaft. „Sein geheimstes Fühlen und Denken 
hat er mir offenbart! Er ist mein Freund, mein Licht, inein 
Alles gewesen seit vielen Jahren, — und Du sagst, ich kenne 
ihn nicht!" 
„Du hast ihn doch niemals gesehen." 
„Ist denn das nöthig?" gab sie in überlegenem Tone 
zurück. „Uebrigens habe ich sein Bild und weiß also, wie 
er aussieht, — aber auch wenu ich es nicht wüßte — ich 
kenne seine Seele und das genügt mir." 
„Da sieht man, wohin die Weibererziehung führt!" 
brauste der Graf von Neuem auf. „Meine Mutter hat Dich 
mit ihrer Affenliebe verdorben! Ich sagte gleich, als sie mir 
damals von diesem abenteuerlichen Briefwechsel erzählte, sie 
dürfe das nicht leiden. Aber sie meinte, sie müsse Dich ge 
währen lassen, denn Opposition reize Dich nur zum Wider 
stände, und Deine Ueberspanntheit würde sich schon geben, 
wenn Du älter würdest. Wie sicher vertraute sie Dir! 
Wie überzeugt war sie, daß Du Deiner Familie niemals 
Das Haus des Kanzlers. 
Geburtszimmer des Fürsten Bismarck in Schloß Schöichmifen. 
lin, ist heute der gefeiertste Staatsmann Europas, der mäch 
tigste Politiker der Gegenwart. Zugleich mit dem Glanze des 
deutschen Kaiserthums ist sein Name bis in die fernsten Zonen ge 
drungen. Nationen, die noch Europas übertünchte Höflichkeit nicht 
kennen, Stämme, von der Cultur noch unbeleckt, sie kennen seinen 
Namen sicher schon. Als Kanzler des deutschen Reiches empfängt 
er die Abgesandten aller Völker der Erde, Verträge mit ihnen 
zu schließen, die der Cultur, der Gesittung, dem Frieden, der 
Humairität zum Heile und zum Vortheil gereichen. — 
Schande machen würdest! Da haben wir nun die Beschee- 
rung!" 
Editha hatte die Hände in einander geschlungen und 
die Lippen fest zusammengepreßt. Aber das wogende Blut, 
das ihr, eben noch erbleichtes Angesicht purplirn färbte, verrieth, 
welche Anstrengung es sie kostete, ihre Haltung zu bewahren 
und den dem Onkel schuldigen Respekt nicht zu verletzen. „Ich 
sehe, es giebt zwischen uns keine Verständigling," entgegnete 
sie jetzt, „sonst würdest Du nicht für eine Schande halten, 
was die höchste Ehre ist. Nicht ich lasse mich herab zu ihm, 
sondern ich empfange demüthig das Geschenk seiner Liebe, wie 
die höchste Gnade Gottes! Für Dich ist Gunthart nichts als 
ein obscurer Bürgerlicher, und doch hat Gott selbst ihm den 
höchsten Adel verliehen, und jeder gebildete Deutsche nennt 
mit Bewunderung"und Verehrung seinen Namen —" 
Der Graf machte eine ungeduldige Bewegung. Editha 
hielt inne. „Was hilft es, von Ihm zu reden," fuhr sie 
dann achselzuckend fort, „mich aber muß ich vertheidigen. 
Du sagst, die Großmaina hätte mir vertraut. Nun wohl, 
ich habe sie nicht getäuscht, und damit auch nicht der Schatten 
eines Mißverständnisses hier obwalte, will ich, bevor ich Dein 
Haus verlasse. Dir, dem Bruder meiner Mutter, erzählen, wie 
Alles gekommen ist." 
Sie hatte sich auf einen der hochlehnigen Eichenstühle gesetzt, 
und die Augen zu dem Himmel emporrichtend, der durch das 
Fenster hereinblaute, begann sie zu sprechen, während der 
Graf mit auf dem Rücken gefalteten Händen langen Schrittes 
das weite düstere Gemach durchmaß. 
„Ich weiß nicht, wie es zuging, daß ich so anders ge 
worden bin, wie Ihr Alle. Ich bin doch früh genug in 
Eure Hände gekommen. Kaum elf Jahre zählte ich, als die 
Großmama mich zu sich nahm, nachdem mein Vater gefallen. 
Der siebzigste Geburtstag des Fürsten stellt das von ihm be 
wohnte Palais, das frühere Hotel Radziwill Wilhelmstraße 77, in 
den Vordergrund der neuesten Vorgänge, an denen das gesammte 
Vaterland warmen Antheil genommen hat. Sein Heim ist es, die 
Stätte seines Wirkens, die für unsere Zeit den Centralpunkt aller 
Fäden des politischen Netzes abgeben muß. Einige Angaben 
darüber sind heute wohl an ihrem Platze. Vorher indeffen seien 
noch einige Worte über das nebenbelegene Palais gestattet, in 
welchem Bismarck von 1862 bis 1878, also volle 16 Jahre ge 
wohnt und gewirkt hat. 
Dieses Grundstück, Wilhelmstraße 76, nebst dem zugehörigen 
Parke, war im XIII. Jahrhundert Theil eines großen Haidelandes, 
das später zum Thiergarten gehörte und erst unter Friedrich 
Wilhelm I. zur Anlage der Wilhelmstraße herangezogen wurde. 
Der König schenkte es zunächst dem Oberst von Pannewitz, dem 
unter dem 21. September 1736 ein Freihaus-Privilegium ertheilt 
wurde. Nach dessen Tode erwarben es der Reihe nach Barbarina 
Freun von Cocceji, Graf Eickstedt, dann von der Erbin des Letzteren, 
einer verwittweten Schloßhauptmann von Bismarck, der han- 
növersche Finanzrath Johann Crelinger (für 43 000 Thlr.). Am 
21. Januar 1805 kaufte es die Gattin des russischen Gesandten 
von Alopeuv, der das Palais durch bauliche Aenderungen zu 
dem „schönsten Hause Berlins" umwandelte. Im Jahre 1819 ging 
das Grundstück in den Besitz des Fiscus über und das Haus wurde 
von einer Reihe von Ministern bewohnt, darunter Graf Bern- 
storff (ch 1835), Justizminister Heinrich Gottlob von Mühler 
(ck 1857), Freiherr von Bülow (vermählt mit Gabriele von Hum 
boldt), General von Radowitz, Manteuffel, Schleinitz, end 
lich Albrecht von Bernstorff. Am 10. Oktober 1862 bezog es
        
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