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Volume 28. März 1885, Nr. 26

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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Sachsen, nach Mecklenburg, nach Lüneburg! Ich komme sogleich! 
Jetzt aber fliehen Sie, mein Herr! Ich achte Sie! — Und deß' 
zum Zeichen senke ich die Klinge. Fliehen Sie, mein Herr, — ja 
wenn es sein muß' fliehen Sie allein! Niemand von uns ver 
nimmt das Rollen Jbres Wagens, und Niemand spricht von dem 
Geschehenen, bis die Sonne ausgeht!" — 
Draußen klang das Horn des Wächters: „Hört, Ihr Herrn, 
und laßt Euch sagen!" ertönte es dumpf dazu. Der Oberst schrieb 
einen Paß für irgend ein Fabelwesen, welches ihm in den Sinn 
er, ' — „auf den Namen kommt es nicht an; — der preußische 
Adler und der Stempel genügen! Seien Sie glücklich, Herr Marquis! 
— Ausgebrochen, meine Herren, — die Frau Marquise erwacht. 
Schließlich verpflichte ich Sie alle unter Androhung der Infamie 
zum Schweigen. Nur ich will sprechen und der Reichsbaron!" 
Schnell verabschiedeten sich die Offiziere. Die Herren von der 
französischen Kolonie halsen mir, den Irländer aufzubahren. Sie 
sprachen etwas unter einander. In meinen Schläfen hämmerte 
es. Sprachen sie das Wort aus: „Er ist unschuldig gestorben?" 
— O nein, es war das Rauschen der weißen Atlasrobe meiner 
Frau; — Marguörite versuchte sich zu erheben. Jetzt aber beugte 
sich ein älterer Herr von der Colonie nieder und füllte mit Silber- 
stift einen Pergamentsircisen aus. „Herr Marquis," sprach er, 
„Sie dürfen keinen Augenblick länger verweilen und können Ihre 
Angelegenheiten nicht niehr ordnen! Tieftraurig über das Geschehene, 
bitte ich Sie um die Annahme dieses Papiers und um ein freund 
liches Andenken!" 
Die Herren gingen. Ich achtete des Pergamentes Anfangs 
nicht. Doch ich sah dasselbe noch auf dem Tische. Es war ein 
Wechselbrief in bedeutender Höhe auf Frankfurt am Main; — 
wollte ich mich retten, so durste ich diese großmüthige Hülfe eines 
Vaudouin nicht zurückweisen. 
Jetzt richtete auch meine Gattin sich auf. Sie blickte entsetzt 
auf die Leiche hin. Ein Weinkrampf überfiel sie. Ich weiß nur 
noch, daß ich dann zwei Briefe geschrieben und in meinem Studir- 
zimmer zurückgelassen habe, — einen an meinen edlen Freund, den 
großen Priester Beausobre, — den andern an den König! 
Ich rüstete mich, — auch meine Gattin that's. Meine Equi 
page und ein Cabriolet fuhren vor. Mit Frau und Kind, mit 
Jungfer, Diener, Burschen und Reitknecht verließ ich Berlin. Der 
Todte blieb allein in dem Hause der Dorotheenstraße zurück. Ich 
nahm, ehe ich schied, einen Lorbeerkranz, welchen man mir einst 
in Italien gereicht hatte und legte ihn auf das Haupt des Jüng 
lings. Dann verlöschte ich die Kerzen. Nicht that mir leid, was 
ich an Habe in dieser Stadt zurückließ. 
Ich ging noch einmal durch das dunkle Haus; ich blickte in 
den Garten, in welchem jetzt nicht mehr der Regen hernieder 
plätscherte. Aber der Herbststurm jagte durch denselben. Ich bebte 
vor Aufregung. Da kam urplötzlich ein Schrei über die Lippen 
meines treuen Kammerdiener Müller. „Was ist dir?" fragte ich. 
„Dort stand ein Herr mit großem Ordensband und lüftete den 
Hut!" So antwortete er. 
„Mensch, Du fieberst!" sprach ich fest. 
„Nein, Herr, gewiß nicht!" 
Wir beide trugen den letzten Koffer zu der Equipage. Ich 
wußte wohl, daß auch derjenige Theil des alten Parkes, welcher 
sich hinter meinem Hause befand, einstmals in den Händen des 
glänzenden unglücklichen Grälen Colbc von Wartenberg gewesen 
war. Mir grauste. Doch ruhig verschloß ich das unheimliche 
Haus und seinen einzigen stummen Bewohner. Nach einigen 
Minuten hatten wir ohne Belästigung das wenig benutzte Branden 
burger Thor passirt. Als der Morgen heraufdämmerte, waren 
wir dem sächsischen Gebiete schon nicht mehr allzu fern. 
Nie hab' ich eine ähnliche Nacht verlebt. Meiner Gattin 
bebten die Kniee und schlotterten die Zähne; ich fand kein Wort 
für sie. Jede Aeußerung meiner Empfindung schien mir benommen 
zu sein. 
Erst als die Sonne aufging, sah ich in ihr elendes, blaffes 
Antlitz. Da erwachte die alte Liebe wieder in mir. Ich habe 
mir vorgenommen, vor dem Leser jede Schwachheit einzugestehen, 
deren ein Mensch fähig ist. In mitleidsvollem, aber ernstem Tone 
sprach ich zu ihr: 
„Madame, — sind Sie schuldig?" 
Sie sah mich fest an. „Ja und nein!" erwiderte sie dann. 
„Der Freiherr aus dem Süden warb um meine Liebe. Ich habe 
ihn gehört, doch nicht erhört! Er gab die Karten, — weiter 
weiß ich nichts!" — 
Unnennbares Weh im Herzen lehnte ich mich in die Kissen des 
hab' ich niemals die unglückselige Angelegenheit völlig klarzulegen 
gesucht; — ich kann daher nur sagen, daß mir später ein preußi- 
j scher General geschrieben hat, die Kärthner Freiherren vonHohen- 
Wolframshausen seien schon um 1500 erloschen, und es habe 
kein anderes deutsches Geschlecht das Recht erworben, ihren Namen 
zu führen. Ich habe cs nicht erfahren, wer eigentlich jener 
Abenteurer gewesen ist, der sich in mein Haus eingedrängt hatte; 
eine Meldung des süddeutschen Freiherrn an den König war na 
türlich nicht erfolgt. — 
Ein mildes, sonnenklares Herbstwetter begleitete uns auf un 
serer Reise nach dem Süden. Dieselbe war recht eigentlich eine 
ziel- und zwecklose. Wohin sollte ich gehen, nachdem durch das, 
was in meinem Hause geschehen, auch in Preußen der Aufenthalt 
mir unmöglich gemacht worden war? — Jedenfalls aber mußte 
ich in Frankfurt am Main meine Baarschaft ergänzen. Alles 
Weitere war mir vorerst noch gleich. 
Der Leser meiner tieftraurigen Unglücksgeschichte darf sich ge 
wiß nicht verwundern, wenn mein Gemüth nun wirklich krankhaft 
umdüstert wurde. Ich erschien mir selbst dazu geboren, daß mir 
jedwede Hoffnung vereitelt wurde; ich litt ja unter einem unfaß 
baren Verhängnisse. Mit Marguörite sprach ich kaum ein Wort 
mehr, ich fühlte mich durch eine tiefe Kluit von ihr geschieden, 
seitdem ein namenloser Abenteurer es gewagt hatte, seine Blicke 
zu ihr zu erheben. Gewiß, — sie mußte ihn erntuthigt haben! 
Unsere Reise hätte der Fahrt zu einem Begräbnisse geglichen, wenn 
nicht das sonnige Lachen unseres Knaben und sein Jauchzen über 
die wechselnden Bilder der Reise die tiefe Traurigkeit meines 
Herzens und die düstern Falten auf meiner Stirn für einige Augen 
blicke vertrieben hätten. 
Unangefochten gelangten wir über die preußische Grenze. Die 
Heerstraße führte jetzt am Kassel zu. Gleichgültig sah ich Ortschaft 
an Ortschaft an mir vorüberfliegen. Jene Prophezeiungen, welche 
Beausobre mir einst überbracht hatte, war ich jetzt nur noch als 
müßige Träumereien anzusehen geneigt. 
Allein, irgend ein Entschluß mußte ja wohl gefaßt werden. 
0n rsviont toujour« ü se8 premiers amours! Das alte Sprüch- 
wort bewährte sich auch a» mir! „Lassen wir die Hirngespinnste, 
— lassen wir das mystische Reich Gottes und greifen wir als 
Krieger tüchtig und thätig ins praktische Leben ein!" Dies waren 
die Entschließungen, welche ich damals faßte und ick glaube, trotz 
der Verdüsterung meines Geistes waren dieselben lichtvoll und ver 
nünftig, 
„Madame," sprach ich zu meiner Gattin, als uns die Thürme 
von Kassel in Sicht kamen, „Sie werden cs sich gefallen lassen, 
einige Tage in Kassel zu verbleiben." 
„Nichts ist mir angenehmer als das!" erwiderte sie leise und 
bescheiden. „Ich hoffe, in Kaffei einen Verwandten zu finden, 
Herrn Theodor Gigon de Briou, meinen Oheim, welcher die Dienste 
des Landgrafen Karl genommen har." — „Wenn Sie mich ver-
	        
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