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Volume 28. März 1885, Nr. 26

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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hatten, und denen, wie ich Wohl wußte, das Spiel bei Cassation 
verboten war. 
Und ich, — ich hatte nichts zu thun als zu studiren! Ich 
fühlte mich müde bei dieser ergebnißlosen Beschäftigung. Wohl 
hatte ich Zutritt zum Könige; aber ich fand denselben nach wie 
vor wenig geneigt, die Kraft seines Volkes über's Meer nach fremden 
Erdtheilen hin zu werfen. „Müssen hier erst fertig sein!" So hieß 
es stets. „Wenn's keinen Schweden mehr zu bekämpfen giebt, 
will ich an die afrikanische Kompagnie denken, Herr Marquis! 
Ich muß da auch ausfegen; — ist mancher Spitzbub' d'rinn ge 
wesen! Es hilft uns nichts, Langallerh, daß wir das Gold uns 
holen von den Malagasien, wenn wir bei unserer Rückkunft keine 
Heimath haben, es in Ruhe zu genießen! Warten Sie!" — 
Gott weiß es, wie schwer mir das wurde! Es kam wieder 
wie eine fieberhafte Unruhe über mich. Ich wußte die Goldminen 
Madagaskar's zu finden; — ich konnte sie nicht erreichen! Wie, 
wenn sie unterdesien ausgeraubt wurden, diese Goldlager, auf welche 
ich meine Hoffnungen zum großen Theile gründete? — 
Ich wurde ein Einsamer in der Königsstadt Berlin. Die 
Gesellschaften Margusritens besuchte ich selten; — ich war bei 
meinen Büchern oder besprach höchstens mit Beausobre und einigen 
Fremden Dinge, welche damals zu Folge des wiedererwachten 
Studiums der Philosophie die Köpfe allgemach zu beschäftigen 
anfingen. Freilich, — Philosophen waren in dem Berlin Friedrich 
Wilhelms sehr selten! Der König haßte dieselben. Desto lieber 
waren sie uns. Die Abendgesellschaften des Königs selbst, die 
Sitzungen des Tabacks-Kollegiums sind mir nicht zugänglich ge 
wesen. „Man könnte sich im Tabacks-Kollegium einfallen lassen, 
Herr Marquis," sagte der König, „über Ihre verlorene Krone zu 
scherzen! Ich lade Sie deshalb nicht erst!" Ich dankte dem 
Monarchen für diese zarte Rücksicht, die er nicht oft bewies. — 
Die Stunden, die Tage schlichen dahin! Heut Abend, — es 
war Anfang des Septembers und unaufhörlich flössen die Brunnen 
des Himmels, — hatte meine Gemahlin wieder Spielgesellschast. 
Ich hatte mich in mehrere theosophische Schriften vertieft, welche 
mir Beausobre gebracht hatte. Nicht, als ob er deren Behauptungen 
und Prophezeihungen durchaus gebilligt hätte. Aber er sagte: 
„Sehen Sie, Herr Marquis, es geht eine Sehnsucht nach dem 
Reiche Gottes durch die Welt; — man sucht dasselbe allenthalben! 
Man sucht die verlorene Freiheit und das verlorene Glück! Ver 
zagen Sie also nicht und warten Sie Ihrer Zeit! Auch die 
Stunde wird schlagen, welche Sie zu einem Kämpfer Gottes be 
ruft." — 
Ich studirte eifrig und war völlig in meinen Gegenstand ver 
tieft. „Wozu doch", so sprach ich bei mir, „diese Sehnsucht nach 
Frieden, die jetzt durch alle Welt geht, wenn sie niemals erfüllt 
wird? — Was soll uns die Verkündigung von einem Reiche Gottes, 
in welchem alle Mühseligen und Beladenen erquickt werden, wenn 
djes Gottesreich nimmer kommt? — Wozu dies ganze Dasein 
voller Elend und Qual? Wozu all' unser Arbeiten, dessen Frucht 
doch nur der Vernichtung anheim fällt?" 
Immer düsterer wurde mein Sinnen. Doch nicht umsonst 
war ein Beausobre mein Freund geworden; — er hatte mich einst 
aus eine Stelle der heiligen Schrift hingewiesen. Sie lautet: „das 
Reich Gottes ist in Euch!" — „Und was im Menschenherzen lebt, 
ist unvergängliches Gut!" hatte er dabei gesagt. „Wir haben 
das Himmelreich, wenn wir selber Frieden haben! Der Friede in 
uns aber muß verbreitet werden über die Welt! Es gilt einen 
letzten Kampf! Wohl darf's uns scheinen, daß unsere Zeit berufen 
ist, diesen Kampf auszukämpfen! Fest d'rum auf der Wacht, Herr 
Marquis, getreu und muthig, hoch das Haupt und offen das 
Auge! Rüsten wir uns, daß das Reich Gottes zu uns komme, 
und bringen wir's dann, mag's auch unsere letzte Kraft kosten, den 
Nächsten!" — 
Man wird sich erinnern, daß apokalyptische Ideen damals 
vielfach die Geister bewegten. In allen Landen waren Propheten 
ausgestanden, welche das Nahen des Weltendes verkündet hatten. 
Hier in dem protestantischen Deutschland, grad' in dem neuen 
Königreiche Preußen, hatten diese Anschauungen, welche meiner 
Ueberzeugung nach sich doch einmal, sei's früh, sei's spät, verwirk 
lichen müssen, den breitesten Boden gewonnen! Die Welt war ja 
auch nur voller Angst! Im Norden drohten die Schweden, im 
Westen die Franzosen, im Süden der Papst und die Türken! 
Die Welt schien aus den Fugen gehen zu wollen, wenn nicht der 
Friedensengel Gottes kam. 
„Madagaskar! — Gold! — Glück! — Frieden!" — Es 
waren Zaubergebilde der Fata Morgan«, welche in jener Stunde 
an meinem Geiste vorüberzogen. Und nun schienen die Bilder der 
Verklärten ihnen zu folgen! Ich sah meine erste Marguörite, sah 
die stolze Marquise von Simianez, sah die Sängerin Claudia An- 
tonina vor mir. Da drang es plötzlich wie der Wiedcrhall wirrer 
Stimmen aus den Spielzimmern meiner Gattin an mein Ohr. 
Und jetzt ein gellender Aufschrei! Kein Zweifel: es war die 
Stimme meiner Frau! 
Ich stürzte durch die Zimmerflucht! Wehe, — wie lange hatte 
ich Unheil schon geahnt! Jetzt war es eingetroffen. Ein furcht 
barer Anblick bot sich mir dar. Hochaufgerichtet stand ein Herr 
in glänzendem, reichgestickten Seidenrocke in der Mitte des Zimmers 
neben einem umgestürzten Spieltische. Seine Rechte hielt den 
j gezogenen Degen noch empor, obwohl ein preußischer Offizier ihm 
denselben zu entreißen suchte. Drüben lag in den Armen einiger 
Herren von der französischen Kolonie ein bleicher Jüngling. Ein 
älterer Herr hielt ein Battisttuch, welches bereits purpurgefärbt 
war, vor deffen Gilet; — ohne Zweifel: der Jüngling war er 
stochen worden! Meine Gattin war ohnmächtig auf den Divan 
gesunken. 
Ein älterer Ossizier erklärte mir mit einem Worte die Scene. 
Jener bleiche, knabenhafte Jüngling hatte falsch gespielt; — sein 
: Name war O'Briaudec; — er gehörte einer wallisischen Familie 
j an, welche unter dem großen Kurfürsten Kriegsdienste in diesem 
! jungen Staate gesucht hatte und mit Glücksgütern reich gesegnet 
! war. Sein Gegenüber war ein durchreisender Baron aus dem 
; Reiche, ein süddeutscher Herr mit tausendjährigem Stammbaume, 
! welcher bei seinem andauernden Glücke von jenem jugendlichen 
Mann durch ein Wort des Mißtrauens tief gekränkt worden war. 
Der süddeutsche Herr warf jetzt den blutigen Degen fort. „Ver- 
! zeihen Sie, mein Herr," rief er mir zu; „ich hätte die Waffe nicht 
gebraucht, wenn ich nicht mit Ihrer Frau Gemahlin gemeinsam 
gespielt hätte. Ich stelle mich morgen ftüh dem Gerichte Sr. Ma- 
j jestät, obwohl ich des Reiches Freiherr bin!" 
Stolz schritt er hinaus. Die preußischen Offiziere hinderten 
ihn nicht! 
Natürlich hatte sich die Fürsorge der Mehrzahl meiner un- 
J willkommenen Gäste dem Verwundeten zugewendet. Ein preußischer 
Oberst sprach tiefernst zu mir: „Es weckt ihn nichts mehr auf; — 
j der Degen blitzte und wurde dem Blitze gleich mit tödtlicher Sicher 
heit geführt; aber der Affront war auch formidable, so ungewöhn- 
j sich wie das Glück der Frau Marquise! — Ich bin der Aelteste; 
ich mache Meldung auf der Kommandantur und will gern leiden 
für die Jungen! — Marquis, es ist noch frühe in der Nacht; — 
ich rathe: Fliehen Sie, — es giebt nicht allzu ferne Grenzen!" 
„Nicht eher, als bis Sie mir Rechenschaft gegeben haben!" 
rief ich außer mir und in voller Wuth aus, auf den alten Offizier 
eindringend. „Sie sprachen von einem formidablen Glücke meiner 
Frau!" 
Der Osfizier verneigte sich. „Ich that's! Mein Herr Mar 
quis," so sprach er in der vollkommensten Ruhe; „hier aber kein 
Wort mehr! Ich entziehe mich Ihnen nicht! Rufen Sie mich nach
	        
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