Path:
Volume 28. März 1885, Nr. 26

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

403 
auch denjenigen, „so in Unsern Landen nicht heußlich gesessen" 
wurde verboten, in den Flecken und Dörfern das Leinweberhand 
werk zu treiben, die Bauerarbeit zu fordern und zu machen; solche 
Leinweber aber, die schon vor Alters in Städten, Flecken und 
Dörfern gesessen, sollten die Gilde nach Billigkeit gewinnen können, 
jedoch keine Jungen lehren oder Gesellen halten dürfen. Damit 
nun auch die Meister das Leinweber-Handwerk getreulich treiben 
und den Leuten ihre Arbeit und Leinwand nicht verderben möchten, 
so verordnete der Fürst, daß kein Leinweber zu dem Handwerk ge 
lassen werde, er habe denn erst sein Werkzeug von neuem ange 
richtet und damit sechs Ellen Leinwand von dreißig Gängen fünf 
Viertel breit und sechs Ellen von vierundzwanzig Gängen sechs 
Viertel breit, „wie es sich ins Garn gehöre," im Beisein der vier 
ältesten Meister gefertigt, die darauf sehen sollten, daß er als 
Meister bestehe. 
Aus allen diesen Urkunden leuchtet deutlich das Bestreben 
der Leinweber hervor, die ihre Zunft schädigenden und dieselbe in 
schlechten Ruf bringenden Elemente zu beseitigen. Dies bezweckte 
auch eine Zusammenkunft aller Aeltesten der Leinweberzünfte der 
Mark Brandenburg, welche am 27. August 1595 zu Berlin statt 
fand. In derselben wurden neue Satzungen berathen und be 
schlossen. Merkwürdig ist darin, daß auch den „Weibsbildern" 
das Handwerk zu erlernen gestattet wurde, jedoch mußte sie eines 
Meisters Tochter und „in dem Handwerk geboren sein." Es wurde 
darin auch festgesetzt, daß die Handwerksmeister in den „kleinen 
Städten" für die breite Bauerarbeit sieben Dreier nehmen sollten, 
in den „Städten" aber (nämlich den Hauptstädten), sollten sie 
so viel nehmen dürfen, als sie bekommen könnten. Alan setzte 
ferner fest, alle Artikel unverbrüchlich zu halten und sich von sieben 
zu sieben Jahren, jedesmal am Bartholomäustage, immer wieder 
von Neuem in Berlin zu versammeln. 
Auch der König Friedrich Wilhelm I. trug dem Vorurtheil 
des Volkes, das dieses gegen die Leinweber hegte, keine Rechnung; 
wenigstens lasten seine vielfachen Verordnungen dies vermuthen. 
So befahl er nämlich unterm 28. September 1719, daß den Küstern 
auf dem Lande gestattet sein sollte, das Leinweber-, Schneider- 
Radmacher- und Schmiedehandwerk zu treiben, unterm 10. No 
vember 1722, daß gar keine anderen Personen als obengenannte 
Handwerker zu Küstern auf dem Lande angenommen würden, wie 
er auch unterm 6. November 1738 der Leinweberzunft zu Strauß 
berg aufgab, den Küster Witte zu Werneuchen, obgleich er keinen 
Lehrbrief aufzuweisen habe, als Mitmeister anzunehmen. Wäre 
der König in dem Wahn seines Volkes befangen gewesen, so hätte 
er wohl den Landschullehrmr, denn solche waren die Küster, nicht 
gestattet, das Leinweberhandwerk zu treiben. 
Die alte Anrüchigkeit lebte aber dennoch hier wie anderwärts 
noch lange in einzelnen Ländern fort, durch welche die Leinweber 
vom Volkswitz verspottet wurden und selbst heutzutage noch zielt 
auf die verdächtige Rechtschaffenheit der Leinweber der Vers: 
„Der Leinweber schlachtet alle Jahr zwei Schwein', 
Das eine ist gestohlen, das andre nicht sein." 
Auch den Schäfern sagt der Volksmund nicht viel Rühmcns- 
werthes nach, auch sie gehörten ehemals zu den als „unehrlich" 
verschrieenen Leuten. Wer das Leben eines Schäfers nur nach den 
Darstellungen unserer Dichter und Maler kennt, wird das kaum 
glaublich finden; auch der nicht, welcher weiter nichts von ihnen 
gesehen hat und weiß, als wie sie auf einem Stoppel- oder Klee 
felde in der größten Sonnenhitze bei ihrer dicht zusammengedrängten 
Heerde stehen und an einem Strumpf „knütten". Aber man frage 
nur auf dem Lande herum und ganz besonders in denjenigen 
Gegenden, wo ihnen noch die Hütung der Gemeindcschafe obliegt, 
welche Schelmenstreiche man sich von ihnen erzählt. Schon seit 
des Erzvaters Jakobs Zeiten ist ihnen nämlich gestattet, eine 
gewisse Zahl Schafe als Eigenthum bei der Heerde zu halten. 
' damit man ihrer sicher sei. Aber sie verstehen es, ihre eigenen 
^ Schafe so zu gewöhnen, daß sie den anderen immer das beste 
Futter wegfressen, sie richten den Hund so ab, daß er nie ein 
Schäferschaf beißt, sie haben immer die besten und schönsten Lämmer 
und schieben den Mutterschafen der Gemeinde immer ihre nichts 
nutzigen Dinger unter; kommt dann der Herr hinzu, so heißt cs, 
! wie das auch bei der natürlichen Mutter sein kann: „es will noch 
nicht recht annehmen!" Kurzum der Schäfer steht bei den Acker 
bauern seit uralter Zeit in einem sehr üblen Ruf und wurde von 
ihnen ehemals zu den „unehrlichen" Leuten gezählt. Das alte 
Sprüchwort „Neunundneunzig Schäfer hundert Betrüger!" ist ge- 
| wiß sehr bezeichnend. 
Daß man im Mittelalter auch die reisenden Musikanten in 
die Acht erklärt hat, ist auffallend. Es ist aber Thatsache, daß 
die Lautenschläger (auch Bicrdoren, Lotbrüder genannt) übel be 
rufene Leute waren, die man zu den „unehrlichen" zählte und mit 
denen sich ein rechtschaffener Mann nicht befassen durste. Sie ver 
schonten kein Kloster, keinen Pfarrer mit ihrem Besuch und folgten 
selbst den Fürsten, tvenn sich solche mit großem Gepränge zu irgend 
einer Festlichkeit begaben. Niemand wollte sie beherbergen und 
jeder gab ihnen gern ein „Drankgeld", wenn sie sich nur nicht 
aufhielten und ihren Wandcrstab weiter setzten. Betrat ein solcher 
Lotbrudcr eine öffentliche Herberge, so bekreuzte sich wohl allemal 
der Wirth und rief Mutter Maria Und alle Heiligen zu Hülfe, 
! daß sie ihn nur bald von der Gegenwart des unwillkommenen 
Gastes befreien möchten. — Es scheint, als wenn diese Leute 
nur durch ihren immensen Durst in üblen Ruf gekommen sind, 
denn im klebrigen waren cs meistens gewitzte Leute, die viel ge 
sehen und erlebt hatten und deren Erzählungen man sogar gern 
zuhörte. Die Männer von Rittersart, die Bürgermeister, Raths- 
! Herren und Bürger in den Städten verstanden auch christlich zu 
trinken, aber solch ein Lautenschläger, Bierdorn oder Lotbruder war 
ihnen darin „doch noch über." Nun hätte das freilich einem 
Herbcrgswirth nichts geschadet, aber ein reisender Bruder dieses 
j Genres hatte wohl immer Durst, aber niemals Geld — eine 
j Eigenschaft, die sich heute hin und wieder auch noch bei ihnen 
finden soll. Kurzum, die wandernden Herren von der Musik ge 
hörten im Mittelalter zu der Zunft „unehrlicher Leute." 
Wie die Leinweber, so kamen die Müller frühzeitig in den 
Ruf der Unehrlichkcit. Bereits zu Karl des Großen Zeit stand cs 
um ihren Leumund so übel, daß ihre Söhne von allen geistlichen 
Aemtern und Würden ausgeschlossen waren. In den folgenden 
Jahrhunderten blieb dieser üble Ruf hartnäckig am Müllcrgewcrk 
j hasten. Die einsam gelegenen Mühlen wurden geflohen, weil 
haarsträubende Geschichten von dort vorgefallenen Raub- und 
Mordthaten im Schwange gingen und in der That mochte mancher 
Müller mit verdächtigem Gesindel in Verbindung stehen und 
solchem Herberge gewähren. Es kann deshalb nicht Wunder 
nehmen, wenn manche Landesherrschast bei Vertheilung der Justiz 
lasten den Müllern die Lieferung aller benöthigten Galgcnleitern 
austrug. Der bairische Jurist Freiherr v. Kreitmayr sagt: „In 
den ältesten Zeiten mußten hier zu Lande die Weber den Galgen 
machen, wie die Müller die Leitern dazu liefern mußten, weil 
man glaubte, daß diese beiden Arten Handwerker die längsten 
Finger hätten, mithin sich am besten schickten zu solcher Arbeit." 
Eure solche Frohne grenzte an den mit höchster Unehrlichkeit be 
lasteten Henkcrdienst und warf natürlich einen sehr dunklen Schlag 
schatten auf das helle Müllergewand. Und wenn auch die schon 
genannten Rcichspvlizciordnungen von 1548 und 1577 die Müller 
sammt anderen verkannten Ehrenmännern von aller Bemakclunz 
vollständig freisprachen, so wurden sie derselben im Volksmunde 
doch nicht entbunden, so lange sie die Galgcnleitern liefern mußten, 
die ihnen erst recht nach altem Herkommen verblieb. Es ist nichts 
davon bekannt, daß auch die Müller in der Mark Brandenburg
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.