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Periodical volume 21. März 1885, Nr. 25

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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Residenten geschieht, sich alsdann auf die übrigen Bewohner des 
ganzen Landes ausdehnen. Die Begierde der Menschen, denjenigen 
nachzuahmen, deren Beispiel erhöht ist, wird um so stärker, je mehr 
dabei die Sinne unterhalten und befriedigt werden: und dies war 
geradezu der Fall, zur Zeit Friedrich I., dessen Hof Prächtig, galant 
war und für alle Empfindungen geschaffen zu sein schien. Natür 
lich schlichen sich die Wirkungen davon bis zu den niedrigsten Ein 
wohnern Berlins, so daß sie dem Landesherrn selbst sichtbar 
wurden und Verbote und Verordnungen ablockten, um Aus 
schweifungen zu steuern, die daraus zu deren Nachtheil entstehen 
mußten. 
Man schwamm damals in Vergnügen und befand sich in 
einem wollüstigen Taumel von Lustbarkeiten, welche Bedürfniß 
geworden waren und die spät oder nie zu reifen Ueberlegungen 
kommen ließen. Die Feste hörten selten auf, wechselten nur in 
verschiedenen Gattungen ab und der Reichthum der Erfindungen 
ward beinahe erschöpft, um auf die möglichste Art auch die kleinsten 
Veranlaffungen zu öffentlichen glänzenden Feiern zu machen, an 
denen der größte Theil der Berliner Antheil nahm und noch dazu 
seinen besonderen Vortheil dabei fand. Da das baare Geld aus 
allen Provinzen, die dem Hause Brandenburg zugehörten, nach der 
Hauptstadt floß und hier ansehnliche Summen an Künstler aller 
Art und an diejenigen, die für den Luxus und die Hofbedürfniffe 
arbeiteten, vertheilt wurde; so herrschte hier ein Wohlstand, welcher 
den mehrsten Berlinern allerdings sehr behaglich sein mußte.*) 
Sie warfen daher keinen Blick auf die Verwüstungen des Krieges, 
der von ihnen entfernt war, noch aus die traurigen Wirkungen der 
Pest, Entvölkerungen und anderer Gattungen von Noth, welche 
außerhalb der Mark Brandenburg nicht selten zu finden waren. 
Selbst die mannigfaltigen und übertriebenen Auflagen konnten 
ihnen weniger als den übrigen Unterthanen des Königs lästig 
werden, die keinen anderen Ersatz für die geleisteten Beiträge hatten, 
als der ihnen aus ihrem angewandten Fleiß zufloß und dieser 
konnte äußerst geringe sein, da es überall an Geld fehlte. 
Was den Luxus in der Bekleidung und die Begierde, seinem 
Körper durch äußerliche Verzierungen einen Werth zu geben, be 
trifft, so wird davon an seinem Orte das nöthige beigebracht 
werden. Daher gehe ich zu einer anderen Sittenveränderung über, 
die bei den Berlinern sehr überhand nahm und sich bis auf unsere 
Zeiten ausgedehnt zu haben scheint. Ich meine die Titel- und 
Rangsucht, welche die Menschen mehr von einander trennt als 
verbindet und zu thörichten Aeußerungen Anlaß giebt, die sie oft 
mehr erniedrigen als erhöhen. Sie entsproß geradehin aus der 
ceremoniellen Lebensart des Hofes, welche, wie schon oft angeführt 
worden ist, eine Nachahmung der damaligen ftanzösischen war, 
welche Ludwig XIV. oder vielmehr seine Minister am Pariser Hofe 
eingeführt hatten. Und da diejenigen Personen, welche daran 
*) Ich habe alte Leute gekannt, die zu diesen Zeiten gelebt hatten 
und die von ihnen so eingenommen waren, daß sie nie müde werden 
konnten, von ihrer Schönheit mit größtem Lobe und mit vielem Auf 
heben zu sprechen. Jede neue Feste und Feierlichkeiten waren für sie 
taube Nüffe; sie sprachen nur von dem, was sie am Hofe Friedrich I. 
gesehen hatten. Und wirklich, wenn man ihre Beschreibungen der da 
maligen Vergnügungen anhörte, konnte man ihnen den Beifall nicht ver 
sagen, weil in allen diesen Dingen, wenn sie auch ihre Mängel und 
Fehler haben,''doch immer ein wissenschaftlicher und überdachter Plan lag, 
der anziehend* und es zu jener Zeit sein mußte. Auf dem königliche» 
Schlosse herrschte eine Lebhaftigkeit und die Menge der Bedienten des 
Hofes in ihren prächtigen Liveren, die Trompeter, Pauker, Schweizer 
garde gab hier einen prächtigen Anblick. Eine alte Kammerfrau der Königin 
Sophie Dorothea versicherte mir vor etlichen zwanzig Jahren, das 
Berlinische Schloß hätte für sie jetzt etwas trauriges und fürchterliches an 
sich; sie ginge selten oder niemals dahin, weil ihr alsdann, wenn es 
geschehe, bei der Erinnerung an die ehemals hier geherrschte Pracht, di« 
Thränen aus den Augen stürzten. 
nahen oder entfernten Antheil nahmen oder dabei Einfluß hatten, 
es auch wohl durch die strenge Beobachtung verschiedener pomp 
hafter Gebräuche zu verhindern suchten, daß der König vor dem 
Anlauf solcher Menschen gedeckt war, von denen er Wahrheiten 
hören und sehen konnte, selbst aber dabei eine Nahrung ihrer 
Eitelkeit fanden, so konnte es gar nicht fehlen, daß viele Thor 
heiten ein ehrwürdiges Ansehen erhielten. Indem bei den könig 
lichen Hoffeierlichkeiten zu Berlin, die sehr häufig vorfielen. Niemand 
erscheinen konnte, ohne dabei einen gewissen angewiesenen Rang zu 
haben, welchen die Ceremonienmeister mit vielem Kopfbrechen aus- 
mittelten; so entstand daraus etwas wichtiges und man dünkte sich 
erhaben, wenn man eine Stufe höher als andere stand, wenn man den 
Vortritt hatte und den Zuschauern sowohl in die Augen fiel, als in den 
gedruckten Nachrichten von diesen Vorfällen paradirte und sich ver 
ewigt sah. Wer nun die Neigung der Menschen zum Ehrgeiz 
kennt, der kann sich leicht vorstellen, daß deshalb vielfältig Zänkereien, 
Neckereien, Streitigkeiten und aus diesen endlich persönliche Wider 
wärtigkeiten und Verfolgungen entstanden sein müffen. Dies be 
weist die mehr als einmalige Abänderung des Rang-Regiments, 
welche übrigens blos ein Produkt dieser Zeit, dieser Sucht und 
zuvor unbekannt war. 
Das schöne Geschlecht bewies in solchen Fällen besonders 
Schwächen und äußerte aufs lebhafteste den ihm angeborenen Hang 
zur Eitelkeit. Mancher sonst gut denkende Ehemann mußte hin 
und wieder Gewissen, Ehre und alle feinen Empfindungen der 
Rechtschaffenheit aufopfern, um nur die Ehrliebe seiner Frau zu 
befriedigen und ihr Vorzüge zu verschaffen, die doch nur immer 
eingebildet sind, wenn sie gleich auf einige Zeit von Werth zu sein 
schienen. An der Spitze der Damen von dieser Gesinnung stand 
damals die eitle Gräfin Kolbe von Wartenberg, deren Stolz gar 
keine Grenzen kannte, jedoch um so lächerlicher war, da sie aus 
einer geringen Familie herkam und nicht der Geburt, sondern dem 
bloßen Zufall ihr Glück zu verdanken hatte. Demunerachtet war 
sie so rangsüchtig, daß sie selbst der königlichen Familie nicht ge 
wichen wäre, wenn ihr nicht gewisse Unmöglichkeiten in den Weg 
gestanden hätten, die sie nicht wegräumen konnte. Diese ehrbe 
gierige Frau, ein Original ihrer Art, trug außerordentlich viel 
dazu bei, daß nach ihrem Beispiele jeder Hof- und Staatsbediente 
noch mehr aber seine liebe Ehehälfte sich darnach drängte und 
alles aufopferte, um nur Rang, Titel und Würden zu erlangen, 
und damit öffentlich aufzutreten. Dies Bestreben ging allmählich 
zu den untergeordneten Dienern des Königs und des Landes über 
und schlich sich von diesen endlich zu dem Bürger und Handwerker 
ein. Der Vorsatz Hof, als Hof-Riemer, Hof-Sattler, Hof-Schmied 
u. s. w., war äußerst bedeutend und erhöhte im allgemeinen 
Verstände den Meister über seine Mitmeister; sowie es denn über 
haupt der Einbildung eines jeden schmeichelte, seine Bedürfnisse 
von den einzelnen Handwerksgenossen verfertigt zu erhalten, denen 
der Hof für Geld und gute Worte ein Prädikat als Hof- re. ver 
liehen hatte. Und dies wirkte so stark, daß man behauptete, daß 
eine beim Hofbäcker gebackene Semmel noch einmal so gut schmecke, 
als die, ivelche ein anderer Bäcker in der Stadt nicht besser nicht 
schlechter zum Verkauf feilbot. Auch bildete sich jeder Bürger ein, 
einen besonderen Zuwachs von Ehre erhalten zu haben, wenn der 
Hof-Stuhlmacher oder Hof-Klempner bei seinem Täuflinge eine 
Pathenstelle vertrat, sowie Künstler und andere Personen vom 
Mittelstände, äußerst bedacht waren, zu dieser Handlung Hofbediente 
herbeizuziehen, damit die Tauftegister bewiesen, daß sie mit geehrten 
Personen in Verbindung gestanden hätten. Der Eigennutz that 
das Uebrige. 
Will man diese Handlungsweisen Thorheiten nennen, so ver 
gesse man ja nicht, daß noch in unsern Tagen in voller Kraft vor 
handen sind, und daß sie bloß ihr Gewand geändert haben. — 
Der Ueberfluß, der am Hofe herrschte, fand im damaligen Publikum
        
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