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Volume 21. März 1885, Nr. 25

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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diesem Bau schlägt er dann eine Art Schiedsgericht aus „drey 
Holcavalieren und drey Geheimbdcn Räthen" vor, während von 
ihm die technischen Sachverständigen dabei ganz umgangen werden. 
Freilich hätte Jeder derselben ihm sofort erklären müssen, daß die 
Pfähle, die sich nicht tiefer treiben laßen, noch lange keinen festen 
Baugrund gewährleisteten. Schlüter entwickelt hierin, wie in 
manchem anderen Punkt, eine Naivetät, die bei einem derartigen 
schwierigen Bau immer große Gefahren im Gefolge haben muß. 
In der Vorahnung einer Beeinträchtigung seiner künstlerischen 
Pläne durch die von dem König gewünschte Kommi'sion und um 
wahrscheinlich vor deren Ausspruch selbst noch einen Vorschlag zu 
machen, von welchem er eine Rettung hoffte, schrieb er schon vier 
Tage später abermals an den Freiherrn v. Printzen und gedachte 
seines Vorhabens, den Thurm soweit abzutragen, bis er fest stand 
und ihn alsdann als Belvedere und Wasserkunst zu benutzen, das 
Glockenspiel aber über dem Thurm der alten Kapelle 
am Wasser unterzubringen. 
Am Montag den 19. Juli traten die Kommisiare in der 
Wohnung Eosanders zusammen, wohin auch die Bauleute zur Ver 
nehmung hinbeschieden waren. Schlüter verlangt indessen, daß die 
Verhandlung in dem Amtszimmer des Hofraths Mieg abgehalten 
werde, was auch geschah, nachdem ebenfalls auf Schlüters Forde 
rung gemeinsam der Thurm noch einmal besichtigt worden. 
Da Schlüter sich als Mitkommissar fühlte und keine Lust be 
zeigte, sich verhören zu laßen, so kam es zu heftigen Auseinander 
setzungen, infolge deren er das Berathungszimmer verließ, worauf 
Eosander, Sturm und Grüneberg die Vernehmung der Maurer 
meister, Poliere rc. veranlaßten und daraufhin ein ausführliches 
Promemoria ausarbeiteten. Große Unannehmlichkeiten entstanden 
dabei daraus, daß Schlüter den gemeinsamen Untersuchungen 
beizuwohnen sich nicht entschließen konnte, was zum Theil der 
großen, über ihn gekommenen Beunruhigung zugeschrieben werden 
muß. Alle Berichte laßen erkennen, daß der Meister selbst sich 
jeder Schuld frei halten und deswegen seinen Collegen gegenüber 
den Gekränkten spielen mochte, daß aber auch die herangezogenen 
Sachverständigen nur in der allervorsichtigsten Form sich über den 
Thurmbau zu äußern wagten, gleich als ob dem Könige selbst mit 
einem harten Urtheil entgegengetreten würde. „Aus bescheidene 
Beftagung," was Schlüter nun mit dem Thurm zu machen gedenke, 
hat er, wie Leonhardt Sturm in seinem Votum bemerkt, ange 
geben, daß er Sinnes sei, „das Werk an dem neuen Thurm soweit 
abtragen zu laßen, daß er noch zu Dehme dienlich sei, wozu er 
vorher gebraucht worden, nehmlich zur Müntze und Waßerkunst, 
das ist, so hoch zuvor der alte Thurm gewesen; darauf wollte Er 
etwas ganz leichtes von Holz setzen, damit der Bau doch zierlich 
herauskäme, hernach wollte er hinter Ew. Königlichen Majestät 
Schloß an der Spree und über der alten Kapelle einen Thurm zu 
dem Geläute und Glockenspiel bauen. Weiter hat er sich nicht 
herausgelaßen, auch keine Risse von solchen Dessins vorgezeigt, 
vielmehr aber bei der Conferenz sich fast wunderlich omportiret, 
die gesammte Commission, da man doch überaus höflich und 
behutsam mit demselben verfahren und Ihn nicht anders als 
einen Concommisiarium tractirt, mit 8uspieion der feindschaft 
lichen Partheylichkeit und Unfähigkeit gar deutlich beleget, daß 
wir in deßen Beisein unsere pflichtmäßige Untersuchung 
Ew. Königl. Majestät allergnädigsten Befehl nach, nicht ordentlich 
frey und ungestört fortsetzen können." Schlüter, der selbst fürchten 
mochte, daß sein ablehnendes Verhalten gegen die vom Könige 
ernannten Mitcommißare ihm beim Könige zum Nachtheil gereichen 
könne, war von der schleunigen Absendung der Gutachten, die 
Sturm für sich allein. Eosander aber mit Grüneberg gemeinsam 
abgegeben hatten, unangenehm berührt, und richtete an v. Printzen 
deswegen eine längere Auseinandersetzung. Von der gemeinsamen 
Besichtigung des Thurmes sagt er: „Es blickte bei dieser Sache 
> der vollkommene Neid schon hervor, indem sie nicht allein alles 
' heimlich vor sich zu reden begannen, sondern auch mit allerhand 
j spöttischen Worten vom babylonischen Thurm und andern anzüg 
lichen Worten herauskamen, und ob ich mich vors erste nicht 
sonderlich daran kehrte, weil ich die Hoffnung hatte, daß durch 
meine rechte und gründliche Berathung, warumb Alles so gemachct 
worden, was die Ursache gewesen sei, entlich auf einen andern 
! Sinn bringen würde, fehlete ich doch weit mit meinen Gedanken; 
wir waren nicht alsobald wieder in das Zimmer zusammen 
gekommen, so singen sie auch schon allerhand verkehrte Worte 
wieder an, und wurde der Herr Hausvogt auch mit dazu gefordert, 
und der Herr v. Eosander hatte nun nichts anderes vor, als 
daß er lauter Fragen diktierte, zu welchen der Herr Rath Mieg 
auch kam, und Alles so heimlich und still zuging, daß ich nicht 
j wußte, ob die Sache zum Leben oder zum Tode gedeyen sollte, 
und weil ich es so befand, daß all ihr Thun und Wesen nicht 
aus dem Königl. Allerhöchsten Befehl, sondern nur ihrem Sinn 
! nach zu loben gerichtet war, ward ich mit Zorn entzürnet 
> und ging davon Ich muß nicht allein leiden, daß ich 
mein so lang mit großer Mühe zusammengebrachtes Werk 
j abbrechen, und davon in der Welt Schande haben muß, sondern 
! ich muß auch Hertzeleid von dem gemeinen Manne auf den 
Straßen, und Nachrede in allen Häusern und Zechen leiden, ich 
j kann vor Traurigkeit nicht schlaffen, vor Angst meiner Seelen, 
muß doch täglich nachsinnen, erfinden und arbeiten, ich muß fremde 
Gelder aufnehmen, um den Bau in Freyenwalde fortzusetzen und 
habe doch bey dieser kein Credit. In Summa ich kann mein 
Elend hier nicht Alles klagen, was ich ausstehen muß, bitte 
also Ew. Excellenz umb Gottes willen, wo ich nicht doll oder 
gar sterben soll, mich mit einezn Schreiben zu begnadigen rc." 
Von Schlüter war es nicht unpolitisch, gerade jetzt seine 
! sonstigen Verdienste um die Fortführung zahlreicher Bauten hervor 
zuheben, unter denen die Aufnahme ftemder Gelder dem Könige 
besonders werthvoll sein mußte. Mit dem Zahlen stand es ja 
immer sehr bedenklich und der Schloßbaumeistcr Friedrichs I. hatte 
in finanzieller Hinsicht keine leichtere Aufgabe, wie in künstlerischer 
Beziehung. Ein derartiger Hinweis war um so praktischer, als es 
ihm bekannt geworden sein mochte, daß die Sachverständigen eine 
ungenügende Untersuchung des Baugrundes und eine unrationelle 
Verbindung des neuen Mauerwerkes mit dem alten als Haupt 
gründe der Unhaltbarkeit des Münzthurmes angegeben hatten. 
Das Bewußtsein, Alles gewollt und gethan zu haben, mochte 
doch Wohl schließlich durch die Empfindung beeinträchtigt werden, 
daß irgendwo Fehler begangen waren, die früher wahrzunehmen 
zu den Pflichten des ausübenden Baumeisters gehörte. Ehe dies 
Schreiben an seine Adresse gelangt, war inzwischen eine im ganzen 
ruhig und gnädig gehaltene Kabinetsordre eingegangen; es sollten 
demnach die Architekten nochmals berathen, ob und in welcher 
Weise überhaupt ein Theil wenigstens des Thurmes zuverlässig 
erhalten bleiben könne; Verneinendenfalls sollte Alles dem Erdboden 
gleich gemacht werden, damit der König bei seiner Rückkehr 
wenigstens nicht den Verdruß habe, das so „übelgerathene" Ge 
bäude vor sich sehen zu müssen. Die Nothwendigkeit des Ab 
tragens hatte aber schon vorher Schlüter einsehen müssen, als 
Ansang August der Thurm, trotzdem schon 66 Fuß abgetragen 
waren, abermals sich merkbar setzte. Unter dem 9. August wurde 
denn endlich der Abbruch des Münzthurmes befohlen, nachdem 
wenige Tage vorher die Locale des Oberheroldamtes in der benach 
barten Spiegelmanufaktur wegen der keineswegs beseitigten Gefahr 
eines Einsturzes für die nächste Zeit geräumt worden. 
Rastlos ging man nun an den Abbruch des ganzen Werkes; 
die Vorsicht aber, die man, um weitere Unfälle bei der sehr be 
deutenden Abweichung des Thurmes aus der Linie zu verhüten, 
anwenden mußte, gestaltete in den nächsten Wochen nicht die gänz-
	        
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