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Periodical volume 19. October 1884, Nr. 3

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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ungern sähe, wie er aber Beitel kennt, wird dieser nie eine 
Andere, als eine Reiche freien- 
Mehr Gedanken schon macht er sich, daß Jrie, obgleich 
jetzt fast erwachsen, noch immer mit Vorliebe int Nachbarhause 
verkehrt. Frau Sarah aber, zu der er sich darob beklagt, 
hat ihn, genau wie damals Ben Abraham den verwundeten 
Beitel, in ihrer harmlos fröhlichen Weise einfach daraus hinge 
wiesen, daß in einem christlichen Staate das Wohlwollen reicher 
und einflußreicher Christen jedem Einzelnen aus ihrem Volke 
nur förderlich sein könne- 
Ihr Volk aber hat gerade in diesen Tagen, — der Sommer 
ist zur Rüste gegangen und die Herbstsonne hat die ersten 
Blätter gelb gefärbt, — sich wie eine einzige große Familie 
in ihrer Synagoge vereint, ihre uralten Feste zu feiern, un 
verändert wie vor Jahrtausenden schon ihre Väter sie gefeiert, 
wie ihr Volk, unbeeinflußt durch die Bräuche des Landes, in 
dem es eine Heimstätte gefunden, sie feiert, gleichviel ob ein 
glühend sonniger, oder ein ewig schneeschwerer Himmel sich 
darüber wölbt- 
Dem jüdischen Neujahrsfeste ist das höchste und heilig 
gehaltenste aller Feste, der Jom Kippur gefolgt, „das große 
Versöhnungsfcst", wie sie selber, „die lange Nacht", wie die 
umwohnenden Christen es nennen, mit seinen Fasten und 
seinen wehklagenden Bitt- und Bußgesängen; und wieder dann 
hat es sich in den kleinen Gärten oder Hofplätzen der jüdischen 
Häuser seltsam zu rühren begonnen, die Reicheren haben, von 
ihren Kindern und Hausgenoffen fröhlich umdrängt, mit 
Zimmermann und Gärtner unterhandelt, und selbst die Aermsten 
der Geineinde, die hinter der Stadtmauer in den früheren 
Soldatenquartieren ihre Miethwohnungen gefunden, haben 
auf dem eigens dazu ausbedungenen Stückchen Erde zu 
hämmern und zimmern begonnen und nicht geruht, bis sie sich, 
mit Tannenreisern und grünem Gezweig umkleidet, ein luftig 
Häuslein errichtet, in dem sie mit den Ihrigen das Fest der 
„Laubhütte" feiern mögen, dieses letzte Fest ihrer herbstlichen 
Festzeit, ehe der Winter kommt mit seinen kurzen Tagen und 
langen rauhen Nächten, der ihnen, bis wieder die Erde 
mit jungem Grün sich schmückt, bis ihr österliches Paffahfcst 
hereinbricht, durch keinen einzigen frohen Festtag die trübe 
Einförmigkeit der Tage unterbricht. 
Es ist am fünften Abend nach Schluß des großen Ber- 
söhnungsfestcs und auf dem geräumigen Hofplatze des reichen 
Ephraim'schen Hauses erhebt sich, mit Tannengezweig und 
Laubgewinde ganz bedeckt, mit lichtgrünen Tapeten ausgeklebt, 
die künstlich gefügte Laubhütte. 
Auf dem Tische liegt die blendend weiße Damastdecke; 
der Stuhl des Hausherrn ist mit Kiffen sorglich belegt; von 
der Decke hängen neben der achtarmigen Lampe buntfarbige 
Lampions, vergoldete Nüffe und Aepfel herab; Guirlanden 
aus buntgemischten Herbstblumen schlingen sich um den Ein 
gang und innen von Wand zu Wand umranken wohl auch 
die in hebräischer Schrift dort angebrachten Schriftstellen, die 
nach dem Gesetz Mose dem Volke befehlen, sobald die Ernte 
eingebracht ist, das Fest der Laubhütten, zu feiern zum 
Andenken an die Laubhütten, in denen ihr Volk auf 
göttliches Geheiß selbst aus seinem Wüstenzuge gewohnt. 
— Das Fest der Laubhütte ist stets Jrie's Lieblingsfest gc- 
ivesen; schon als Kind hat sie die befreundetsten der christ 
lichen Nachbarkindcr, wenn sie, neugierig Jrie's „grünes Fest" 
zu schauen, das Hofthor umstanden, kecklich mit hineingenommen 
und nicht geruht, bis Frau Sarah ihnen vom Wein und 
Festkuchen gespendet, und wohl mit ihnen gemeint, solch' 
schönes grünes Fest hätten sie doch nimmer. 
Jetzt freilich, wo sie fast erwachsen, überlegender geworden, 
wo ihr durch manchen Blick, den sie in das Leben und 
Treiben der Christenhäuser hat thun mögen, auch mancher 
Vergleich gekommen ist, meint sie wohl, daß in ihrer so fest 
armen winterlichen Jahreshälfte auch dort ein Fest gefeiert 
werde, das schön und traulich sei durch seinen Tannenduft und 
Lichterglanz und wunderbarlich durch die Sitte, einander durch 
heimliche Gaben zu erfreuen. 
In kindlichem Unverstand hat sie früher ihren väterlichen 
Freund, Ben Abraham, wohl auch gefragt, warum denn auch 
ihrem Volk nicht der Messias gekommen sei, daß auch sie ihm 
solch ein Fest feiern möchten, und hat nicht verstanden, tocmtm 
jener ihr zürnend die Frage verwiesen und ihr gesagt hat: 
„Der rechte Messias werde nur ihrem Volke kommen, nur 
ihm allein; doch erst, wenn ihr Volk reif und tüchtig sei, ihn 
zu empfangen." 
Reifer und tüchtiger, so sinnt sie, also sind die Christen 
erkannt, vor langen Jahrhunderten schon, daß ihnen ein Erlöser 
hat kommen mögen; und so mögen sie wohl daraus auch ihr 
Recht herleiten, auf ihr verachtet Volk herabzusehen. Und 
dennoch ist doch von allen Völkern, von bereit Geschichte Ben 
Abraham ihr gesprochen hat, gerade ihr Volk einst das Lieb 
lingsvolk Jehovahs gewesen, aus dem Geschlechte seines kö 
niglichen Psalmisten ist der christliche Messias entsproffen, und 
seine ersten Anhänger sind Juden gewesen, wie sie, aufgewachsen 
in denselben Bräuchen, dieselben Feste feiernd, die noch heute 
ihr Volk begeht. Wie einem Räthsel, für das sie sich keine 
Lösung weiß, hat sie zum Oeftern solcher Fügung nach 
gesonnen; Ben Abraham weiter darum zu fragen, hat sie sich 
wohl gehütet, und bei sonstigen ihrer Glaubensgenoffen, außer 
vielleicht dem jungen Mendel, der als Freitischgast im Ephraim- 
schen Hause verkehrt, darf sie auf kein Verständniß rechnen. 
Einen wohl wüßte sie, bei dem sie auf willige, verstän 
dige Antwort rechnen möchte, aber gerade er ist nicht ihres 
Stammes und Glaubens, und Jeder schaut die Dinge nach 
den Anschauungen, wie er gelehrt ist; und so gerne sie seinen 
Worten lauscht, wenn er im Nachtbarhause, in dem auch er 
verkehrt, von allem Großen und Neuen spricht, das er auf 
seinen Reisen gesehen oder aus seinen Büchern gelesen hat, 
daß es ihr oft ist, als sei all sein Sagen nur Antwort auf 
manche stumme Frage, die er aus ihrem Blick gelesen haben 
mag, — um religiöse Dinge möchte sic ihn »immer fragen; 
ist doch gerade die Verschiedenheit ihrer Religion, die sie von 
den Andern scheidet und jene so unberechtigt auf sie herab 
blicken läßt, daß sie voll Dankes schon anerkennt, daß er 
überall die Jüdin in ihr vergessen und zutraulich, wie mit 
den Mädchen seines eigenen Volkes, mit ihr reden mag. — 
Um ein gutes Buch freilich hätte sic ihn, wie den jungen 
Freitischgast, gerne schon öfters gebeten, darin nachzulesen, 
was sie von ihrer Rede nicht ganz und voll verstanden hat; 
aber „deutsche Bücher" zu lesen, ist ihrem Volk verboten; und 
wie vergeblich sie auch dem Grunde solchen Verbotes nachsinnt, 
durch Ungehorsam darf sie die nicht kränken, die ihr bisher 
nur Freundliches erzeigten. 
Heute bei Erwähnung ihres beginnenden Laubhüttenfestes
        
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