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Volume 14. März 1885, Nr. 24

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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hatten die Primeln, die Veilchen und Narzissen bereits ihre Kelche 
erschlossen und das holländische Tulpenbeet glich dem Muster eines 
türkischen Teppichs. 
Sinnend, tiefem und bitterm Schmerze dahingegeben, saß ich 
eines Morgens in all' der bunten Frühlingsherrlichkeit; — ein 
Fruchtbaum streute seine röthlich Weißen Blüthen auf mich herab. 
Meine Gemahlin befand sich bei mir; sie schritt durch die Gänge 
des Gartens, hier eine Blume ausrichtend oder an den Stab 
bindend, dort mit der Spitze des schmalen Fußes ein Steinchen 
aus dem Wege stoßend. Marguerite hatte sich in der letzten Zeit 
überaus ernst und nachdenklich mir gegenüber gezeigt. 
Aus einer Ecke des Gärtchens tönte das freudige, jauchzende 
Lallen unseres Friedrich Philipp zu uns herüber. Meine Gattin 
nahm einen Stuhl und setzte sich mir zur Seite. 
Zum ersten Male wieder sah ich ein Lächeln ihre Züge um 
spielen. Sie strich mit der Hand über meine tiesgefurchte Stirn. 
„O nicht so düster," sprach sie, „mein Theurer! Lassen Sie uns 
hoffen in dieser holden Lenzeszeit!" 
Ich lachte bitter auf. „Ich und hoffen, Marguerite?" 
erwiderte ich. „Welche Hoffnung hat mich denn noch nicht 
getäuscht?" 
„Die auf meine Liebe!" entgegnete sie sanft. 
„Wohl; das ist wahr!" erwiderte ich. „Aber sie ist auch 
der einzige Stern, welcher in dem Wettersturme des Schicksals 
mir noch nicht erloschen ist!" 
„So möge dieser Stern Ihnen denn auch der Wegweiser 
werden zu einer glücklicheren Zukunft." 
„Ich glaube an keine solche mehr!" 
„Sie versündigen sich an Gott, mein Gemahl! Nicht das 
Schicksal wollen wir anklagen, daß es mit karger Hand uns seine 
Gaben versagt hat. — Könnte der Grund des Mißerfolges nicht 
vielmehr an uns selbst liegen? Ist es nicht vielleicht ein falscher 
Weg, welchen wir eingeschlagen haben, um zu Glück und Frieden 
zu gelangen?" 
„Sie sprechen in Räthseln, Marguerite. Ich bitte Sie, wenn 
Sie etwas haben, was mir vorzuwerfen ist, — ich bitte Sie herz 
lich, erklären Sie sich dann deutlich." 
Sie holte tief Athem; dann schmiegte sie das Haupt an 
meine Brust. 
„Es muß doch einmal sein!" So sprach sie sanft. — Ich 
war gespannt und erstaunt zugleich; — so zärtlich und so traurig 
hatte ich das hochsinnige und ehrgeizige Weib noch nie gesehen. 
„Ich fürchte," begann sie jetzt mit einer zagenden Stimme, 
welche indeffen stets kräftiger und eindringlicher wurde, „wir sind 
auf falschem Wege, mein Gemahl! — Wenn ich mich jetzt nach 
dem Grunde unseres Unglücks gefragt habe: ich habe stets nur ein 
und dieselbe Antwort erhalten: 
„Wir dienen unserm Gott, dem Lenker jedes Schicksals, 
dem Spender jedes Segens, nicht auf die rechte Weise!" 
O blicken Sie mich nicht so verwundert an! Ahnen Sie nicht, 
was mein Herz bewegt? — Nein? — Und doch, — es muß 
gesagt sein! Die Tochter der Grateins d'Hordoffc spricht zu Ihnen, 
— die Tochter der Märtyrer von La Rochelle, — die Huguenottin, 
die, freilich feig genug, den Glauben ihrer Väter verleugnet hat, 
indem sie ihren Gemahl bisher die Irrwege der römischen Kirche 
wandeln ließ!" 
Ich war starr vor Erstaunen; denn nie hätte ich meiner ehr 
geizigen Gemahlin Anschauungen zugetraut, welche einem religiösen 
Fanatismus ähnlich sahen. War ihr Verstand durch die letzten 
schmerzlichen Vorgänge umnachtet worden? — Ich fürchtete das 
selbe fast! — 
Unbeirrt durch meine Verwunderung und ganz ruhig fuhr 
meine Frau indessen fort: 
„Philipp, ich habe für Sie gebetet; — ich habe um Ihret 
willen die heilige Schrift befragt! Es giebt nur Heil in einem 
Glauben; in dem, welchen der große Calvin bekannt hat und für 
den meine Väter geblutet haben! Wenden Sie sich von der Ab 
götterei Roms hinweg, und seien Sie überzeugt/ — des Himmels 
reicher Segen wird Ihnen zu Theil werden! — Philipp, — ich 
bitte Sie, gewähren Sie mir die Freude, Sie gemeinsam mit mir 
beten zu sehen, — für unsere Zukunft und für Friedrich Philipp!" 
Ich schlug ihr diese Bitte rundweg ab. „Was," — rief ich, 
„ein Langallery ein Convertit? Ein Langallery, deffen Geschlecht 
gleich ehrwürdig ist wie das der Montmorency und gleich ihnen 
den stolzen Titel führt der „premiers Chrestiens en France?“ 
Nie, — nimmermehr! Nicht um eines falschen Glaubens willen 
leiden wir; — es ist des Unglücks Macht, die uns verfolgt!" 
Meine Frau ergriff meine Hand. „Was aber ist das Un 
glück?" sprach sie sanft. „Nichts als eine uns ungünstige Com 
bination der Umstände! — Wer aber leitet wiederum die Umstände? 
— Kein Anderer als Gott der Herr! Ihm also gilt es zu dienen! 
Hoffe Niemand sein Glück zu erringen, der ihn nicht ehrt!" 
Sie überhäufte mich mit Stellen aus den Psalmen, — mit 
Erinnerungen aus der Zeit ihrer streng kalvinistischen Erziehung, 
welche jetzt wiederum wach wurden. 
Ich war darüber, — ich wiederhole es, — in höchstem Maße 
betroffen. Alles, nur das nicht, hatte ich in Marguerite gesucht! 
Ich wäre über ihre Zumuthung, zum Protestantismus überzutreten, 
auch tief empört gewesen, wenn ich nicht wiederum bedacht hätte, 
daß ihr dieser Rath allein durch die Liebe zu mir eingegeben 
worden war. 
Ich verließ Marguerite und begab mich in das Haus. Aber 
ein Samenkorn, — ich muß es aufrichtig gestehen, — war doch 
aus ihren Worten in mein Herz gefallen, und bald sollte dasselbe 
aufgehen! — 
Frühlingssonne, — Lenzeslust, — Blühen und Jauchzen 
überall! Nur ich allein grübelte in meinem Kämmerlein! Möge 
man hart über mich und meine Nachgiebigkeit urtheilen, — möge 
man mich selbst der Schwachheit zeihen; aber der Rath meiner 
Gemahlin kam mir nicht wieder aus dem Sinn. Ueberdem verfuhr 
sie auf die klügste Weise von der Welt; — sie drängte mich nicht, 
ihrer Ueberzeugung beizutreten. Sie ließ ihre Worte still und 
ruhig in mir wirken und war mir gegenüber nur die freundschaft 
liche Trösterin. Wenn sie mich meinem Trübsinn nachhängen sah, 
— o wie gütig vermochte sie dann mir zuzusprechen! „Harren 
Sie geduldig aus," so sagte sie dann wohl, „auch wir werden 
unsere „heure du berger“ einst noch finden, mein Gemahl! Allein 
wir müffen unsern Aufenthalt wechseln; — wir müssen fort von 
hier! Hier können Sie nichts thun für Ihre Zukunft! Lasten 
Sie uns wenigstens nach Berlin gehen! Stellen Sie sich dem 
Könige vor! Sie haben bis jetzt nur mit großen Fürsten zu 
schaffen gehabt und zwar zu Ihrem Nachtheile! Versuchen wir's 
einmal mit den kleinen, zu denen auch dieser König von Preußen 
gehört!" — 
Der Rath meiner Gemahlin erschien mir, je länger ich über 
denselben nachdachte, um so verständiger und vorteilhafter. Im 
Jahre zuvor war ein Thronwechsel in dem Lande Preußen einge 
treten, welches jetzt meine zweiteHeimath war. Man hatte längst nichts 
mehr erwartet von dem prachtliebenden Friedrich I., welcher seinen 
Staat fast dem Bankerutt nahe gebracht hatte. Ein thätiger Mann 
stand jetzt an der Spitze der Regierung, ein Fürst, von welchem 
man sagte, daß er bestrebt sei, vor Allem das große Agens sich 
zu verschaffen, welches neben dem Muth und der Ausdauer die 
Dinge der Welt allein regiert und leitet: Gold, Geld und 
Gut! — 
Und konnte ich diesem Fürsten nicht von großem Nutzen sein? 
Ich hatte niemals gänzlich die Idee aufgegeben, mein Madagaskar 
mir wiederzuerobern. — Wie nun? Lag nicht der Vortheil ganz
	        
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