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Periodical volume 14. März 1885, Nr. 24

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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nach Warschau zu gehen. Auf diese Weise ließ sich vielleicht auch 
schneller eine Entscheidung auf mein Abschiedsgesuch erlangen. 
Ich verwirkte den Abschied ja auch schon dadurch, daß ich mich 
ohne Befehl von meinem Posten hinwegbegab! 
Ich versuchte es, in Warschau bis zu dem Könige vorzu 
dringen, um ihm persönlich für Alles zu danken, was er an mir 
gethan hatte!! Es gelang mir nicht. — „Verleugnen Sie völlig 
den extravaganten Charakter, dessen man Sie zeiht, mein Herr 
Marschall!" So rieth mir ein guter Freund. — „Seien Sie klar, 
ruhig und besonnen!" 
„Würden Sie an meiner Stelle eine solche Selbstbeherrschung 
bewahren können?" ftagte ich ihn. 
Der gute Rathgeber zuckte mit den Achseln. 
„O, ich beschwöre Sie, mein Freund," so flehte ich ihn an, 
„ich beschwöre Sie, sagen Sie mir, ob meine Frau hier war, — 
ob sie bei dem Könige war!" 
„Ja, mein Herr Marquis," so lautete die Antwort, „die 
Marquise war hier; — Majestät hatten sie entboten; aber die 
gnädige Frau reiste noch denselben Tag wieder ab, — geknickt, 
wie es schien, und in höchster Ungnade von Se. Majestät entlassen." 
„Was ist geschehen?" fragte ich in höchster Angst. 
„Niemand weiß es, — aber der König war einige Tage sehr 
erregt. Man behauptete, dergleichen sei ihm gegenüber kaum je 
geschehen!" 
„Was ist denn geschehen, mein Freund?" 
„Daß eine Dame, Herr General-Feldmarschall, mit männlichem 
Muthe ihm gegenüber ihre Ehre vertheidigt hat! „Augustus semper, 
Caesar semper vieler!" Die alte Formel soll entkräftet worden 
sein! Doch meine Mittheilungen greifen Sie gewiß sehr an! Wir 
sind zu meinem Hotel gelangt; — Herr Graf, treten Sie ein, — 
fasten Sie sich! Sie dürfen mit dem Ergebniste dieser Tugendprobe 
Ihrer Frau Gemahlin wohl zufrieden sein!" — 
Ich kann es kaum beschreiben, welch' unwiderstehlichen Wider 
willen ich gegen die Misere eines solchen Hoflebens und gegen die 
sittliche Zerfreffenheit solch' einer Gesellschaft damals empfunden habe! 
Dennoch war es eine Nothwendigkeit für mich, die weiteren Mit 
theilungen meines Freundes entgegenzunehmen. Sie waren roman 
haft genug, doch ich darf sie dem Leser nicht vorenthalten, weil 
sie einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des menschlichen Herzens 
bilden, — weil sie die räthselhafte Beschaffenheit des weiblichen 
Charakters scharf beleuchten, namentlich, wenn nran sie mit späteren 
Ereignissen meines Lebens zusammenstellt. 
Der Wein perlte vor uns in den Gläsern. So wenig ich 
ihn sonst liebte: ich war seiner jetzt bedürftig; denn allzu nieder 
schlagend war, was ich erfuhr. 
Meine Gemahlin war, während ich zu Felde lag, vom Könige 
August in bemerkenswerther Weise gefeiert worden. Bei all' den 
intimeren Festen des Hofes war sie von diesem Monarchen mit 
Auszeichnungen überhäuft worden; — oft hatte der König, wenn 
bei einer Lustfahrt die prächtige Dacht über die leise bewegten 
Wellen der Elbe glitt, sich mit ihren Farben geschmückt; — er 
hatte dann die alten, jetzt so verachteten Wappenfarben der 
Langallery getragen! Konnt' ich es meiner Gattin verdenken, daß 
sie dem königlichen Herrn die Bitte um eine Busenschleife gewährt 
hatte, welche er auf seine Achsel heften wollte? — O gewiß nicht! 
Es handelte sich ja auch um mein Schicksal und um mein Glück! 
Durch jene Gunst, deren sie sich zu erfreuen hatte, sollte ich ja 
zu Glanz und Ehren aufsteigen! Mir brachte Marguerite ein 
Opfer, wenn sie die Huldigungen dieses königlichen Schäfers duldete; 
— hervorgerufen hatte sie dieselben nicht! 
Es war kurz vor dem Eintreffen ihres räthselhaften Schreibens 
an mich gewesen: Bei Hofe war ein großes Fest gefeiert worden; 
— der König hatte sich gegen meine Gemahlin überaus gnädig 
bewiesen und leutselig in ihrem schönen Haar eine kostbare Brillant 
spange befestigt, welche er der eigenen Brust entnommen hatte. 
In merkwürdiger Weise zartfühlend, hatte Augustus dabei geäußert: 
„Gnädige Frau! Meine ehrerbietige Huldigung gehört Ihnen 
gewiß! Wenn ich Sie aber bitte, dies Andenken an mich zu tragen, 
so ehre ich auch die Verdienste Ihres Gemahls! Ich gedenke 
seiner stets!" Das hatte der ganze Hof gehört. Aber nur 
wenige der Nächststehenden hatten es vernommen, daß August noch 
hinzugefügt hatte: „Ich möchte mit Ihnen allein über den Herrn 
Marquis sprechen, — nicht hier, — nicht vor dem Hofe! Es 
würde das den Neid gegen Langallery zu früh erwecken! Ich er 
warte Sie zu einer Gesellschaft en petit comite am morgenden 
Abende in dem Pavillon des japanesischen Palais, — Sie kennen 
ihn, — am Ende des Gartens! Mein Kammerdiener wird Ihnen 
öffnen! — Sie erröthen? — Gnädige Frau, — die Zukunft Ihres 
Gatten, — der ruhmreiche Abschluß seines Heldenlebens kann 
Ihnen unmöglich gleichgültig sein! Auf Wiedersehen also nach 
Eintritt der Dunkelheit!" 
Und meine Gemahlin war gekommen. Man wußte Alles zu 
Dresden, — jede Einzelheit des skandalösen Vorganges war be 
kannt oder wenigstens von der Lästerchronik dieses Hofes als 
authentisch verbreitet worden. Denn nach den auffälligen Gunst 
bezeugungen, welche die Marquise von Langallery erhalten hatte, 
war es unmöglich, daß ihr Gang nach dem japanischen Garten 
! unbemerkt blieb, obwohl sie selber sich unkenntlich zu machen ver- 
| sucht hatte. Es waren mehrere Späher ihr gefolgt. 
Die Jalousien des japanischen Pavillons waren herabgelassen 
j gewesen; das kleine, zierliche Gebäude hatte wie in völliger Ver 
lassenheit dagelegen. Allein doch hatte die Thür des Häuschens 
sich geöffnet, als der elastische Schritt meiner Gattin über den 
j Kies des Gartensteiges dahintönte. Eine Zeit lang war Alles 
! still gewesen. Plötzlich aber war ein gellender Aufschrei erklungen; 
! — man hatte vernommen, wie Jemand angstvoll, aber vergeblich 
j an dem Gitterwerke der das Innere des Pavillons völlig ver 
deckenden Jalousien gerüttelt hatte und wenige Augenblicke später 
war meine Gattin ohne Mantel, mit wirrem Haar und ohne Hut 
aus der Thür gestürzt und dem Ausgange des Gartens zugeeilt, 
welchen der Auffeher, durch jene Späher bestochen, glücklicher Weise 
nicht verschlossen hatte. Erst dort hatte sie zähneknirschend einen 
Dolch mit stählernem Griffe hinweggeschleudcrt. Ich kannte die 
Waffe; sie hatte einst mir gehört! 
Ich gerieth in furchtbare Wuth, als diese traurige Wahrheit 
sich mir erschlossen hatte. Ich sprang auf. „Wohin, Marquis?" 
so fragte mich mein Freund. 
„Mich rächen!" erwiderte ich. 
„Es ist unmöglich! Sie gelangen nicht bis zu dem König! 
Es giebt nur Eins für Sie, was Sie zu thun haben. Die 
Parole für Sie lautet: Hinweg, so schnell wie möglich. Denn 
was kann der Schwache thun gegen die Großen der Erde?" — 
Ich mußte diesem Rathe wohl oder übel folgen! 
IV. 
Der Frühling des Jahres 1714 war in's Land gegangen, 
blüthenreich und segenverheißend wie immer. — O wie glücklich ist 
doch das Herz, welches es noch vermag, aus Wintersnoth und 
Drang, aus Mühsal und Verfolgung, aus Enttäuschung und 
Zerrüttung sich so freudig zu erheben, daß es der Frühlingshoffnung 
sich eröffnet und wieder wie in den alten Zeiten kindlichen 
Glaubens spricht: 
„Der Frühling ist jetzt da! — Nun wird sich Alles wenden!" 
Die Linden auf dem Anger zu Frankfurt dufteten zwar noch 
nicht, wie in der Strahlenhelle des Juni, aber ihr erstes, duftig 
zartes, hellgrünes Laub schmückte und verdeckte doch schon freund 
lich die schwarzen Aeste. In dem Garten hinter unserm Hause
        
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