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Periodical volume 14. März 1885, Nr. 24

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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Braunschweig-Wolfenbüttel'schcn Herrschaften erschienen bei 
derselben. A propos, wohin mag die dainalige Braut, die 
schöne Portugiesin, verschollen sein? Man redete vor einigen 
Jahren so allerlei, der Gotzkowskh — ich habe den anmaßen 
den Menschen nie goütiren können — protegire sie . . . •" 
„Die geschwätzige Fama redet viel," antwortet d'Argens 
kühl „sie wollte wiffen, daß auch — Excellenz seiner Zeit die 
schöne Portugiesin nicht ungern gesehen hätten und noch heute 
— schönen Frauen nicht abhold seien." 
„Verleumdung!" lächelt Götter, „ein Mann in meinen 
Jahren?" doch streichelt er dabei wohlgefällig vor dem Spiegel 
sein noch immer schönes Gesicht. „Den anfänglichen Grund 
zu der alten Rivalität Ephraim's gegen Gotzkowskh mag 
wohl die schöne Portugiesin gegeben haben. Enfin, was 
kümmert's uns! Ephraim ist mir gelegentlich gefällig gewesen; 
wenn ich Majestät beeinflussen kann, soll sie sich wenigstens 
den kleinen Palast ansehen, den sich der Jude gebaut hat- 
Soll superbe eingerichtet sein . . . 
Er winkt dem vom König verabschiedeten Ephraim zu 
sich heran und spricht vor der Außenthüre leise mit ihm, 
während d'Argens auf des Königs Wink wieder zu ihm 
eintritt. 
„Wir haben nicht definitiv abgelehnt, d'Argens! Wer 
von den Hofherren seine Neugier auf ein paar farbige Fon 
taine» und erleuchtete Grotten nicht bezähmen kann, mag sich 
am Fest betheiligen. Muß dieser Ephraim aber Schätze an 
gesammelt haben, sich ohne zwingenden Grund derartige Ver 
schwendung zu gestatten!" 
„Nicht ohne Grund, Majestät" — und der Marquis — 
er wie kein Anderer darf seinem königlichen Freunde offen 
seine Gedanken aussprechen, deutet vorsichtig seine und Gotters 
Vermuthungen an. 
„Das stolze Gefühl, nun als Erster die Börse zu be 
herrschen und seinem gestürzten Rivalen sich im vollen Glanze 
und in der Gunst des Hofes zu zeigen, wiegt ihm reichlich 
die Kosten einer solchen Schaustellung auf." 
„Gotzkowskh bankerott?! fragt der König bedauernd. 
„Wie ist das möglich? Seine Schuld für Leipzig ist bezahlt." 
„Dadurch eben, Majestät! . . . 
„Pah, der Mann ist selber Schuld! Aber der Jude mit 
seiner Münzwirthschast wird gefährlich. Geht es so fort, 
ruinirt er am Ende auch uns." 
„Graf Götter dürfte einer Rückkehr zu der früheren 
guten Münzwährung widerstreben . ... " 
„Jetzt, nach Beendigung des Krieges? Götter scheint in 
der That mit Ephraim befreundet," des Königs scharfes Auge 
hat seinen Finanzminister mit dem Münzmeister in leis ge 
flüstertem Gespräche das Vorzimmer verlassen sehen „zuerst 
und vor Allem die Hebung unseres Landes! Ein Finanz 
minister wie Graf Götter ist leicht ersetzt." 
Ein Wink des Königs befiehlt, Mendelssohn eintreten zu 
laffen. 
„Ist der schüchterne verwachsene Mensch der jüdische Ge 
lehrte?" fragt er d'Argens. 
„Derselbe, dem vor wenig Tagen der Preis von der 
Akademie zuerkannt ward." 
„Für die beste Lösung der Prcisaufgabe: Ob die meta 
physischen Wahrheiten einer solchen Evidenz fähig sind, wie 
die mathematischen? Den Preis hat der Jude errungen . -." 
.... „Während die von dem Königsbcrger Philosophen 
Kant eingereichte Arbeit nur ehrenvolle Erwähnung fand." 
„Und der Mendelssohn wohnt hier in Berlin?" 
„Als Anhängsel eines jüdischen Hauses, als Buchhalter 
in der Bcrnard'schen Seidenfabrik ist er vorübergehend ge 
duldet. Ein Aufgeben seiner Stellung, das leichteste Ver 
gehen kann ihn der Stadt verweisen." 
„Um so mehr sollte er sich hüten, uns offen anzu 
greifen." 
„Um so mehr Muth zeigt es, wenn er es wagte, als 
Mitarbeiter eines kritischen Blattes . . . ." 
„Hat er darum kein Recht, uns wegen unserer angeb 
lichen Bevorzugung der französischen Sprache und ihrer 
Schriftsteller zu tadeln," herrscht der König zugleich d'Argens 
und den auf seinen gebieterischen Wink nähertretenden Men 
delssohn an. 
„Weiß Er, daß ich Ihn wegen seiner Unverschämtheit 
aus der Hauptstadt verweisen laffen kann?" 
„Ich weiß, daß ich, obgleich ich seit langen Jahren der 
Stadt diene, dennoch nicht die Vergünstigung genieße, zu den 
Schutzjuden Euer Majestät Hauptstadt zu zählen." 
„Und warum nicht? Konnte er sich von den vorschrifts 
mäßigen tausend Thalern nicht trennen, um sich den Schutz 
brief zu sichern?" 
„Ich fühle mich ohnehin in Euer Majestät Schutze 
sicher und tvar mir bewußt, wiffentlich nie gegen die für uns 
bestehenden Verordnungen zu verstoßen." 
„Das nennt Er nicht verstoßen, wenn Er mich öffentlich 
angreift?" 
„Majestät! Wer Verse macht, schiebt Kegel; und wer 
Kegel schiebt, sei es König oder Bauer, muß sich gefallen 
laffen, daß der Kegeljunge sagt, wie er schiebt." 
„Die Herren Recensenten — Kegeljungen!" lacht der 
König- „Nicht wahr, der Wurf, der zwischen allen Kegeln 
hindurch den König allein trifft, wird doppelt im Kegelspiel 
gerechnet?" 
„Wie der, der alle Kegel niederwirft und den König 
allein verschont." 
„Und Er meint, dies sei die von den meisten Recensenten 
beliebte Weise?" scherzt der König mit feinem Lächeln. 
„Majestät haben durch Aufhebung des Censur-Edikts der 
Presse die ihr nothwendige Freiheit der Bewegung zurück 
gegeben. Danach sollte die bloße Meinung keinen andern 
Widersacher finden, als die entgegengesetzte, und wenn sie irrig 
ist — die Wahrheit." 
„Und die Wahrheit, meint Er, ist, daß ich ein schlechter 
Versmacher bin und Unrecht thue, die ftanzösische der deutschen 
Sprache vorzuziehen? — Er schreibt doch auch seine Ab 
handlungen schwerlich in deutscher Sprache?" 
„Doch, Majestät! Schon 1750 veröffentlichte ich mein 
erstes deutsches Buch, — obgleich meinem Volke selbst das 
Lesen deutscher Bücher verboten war und mir das Erlernen 
der Schriftsprache schwer fiel." 
„Also auch Ihm? Und Er hatte den Muth, mit den 
albernen Vorurtheilen seines Volkes zu brechen?" 
„Der Muth zu thun, was wir als Recht erkennen, ist so 
groß nicht. Wer die Sprache des Landes, in dem er lebt, 
nicht beherrscht, steht bald isolirt und unverstanden da. Für 
die jüdische Nation ward es der Grund, daß sie an den
        
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