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Periodical volume 7. März 1885, Nr. 23

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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guten Gelingen seiner Aufgaben ihm ein größeres Gefühl des 
lnrechtes auf solchen Lohn einflößte. Vor Allem stand ja als ein 
Merkzeichen seiner Kunst das Kurfürstcndenkmal auf der Langen Brücke, 
rs in zahllosen Beschreibungen und Liedern von den Poeten und 
oetastcrn, von den Literaten und Scribentcn aller Nationen ge- 
ierert wurde. Ein zweites Zeugniß seines künstlerischen Vermögens 
li-jte das Schloß für ihn ab, dessen Gemächer in ihrer weiten, 
»VI endlosen Folge den pomphaften Festen der neuen Aera eine 
, verglcichliche Folie bieten konnten. Ob der Meister selbst ob all 
d sem Thun es übersehen mochte, wie bei dem Münzthurme jeder 
g neue Schwierigkeiten brachte, wie alles Mühen der erfahrenen 
wkmeister nicht ausreichte, gefahrlos die Massen höher empor zu 
th> ritten? 
Genug auch dieses Jahr noch ging ins Land; der Thurm 
Wuchs bis an zweihundert Fuß hoch empor und von allen Seiten 
waren gewaltige Stützbogen gegen die wichtigsten Pfeiler geschlagen 
worden, deren Fundamente durch Anker und Klammern, durch 
Bindersteine und andere Mittel verbunden worden. Das Ver 
trauen baldiger Vollendung verließ den vielbeschäftigten Baumeister 
nicht. Noch aus dem Monat Juni des Jahres 1706 hat man 
Concept von seiner Hand, das einem Bauberichte an den da- 
s am Rheine weilenden König zu Grunde lag. Darin heißt 
wörtlich: 
In diesem Monath Juny wird kein ander Werk gemacht, als 
)as zur Fortsetzung des Thurmes, des Frcienwaldiscbcn Baues 
nd des Potsdammschen Saales vonnöthen. Erstlich bey dem 
Thurm. Wird gearbeitet an dem Berge zum Wasserfall nach 
der Straße. An den Fundamenten so zur Verstärkung des 
Thurmes und der Wasserkasten kommen, die gemauerten Eck 
pfeiler und was sonst zur Verstärkung dienen kann. Von Zimmer 
arbeit die Gerüste, Winden, die Tritzkolben, die Strebepfeiler, 
vie Rammen, die Pfähle, das Gehäuse zur Uhr, der Glockenstuhl 
um Glockenspiel, die Anker und das Eisenwerk, die Steinanfuhr, 
die Stcinmetzarbeiten, die Zeiger zur Uhr und das Uhrwerk, — 
lon.mt auch noch diesen Monath darauf zu stehn. In 
dem zukünftigen Monath July werden beym Thurm die Seulen 
gesetzet, die Mauer sammt dem Gehäuse zum Klockenspiel ge- 
etzet, die Klocken hinaufgebracht.. .. Die obcngedachten Arbeiten 
vom Thurm und Schloß sammt den Sklaven auf der langen 
Brücke kontinuiren durch die übrigen Monathe nun so lange, 
bis das Alles nach Ew. König!. Majestät allcrgnädigstem Ge- 
allen vollendet wird." 
Zum Verständniß der vorstehenden Angaben sei noch bemerkt, 
oaß es in Freienwalde um die Herstellung eines Logirhauscs für 
König sich handelte und daß mit den „Sklaven auf der 
' igen Brücke" die Figuren am Kurfürstendenkmal gemeint sind, 
d'.e bekanntlich erst nachträglich an Ort und Stelle angebracht 
wurden. In der Sache selbst befindet sich dieser Bericht in einem 
auffälligen Gegensatze zu den Thatsachen, die die Katastrophe 
des Münzthurmcs in den nächsten Wochen darauf schon einleiteten. 
Am 21. Juni wurde dem Statthalter, Markgrafen Philipp 
Wilhelm die Meldung gethan, daß an dem Münzthurm ein Schaden 
i.abrgenommcn worden sei und Schlüter, der deswegen hinzu- 
»-rufen wurde, bestätigte, daß man seit einigen Tagen Risse ver- 
■' >4 habe, daß dieselben aber seit dem Vertage nicht weiter vor 
ig' n und daß dergleichen oft bei neuen Gebäuden vorkomme. 
In diesem Sinne ging auch ein ganz allgemein gehaltener Bericht 
an den König nach dem Haag ab, als schon am 23. Juni Schlüter 
persönlich bei dem Statthalter erscheint und seinerseits wegen des 
. Harmes Besorgniffe äußert. Damit ist plötzlich die Sachlage 
Vä verändert und jeder ist nun vor Allem darauf bedacht, die 
--»ahr in ihrem ganzen Umfange zu erkennen, zur Abwehr des 
weiteren Vorschreitens mitzuwirken und sich persönlich in der ganzen 
4: Gelegenheit zu decken. In der Frühe des folgenden Tages 
werden der Zimmcrmeister Reich mann, der Polier Jürgen 
Donath und der jüngere Maurermeister Braun, die wir oben 
schon kennen lernten, vernommen und sie sagen aus, daß schon 
vor längerer Zeit eine Senkung des Thurmes wahrgenommen 
worden sei. Der Hosrath Mieg, der mit der geschäftlichen Leitung 
des Schloßbaues betraut war, berichtet an den Minister Wartenberg 
in das Lager, Grüncbcrg und Eosander, mit denen wir 
weiter noch zu thun haben, werden ersucht, sich von Schlüter 
selbst eine sachgemäße Aufklärung zu verschaffen. 
Treten wir den beiden letztgenannten Persönlichkeiten ein 
wenig näher. 
Martin Grünebcrg, eines Försters Sohn — wie Nicolai 
sagt — aus Preußisch Litthauen, hatte anfangs die Mathematik 
studirt, deren Kenntniß zunehmend in ihm die Neigung zur Bau 
kunst erweckte. Im Jahre 1674 findet er sich zuerst angegeben 
als Glasschreiber der Hütte zu Potsdam, 1678 aber als Schreiber 
bei dem Schloßbau daselbst, wo er sich so bewährte, daß der 
große Kurfürst ihn bald nachher eine Reise durch Italien und 
Frankreich machen ließ, woselbst er die neuesten Paläste und öffent 
lichen Gebäude studiren sollte. 
In Ermangelung eigener Anstalten, in denen die Architektur 
hätte gelehrt werden können, gab cs damals kein anderes Mittel, 
Kenntnisse in der schönen Baukunst zu erlvcrben. Nach der Rück 
kehr wurde ihm die Besorgung des Bauwesens in der Kurmark 
aufgetragen und nach Nehrings Tode ein Theil der kurfürstlichen 
Bauten in Berlin, Oranienburg und Lictzow (Chatlottenburg). 
Auch das Zeughaus war ein Jahr lang seiner Leitung unter 
stellt, ging aber dann an Schlüter über, bis auch dieser einen 
anderen Nachfolger erhielt. Grünebcrg, der später das Kölnische 
Rathhaus in der Breiten Straße errichtete, war der Baumeister 
der Parcchialkirche und der dienen Kirche; er war ein gediegener 
Praktikus und hatte zur Zeit unserer Geschichte den Titel eines 
Baudircktors. 
Neben ihm nun finden wir als Sachverständigen Johann 
Friedrich v. Eo sän der (genannt Göthe), der in Erziehung, 
Stellung und Anschauung ungefähr das gerade Gegentheil des 
biedern und ehrenfesten Grüneberg sein mochte. Er war Militär 
und Hofmann, Soldat und Cavalier, dabei von schwedischem 
Adel und hatte — ebenfalls auf Kosten der Landeskasse — seinen 
Geschmack auf Reisen in Vortheilhastester Weise gebildet. Ein un 
glücklicher Zufall, der ihn in die Untersuchung gegen Schlüter ver 
wickelte, hat ihm von allen Seiten Herabsetzung eingetragen, die 
so weit geht, über seinen persönlichen Eigenschaften Alles, was er 
wirklich geleistet hat, zu vcrgeffen. Wenn das große Portal an 
der Schloßsrciheit durch die Nachahmung eines römischen Triumph 
bogens weniger original sein mag, als man es wünschen möchte, 
so ist doch die Conception deffelben Nichts weniger, wie ungeschickt, 
und die Gegenwart kann ihm nur danken, daß er in einer weisen 
Selbstcrkenntniß es vorzog, nicht eine durchaus selbstständige Er 
findung zur Ausführung zu bringen. Durch seine gewandten 
Manieren hatte er die Gunst der Königin sich erworben, und sein 
Talent, großartige Hoffeste zu insceniren, das bei der Krönung zu 
Königsberg, bei dem Einzug in Berlin und bei der Beisetzung der 
ersten Königin voll zur Geltung kam, machte ihn Friedrich dem 
Ersten angenehm, der ihn außer bei den Schloßbauten zu Ehar- 
lottenburg und Schönhausen auch zu diplomatischen Aufträgen 
verwendete. Daß er bei seinen mannigfachen Fähigkeiten sicher 
auch den Ehrgeiz hatte, an Schlüters Stelle dem baulustigen 
Herrscher näher zu kommen, wer wollte das einem solchen Mann 
an einem solchen Hofe verargen? Zudem laffen Eosanders Arbeiten 
erkennen, daß er umfangreichere theoretische Vorstudien für 
seine bauliche Thätigkeit gemacht hatte, während Schlüter — ur 
sprünglich nur Bildhauer — durchaus als ein selk-mucko-mun die 
schwierige Laufbahn eines Hofarchitekten beschritten hat. Das aber
        
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