Path:
Periodical volume 28. Februar 1885, Nr. 22

Full text: Der Bär Issue 11.1885

346 
nach ihm benannten Straße) angelegten Garten, über den die 
heutige Breslauerstraße hinwegführt. Hier verkehrten Offiziere, 
höhere Staatsbeamte, die Jeunesse doree und das „Gros alle- 
mand“ der Fremden, welche die Residenz besuchten. 
Wie es daselbst zuging, ersehen wir aus einigen Kabinets- 
schreiben des Königs an den Polizei-Präsidenten v. Philippi, worin 
Jener sein äußerstes Mißfallen über die „dort vorgehenden lieder 
lichen Sachen" zu erkennen gab, „wodurch die jungen Leute und 
Offiziers lüderlich gemacht" würden. 
Wenden wir uns den übrigen „Wirthschaften, Bierschänken 
und Tabagien" zu, die der damalige Berliner als seine „Er 
quickungsanstalten" und „lustigen Juchhe's" bezeichnete, so gab es 
deren schon damals eine solche Anzahl, daß der „Kosmopolit in 
der Wüste" 1784 sich verwunderte, wie sie alle ihre Nahrung 
finden könnten. Einer besonderen Frequenz erfreuten sich der 
Bruno'sche und Michaeli'sche, der Krause-, Wagner- und 
Grozzi'sche „Gartensaal" mit wöchentlichen Konzerten, zu denen 
„Creti und Pleti herbeilief", — wo man „das verfeinerte Zeit 
alter in seiner Blöße und Armuth" erblickte. 
Daß die Schilderungen unseres „Kosmopoliten" über jene 
„Gärten und Säle der Völlerei rc. mit ihren Geigern und 
Pfeiffern", woselbst man Nächte hindurch spielte, tanzte und trank, 
nicht allzu pessimistisch gehalten sind, geht aus der nachfolgenden 
„Publication" vom 23. September 1785 hervor. 
„Die bisherigen Ausschweifungen und schädlichen Folgen des 
Schweigens und der Nachtschwärmerei, so durch Uebertretung der 
Polizei-Verordnungen auf den sogenannten Tanzböden, in den 
. . Häusern und durch Mißbrauch der Bierschänke» entstehen, machen 
es höchst nothwendig, diese Wirthschaften zum allgemeinen Besten 
einzuschränken; und wird deshalb hierdurch festgesetzt und verord 
net: vom 1. Oktober bis zum letzten März sollen alle Gäste vor 
bedachter Wirthschaften um ‘/JO Uhr Abends, vom 1. April bis 
zum letzten September um ‘/-II Uhr Abends auseinander gehn, 
widrigenfalls die ganze Gesellschaft zu gewärtigen, von der nächsten 
Wache oder Patrouille aufgehoben und ihrer Nachtschwärmerei 
halber zum Arrest gebracht zu werden, wo denn sowohl die 
Mannes- und Frauens - Personen mit Arrest bestraft werden 
sollen. 
„Jeder Wirth in vorbedachten Wirthschaften' ist verbunden, 
alle Gäste beim Eintritt auf diese Ordre, welche er bei Einem 
Thaler Strafe stets in seiner Gaststube angeschlagen haben muß. 
zu verweisen. Und wenn die Gäste sich nicht zur gedachten Zeit 
fortbegeben wollen, so ist es die Pflicht des Wirths, die nächste 
Wache um Arretirung der Gesellschaft zu ersuchen, widrigenfalls 
der Wirth bei späterer Bewirthung in 5 Thlr. Strafe oder 8 Tage 
Arrest genommen werden soll. Hat derselbe sogar Soldaten länger 
als zum Zapfenstreich Aufenthalt gegeben, so wird die Strafe des 
Wirths am Gelde oder Arrest verdoppelt; und damit die Nach 
lässigkeit der Wirthe gewiß entdecket und solcher Schwelgerei in die 
spätere Nacht gesteuert werde, so sind die Patrouillen von Seiten 
des hochlöblichen Gouvernements befehliget, alle Gäste aus solchen 
Wirthschaften, wenn sie solche Häuser berühren, nach verflossener 
| vorgedachter Zeit zu arretiren; so wie denn auch dergleichen Häuser 
von dem Polizei-Commissarius zum öfteren begangen, und die 
! unfolgsamen Wirthe solcher Wirthschaften angezeigt werden sollen; 
wobei es sich von selbst versteht, daß die Musikanten in vorbe 
schriebenen Wirthschaften zur gedachten Zeit gleichsalls mit der 
Musik aufhören und sich nach Hause begeben müssen. 
„Sollte auch ein Wirth in solchen Häusern verstatten, daß 
Soldaten bei ihm Karten oder Würfel spielen, es sei um Geld, 
Bier oder unter dem Vorwand des Zeitvertreibs, so wird solcher 
Wirth in 10 Thaler Strafe oder 14 tägigen Arrest genommen, 
wenn er nicht bei Widersetzung der Soldaten sofort die Hilfe bet 
j nächsten Wache gesucht; wer aber Hazard-Spiele, es sei von wem 
es wolle, spielen läßt, der wird, so wie die Spieler selbst, nach den 
deshalb ergangenen Edikten in Strafe genommen".*) 
Diese und ähnliche strenge „Publicationen" verfehlten denn 
auch nicht die beabsichtigte Wirkung. Zwar behielt der „fidele" 
Berliner noch bis Beginn unseres Jahrhunderts seinen „lustigen 
Winkel" (wie das neben dem Ordens-Palais am damaligen 
„Wilhelms-Markt" — heutigen „Platz" — gelegene und eine Zeit 
lang vom Prinzen Ferdinand vermiethete Gebäude mit seinem 
„Tanzboden" in der Stadt allgemein genannt wurde); die 
„honetten" Bürger dagegen begannen zur Zeit des soge 
nannten Spießbürgerthums sich in den ehrsamen, oft nach einer 
ihnen anhaftenden Eigenthümlichkeit benannten „Tabagien" zu 
versammeln, um hier bei einer Pfeift „Richter und Nathusius" 
sowie einer „Stange" Weißbier nebst dem obligaten „Leichen 
wagen" (Kümmel) einige Stunden der Muße zu verbringen. 
Auf letztere Bezeichnung läßt sich vielleicht die, bis jetzt noch 
unerklärt gebliebene. Berlinische Redensart: „Wilhelm, der Leichen 
wagen kommt!" zurückführen. 
MisreUcn, 
Per Name der Immilie Auckhoktz, welche durch die originellen 
Schilderungen von I)r. Julius Stinde weit über die Grenzen unseres 
engeren Vaterlandes „Berliner Leben und Treiben" bekannt gemacht hat, ist in 
Wirklichkeit zu denen der ältesten Berliner Familien zu rechnen. Ein Claus 
Buchholtz, welcher in der Stralauer Straße wohnte, war in den Jahren 
1449 und 1451 Rath von Berlin. Einer der Ausgezeichnetsten des 
Geschlecht« war der Propst Georg Buchholtz, dessen Verdienste um 
Einführung der Reformation in unserer Stadt bekannt sind. In dem 
Visitationsabschied vom 15. August 1540, i» welchem die Reformation 
des Gottesdienstes in der Nikolai- und Marienkirche festgestellt ist, werden 
seine persönlichen Verdienste durch Aussetzung eines bedeutenden Gehaltes 
und Zuerkennung anderer Auszeichnung anerkannt und belohnt. Kersten 
Buchholtz war im Jahre 1452 Vorsteher der Liebfrauengilde bei der 
Nikolaikirche, welche Gilde zur Ehre Gottes einen Altar gestiftet hatte 
und auf ihre Kosten erhielt. Im vorigen Jahrhundert erlangte der Hof 
fiskal Buchholtz*) eine Berühmtheit, und ein Buchholtz istVerfaffer eines 
der besten Geschichtswerke über die Mark Brandenburg. 11 Vogt. 
Markthallen 1001 in Aertin. Daß Rabbi Ben Akiba Recht hat, 
wenn er behauptet, daß es nichts Neues unter der Sonne gäbe, beweist 
eine Urkunde des großen Kurfürsten vom 17. Oktober 1661, nach welcher 
dem Rath von Cöln Erlaubniß zur Anlegung von Verkaufsbuden — nach 
der heut weiter ausgebildeten deutschen Sprache: Markthallen — gegeben 
- Vergleiche Bär 1882. S. 157. 
wurde. Die Fleischer und Bäcker in Cöln hatten bei der Ausstellung 
und Preisbestimmung ihrer Waaren, trotz mehrfacher Verbote und Strafen, 
sich viele Unregelmäßigkeiten zu Schulden kommen lasten, und der Rath 
beschwerte sich deshalb beim Landesherr». Letzterer erließ nun die Ein 
gangs erwähnte Ordre, in welcher es heißt: „Wir concediren unseren 
Bürgermeistern rmd Rathmännern, auch deren Nachkommen in officio, — 
an einem bequemen Orth in der Stadt, da Niemanden sonst zu nahe 
geschieht, noch einem und anderen der Prospekt genommen wird, zween 
Fleisch-, Brod- und Fischbuden oder Banke zu bauen und darinnen nicht 
nuer den Einwohnern zum Besten allerhandt Fleisch, Fische und Brodt 
nach der rechten Ordnung und um billigen Werth zu verlausten und zu 
lassen, sondern auch mit Fleiß dahin zu sehen, daß allemal rein und 
guet Vieh bei Handen geschaffet und geschlachtet, auch sauber und reinlich 
damit rundgegangen, recht Gewicht gegeben werden und kein Mangel an 
oberzehlten Victualien vorfallen möge." II. Vogt. 
Der hundertste cheöurtstag Aarnhagcns von Hnse wurde am 
21. Februar in mannigfacher Art begangen. Varnhagen, der den 
größten Theil seines Lebens in Berlin zubrachte und in Gemeinschaft mit 
seiner Gemahlin, einer Tochter des Levin Marcus, sein Haus zum Mittel 
punkte des geistigen Treibens der Hauptstadt gestaltete, starb 1856 und 
*) Mitgetheilt durch L. Alfieri im „Verein s. d. Geschichte 
Berlins».
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.