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Periodical volume 28. Februar 1885, Nr. 22

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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„Aus geschehene Anzeige der hiesigen Ackersleutc, daß beim 
Abpflücken der Kornblumen die Saat zertreten und ihnen da 
durch Schaden zugefügt würde, wird hiermit zu Jedermanns 
Achtung bekannt gemacht, daß diejenigen, welche sich in Zukunft 
dabei betreten lassen, außer Ersetzung des Schadens und Bezah 
lung des Psandgeldes noch mit Gefängnißstrase belegt werden 
sollen. 
Berlin, den 8. Juni 1789. 
Präsident, Bürgermeister und Rath. 
Philippi. Ransleben. Wackenroder. Buchholtz." 
Obige Verordnung fand indeß wenig Beachtung, denn nach : 
wie vor boten, wie wir den „Berlinischen Merkwürdigkeiten" ent 
nehmen, Mädchen und Jungen, Bauernweiber und große Schlingel 
derartige Kränze und Sträuße an, und verfolgten die Passanten 
auf der Straße, um den Verkauf zu erzwingen. Auf Vorhaltung 
der angedrohten Gefängnißstrase ertönte nicht selten das höhnische 
Gelächter eines dummdreisten Bengels: „Ach wat Gefängniß- j 
strafe! Die Blumen läßt der liebe Gott für alle Menschen 
wachsen!" 
Das Kornblumenpflücken muß zur damaligen Zeit wahrhaft 
epidemisch gewesen sein, denn die Wachen und Accisebeamten an ! 
den Thoren hatten strenge Ordre, Niemanden mit solchen Blumen 
emzulaffen. Dessenungeachtet slorirte der „Unfug" weiter, indem 
Mädchen und Frauen die Kornblumen „in Gebinden" unter den 
Röcken einschmuggelten. 
Wohl gab man dem Polizeidirektorio den Rath, die Korn- j 
blumenverkäuser anzuhalten und nach der „Polizeistube" zu brin 
gen, ihnen eine verhältnißmäßige Strafe anzusetzen und sie zum 
Thore hinaus zu weisen, aber dieser „wohlgemeinte" Rath er 
beute sich denn doch nicht der polizeilichen Berücksichtigung. 
II. 
Perordnung, den Schauspiekern Wchts zu borgen. 
Beim Antritt eines jeden Jahres wurde den damaligen Ber 
linern die nachstehende Verordnung durch die öffentlichen Blätter 
von neuem eingeschärft: 
Dem Publiko wird die schon öfters bekannt gemachte 
Verordnung: denen bei der Oper und Comödie stehen 
den Personen weder an Gelde oder Waaren nicht 
das geringste zu borgen oder zu leihen, wieder- 
holentlich in Erinnerung gebracht; und haben diejenigen, die 
wider diese Verordnung handeln, zu gewärtigen, daß sie 
ihres Credits gänzlich verlustig gehen, indem diejenigen Kla 
gen, worin dergleichen Schuldforderungen angeklagt werden, 
bei keinem Judicio angenommen, sondern die Gläu 
biger mit ihren Forderungen abgewiesen werden sollen. Wor- 
nach sich Jedermann zu achten und vor Schaden und Nach 
theil zu hüten hat. 
Gegeben Berlin, den 4. Januar 1784. 
König!. Preuß. Hof- und Cammergericht." 
Inwieweit man dieser „sehr heilsamen" Verordnung nachge 
lebt, werden mehrere Berliner Bewohner besser wissen, als wir — 
fügt unsere citirte Quelle hinzu. 
III. 
Pervot des Pochens, Pfcifens und Zifchens im Königlichen 
„Mationaltheatcr." 
In Folge des überhand genommenen „Auspfeifens und an 
deren Lärmens" erging die nachstehende, durch die Zeitungen pu- 
blizirte Verordnung: 
„In Gefolge der Königlichen Vorschrift wird hier 
durch das, die Schauspiele des Königlichen Nationaltheaters 
besuchende Publikum erinnert: sich aller Beleidigungen und 
Störungen dieser öffentlichen Anstalt zur Beförderung der 
sittlichen Freude, Pochen, Pfeifen und Zischen und anderer 
Unordnungen zu enthalten, widrigenfalls die Uebertreter es 
sich selbst beizumessen haben, wenn die dagegen von Seiten 
eines hochlöblichen Gouvernements hiesiger Residenzien und 
des Polizcidirektorii getroffene Anstalten unangenehme 
Folgen für sie haben werden; wohingegen bei ordnungs 
mäßigem Betragen sowohl die Königliche Direktion des Na- 
tionaltheaters, als die ganze Schauspielergcsellschaft sich 
fernerhin gewiß bestreben werden, den gegründeten Beifall 
des einsichtsvollen Publikums zu verdienen und zu erhalten. 
Berlin, den 30. April 1788. 
Königl. Preuß. Polizeidirektorium. 
Philippi. v. Eisenhardt. 
Wie wenig diese Vorschrift fruchtete, entnehmen wir aus 
einem Berichte, worin es heißt: daß Einige wetteiferten, dieselbe 
durch Pochen und Pfeifen vorsätzlich zu übertreten. Das ging 
indessen noch so hin. Als aber am 3. und 4. Januar des fol 
genden Jahres, wo die Schauspieler Wagner im „Räuschchen" 
als Rath Brandt, und seine Frau im „Argwöhnischen Liebhaber" 
als Julie auftraten, durch das Pochen und Auspfeifen die Gren 
zen des Wohlanstandcs und der wahren Ruhe so muthwillig 
wieder überschritten wurden, mußte endlich eine Ahndung erfolgen, 
damit die „Ruhe des Publici" fernerhin nicht mehr gestört wer 
den möchte. 
IV. 
Kaöinets-chrdre, die Preßfreiheit und Preßlrechheit vetr. 
Zur Zeit des Regierungsantritts König Friedrich Wilhelms 
des Zweiten begann die sogenannte „Aufklärungsperiode". Auf 
Grossings „Staaten-Journal" folgten die „Fragmente", welche all 
gemeines Aufsehen erregten. Sie erzeugten ein Heer von anderen 
Schriften; Alles wollte aufklären. Je mehr dabei die Religion 
verspottet und lächerlich gemacht wurde, um desto aufgeklärter hielt 
man die Verfasser solcher Schriften resp. Journale. Es verstand 
sich von selbst — wie die „Berlinischen Merkwürdigkeiten" hinzu 
fügten, — daß die „harten Herren Orthodoxen ihr Schärfchen 
(Scherflein) redlich beitrugen, um der Preßfreiheit einen neuen und 
schärferen Zaum anzulegen". Und so beeilte sich denn der „Herr 
Exprediger R., welcher die Kanzel mit dem Haarbeutel vertauschte", 
sein Aufklärungs-Journal in Gang zu bringen. 
Da erschien plötzlich die nachstehende Kabinets-Ordre: 
„Mein lieber Großkanzler von Carmer! Da ich ver 
nehme, daß die Preßfteiheit in Preßfrechheit ausartet 
und die Bücher-Censur völlig eingeschlafen ist, mithin gegen 
dies Evict allerley aufrührerische Schartecken gedruckt werden, 
so habt Ihr gegen die Buchdrucker und Buchhändler sofort 
am Fiscum zu excitiren, und Mir übrigens Vorschläge zu 
thun, wie diese Bücher-Censur auf einen beffern Fuß einge 
richtet werden kann. Ich will meinen Unterthanen all« er 
laubte Freiheit gern accordiren; aber ich will auch zugleich 
Ordnung im Lande haben, welche durch die Zügellosigkeit der 
jetzigen sogenannten Aufklärer, die sich über alles wegsetzen, 
sehr gelitten hat. 
Ich bin 
Euer 
wohlaffectionirter König 
Friedrich Wilhelm. 
Potsd., den 10. Sept. 1788. 
V. 
Polizei-Perordnnng, den Meluch öffentlicher tüärten, Dierlckänken 
und Hanzvöden rc. öetr. 
Berlin hatte schon zur Zeit Friedrichs des Großen sein 
„Vauxhall“ in dem ursprünglich vom Minister v. Kraut (an der
        
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