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Periodical volume 28. Februar 1885, Nr. 22

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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sind nicht weniger als vortreffliche Köpfe berühmt. Wenn es mit 
den Verfassern gleiche Beschaffenheit hat, so werden beide ihr Glück 
machen," heißt es von ihnen in der „Berl. Bibliothek." 
Demnächst gelangen wir aus den „Berlinischen Zuschauer" 
zurück, welcher des Donnerstags, bogenweise, bei Noack und im 
Wilkner'schen Hause, Neue Jakobstraße (dem grünen Baum gegen 
über) wie auch in den hiesigen Buchhandlungen für 1 Groschen 
verkauft wurde. 
Da wir mit dieser Wochenschrift unsern Rückblick abschließen, 
so möchte es nicht unintereffant sein, eine der Schilderungen über 
damalige Sittenverderbniß und Klagen über schlechte Zeiten hier 
folgen zu lassen. 
„Sind es Menschen, sind es Christen, unter welchen ich lebe? 
Wie unmenschlich, wie unchristlich ist ihr Verhalten gegen einander! 
Sie scheinen nicht für einander, sondern gegen einander geschäftig 
zu sein! Wenn man einen Schwachen neben einen Mächtigen, 
einen Geringen gegen einm Vornehmen, einm Armen neben einen 
Reichen u. s. f. stellet, sollte man fast zweifeln, ob sie Geschöpfe 
einerlei Art, aus einerlei Stand gebildet und zu einerlei Absichten 
geschaffen wären. 
„Und wie thöricht, wie grausam handeln die Meisten gegen 
sich selbst! Scheint es sich nicht zu widersprechen, daß der Haust 
der zügellosen Ungesitteten, der Wollüstlinge, der Schwärmer 
und Unmäßigen, der Verschwender, Müßiggänger und 
Habsüchtigen zur Zahl der vernünftigen Geschöpfe, der Bekenner 
einer göttligen Religion gehört? 
„Ueberall Spuren des Lasters, welches seine Tritte entweder 
durch fremdes oder durch eigenes Unglück kennbar macht; überall 
Mißvergnügte oder Unglückliche, — von allen Seiten Klagen über 
schlechte Zeiten! . . . 
„Wenn ein Jeder sich mit ftftrrm Aufwand in den Grenzen 
seines Standes hiea; wen» nicht so viele Müßiggänger den Schweiß 
ber ^tnicn verzehrten; wenn der Habsüchtige nicht so unersättlich 
wäre; wenn der Ueberfluß den Mangel unterstützte; wenn redliche 
Treue und großmüthige Nächstenliebe die Menschen zu gegen 
seitigen Dienstleistungen verpflichtete — kurz, wenn die Sitten der 
Menschen unschuldiger wären, würde man nicht so viele Klagen 
über schlechte Zeiten hören!" 
Und nun noch einen kurzen Excerpt aus dem Kapitel der 
Kleiderpracht. 
„Schon vor zehn Jahren glaubte ich, Berlin könne die Kleider 
pracht nicht höher treiben; schon damals sah ich fast einen Jeden 
über die Grenzen seines Standes ausschweifen: und dennoch führte 
die damalige Zeit, mit der jetzigen verglichen, nur den Schatten 
von Pracht mit sich. Was soll , man also von dem jetzigen Berlin 
denken? Daß es überflüssige Reichthümer besitze und nicht wiffe, 
wozu es seinen Ueberfluß anwenden sollte? Das will Niemand 
hören! Wenn die alten Bewohner dieser Stadt aus ihren Gräbern 
hervorsteigen und den übertriebenen Aufwand ihrer Enkel sehen 
könnten, würden sie nicht glauben, daß entweder das goldene 
Jahrhundert wieder zurückgekommen sein, oder ein unglückliches 
Berhängniß den hiesigen Einwohnern die Vernunft geraubt haben 
müsse? Ist es nicht eine Raserei, wenn eine Dien st magd seidene 
Strümpfe und gestickte Schuhe, ein Handwerker ein Kleid 
von Sammet, die Tochter eines Künstlers gekräuselte 
Haare und eine goldene Uhr trägt, und die Frau eines 
Kaufmanns für einige Tausend Thaler Edelsteine um 
sich blitzen läßt? . . 
„Wenn derjenige, welcher nur für einen groben Kittel geborm 
war, auf sein vergoldetetes Kleid blickt, wenn ein Frauenzimmer 
von geringem Stande sich wie eine Gräfin geputzt, im Spiegel 
betrachtet: muß nicht die Eigenliebe, diese dem Menschen angeborene 
Leidenschaft, sich in einen ekelhaften Stolz verwandeln? Dieser 
Stolz, diese Einbildung von sich selbst erzeugt eine Verachtung I 
! gegen Andere — ein gezwungenes, geziertes Wesen. Daher ent 
stehen unerträgliche Sitten, kalte Freundschaften und ganze Heere 
von Puppen und Stutzern. Würde man dieses Ungeziefer kennen, 
wenn die Kleiderpracht aus der Welt verbannt würde? Und würde 
etwa der Vortheil aus der Vernichtung einer so schädlichen Brut 
geringe sein? Gewiß nicht! Die geschmückten Puppen und wohl- 
geputzten Stutzer sind der menschlichen Gesellschaft schädlicher als 
die Pest!" 
Wir wollen uns an dieser kleinen Blumenlese genügen lassen 
und nur noch anführen, daß auch der „Berlinische Zuschauer" mit 
solcher Lektüre sein Dasein nur drei Jahre hindurch fristete. Freilich 
traten immer neue Moralprediger in die Fußstapfcn der alten, 
ohne indeß die große Menge von ihren „Krankheiten" heilen zu 
können. 
Die damaligen Berliner waren eben keine Engländer, welche 
ihrem Steele und Addison huldigten. Naive, witzige, scherzhafte 
und auch satirische Auffätze fanden ihren Beifall; Alles war für 
! den französischen Witz eingenommen. 
Dementsprechend offerirte auch unser„Bücherverleiher" C h r i st i a n 
Noack folgende zeitvertreibende, poetische neue Schriften in deutscher 
und ftanzösischer Sprache: 
1. Fünfundzwanzig verschiedene Päckchen moralische, satyrische, ernst- 
und scherzhafte Neujahrswünsche auf das Jahr 1770, mit 
roth- und schwarzsigürlichen Aufschriften an Herrn und Damen 
— Messieurs und Demoiselles; desgleichen an bürgerliche 
Mannspersonen und Frauenzimmer. Zusammen für 
I.Thl. 8 Gr., jedes einzelne Päckchen 1 Gr. 6 Pf. 
2. Sechs verschiedene Päckchen dgl. Neujahrswünsche mit verschie 
denen Aufschriften in französischer Sprache, 12 Gr. 
3. Sechszehn verschiedene Sorten Neujahrswünsche (halbe und 
ganze Bogen für Kinder an ihre Eltern, Freunde und 
Gönner rc. 1 THIr., einzelne Sorten 1 Gr. 6 Pf. 
4. Ein schönes figurirtes Herz, darinnen groß gedruckt: An . . . 
Prosit das Neue Jahr 1 770. Berlin den 1. Januarius. 
» Dutzend für 12. Gr. 
Ferner: Kränze mit Figuren, Pyramiden, Säulen und 
Blumenstücken, nach den vier Jahreszeiten angeordnet, zum Ein 
schreiben von Glückwünschen; künstliche Vexirköpfe mit satyrischen 
Ueber- und Unterschriften; Scherz-und Schattenbilder; vevises 
plaisantes en Poesie, amüsantes et galantes; moralische und 
Witzige Devisen in Versen; Tausenderlei artige und scherzhafte 
Reimzettel auf Gesundheiten; Leberreime; Rätzel (Räthsel); lustige 
Lotterie- und andere Lustspiele, zum Zeitvertreib in Gesellschaften 
u. a. m. 
Leider scheinen die literarischen und Kunsterzeugnisse dieser 
Art, welche für das Kulturleben unserer Altvorderen einen nicht 
zu unterschätzenden Beitrag liefern würden, keinen Sammler ge 
funden zu haben. Jntereffant aber wäre es, dem Alter der Neu 
jahrswünsche in Berlin, die unser nachweisbar erster Leih 
bibliothekar in solcher Reichhaltigkeit offerirte, weiter nachzuforschen! 
Einige Kabinetsordrcs und Verordnungen für Serlin 
aus der zweiten Hälfte des vorigen 
Jahrhunderts. 
Mitgetheilt und besprochen von f. ffl. 
I. 
Anordnung gegen das Kornöknmenpflücken. 
Nicht immer hat unsere heutige „Kaiserblume" einen so un 
gehinderten Eingang in Berlin gefunden, wie dies in unserer Zeit 
der Fall ist. Freilich scheint man früher beim Abpflücken derselben 
rücksichtsloser zu Werke gegangen zu sein, so daß die Behörde zum 
Erlaß der nachfolgenden Verordnung sich genöthigt sah:
        
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