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Periodical volume 28. Februar 1885, Nr. 22

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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ehrlicher Ehristenmensch wär; aber ein Jude, der noch dazu 
von Ketten und Karre schwatzt!" 
„Habt Ihr nie dummes Zeug geträumt, und wenn Ihr 
aufgewacht seid, ist Alles nicht wahr gewesen?" fragt Jrie 
und scheucht die Männer aus dem Hause, daß sie mit dem 
Kranken allein sei. 
Sie fürcf'tct sein Erwachen; sie meint gleich beim ersten 
Blicke die Züge erkannt zu haben, obgleich sie sie nur selten 
und flüchtig gesehen hat; doch sie kann irren; seitdem sind 
drei Jahre fast vergangen und viele neue Gesichter sind ihr 
auf ihrer Wanderschaft begegnet. Wie sie mit der kleinen 
Lampe ihm ins Gesicht leuchtet, steht ihr Knabe, der von dem 
Klopfen erwacht ist, neben ihr: „Der Breslauer Ohm, Mutter! 
der Vetter Kuh, der beim Ohm Ephraim war! Gewiß, ich 
kenn' ihn wieder!" 
„Er ist's, Benjamin; aber es braucht Niemand d'rum zu 
wissen!" — Vergeblich scheucht sie den Knaben zur Ruhe; 
er beharrt darauf, während der Nacht neben der Mutter zu 
wachen. 
Wilde, wirre Worte sind es, die auch der Knabe nun 
hören muß; doch dazwischen auch lichte schöne Bilder, die der 
Fremde zu sehen meint, auch als er längst erwacht ist. 
Mit banger Furcht erkennt Jrie, daß nicht Fieberhitze 
allein ihm die Sinne verwirrte, daß auch der Geist umnachtet 
scheint. 
Diesen zu heilen reicht ihre Kunst nicht; doch thut ihre 
ruhige Weise und ihr fteundlicher Zuspruch sichtlich dem 
Kranken wohl. 
In einem besonders lichten Augenblick erkundet sie von 
ihm, weshalb er Berlin und das Ephraim'sche Haus verlasien 
hat; in einem anderen dann, wie er durch den erfahrenen 
Undank verstimmt, mit seinem Vermögensreste Italien, Deutsch 
land und Holland durchreiste und überall in drei schweren 
Koffern seine Bibliothek mit sich schleppte, die ihm, dem un 
praktischen Manne, endlose Plackereien bereitete. In Sachsen 
hat ihm der jüdische Leibzoll fast seine ganze Baarschaft ge 
kostet; in mancher Stadt hat man ihm — oft nur einen 
Knaben oder ein altes Weib als Geleitsperson gegeben, die 
ihn von einem Thore zum andern zu eskortiren hatten und 
die er aus eigenem Säckel dafür bezahlen mußte. 
In Gotha gar hat er mit vielen hundert Thalern sich 
„freikaufen" müflen, obgleich er doch keine Waaren, sondern 
nur den ältesten Glauben der Welt und des heiligen Volker 
mit sich geführt. 
Und mit lebhaftem Stimmwechsel deklamirt er: 
„Am kleinsten Thor mußt du drei Thaler Zoll erlegen." 
Jude: 
„Drei Thaler? So viel Geld? Mein Herr, weswegen?" 
Zöllner: 
„Das fragst du noch? Weil du ein Jude bist? 
Wärst du ein Türk', ein Heid', ein Atheist, 
So würden wir nicht einen Deut begehren; 
AIS einen Juden muffen wir dich scheren." 
Jude: 
„Hier ist das Geld! — Lehrt dies Euch Euer Christ?" 
Jrie stimmt es traurig, daß ihr Knabe von all solchen Diffe 
renzen erfahren soll; sie hat, ihn in ihrem friedlichen Stillleben, 
davon fern halten können, und was er in Berlin und auf 
ihren Wanderungen zu Lebzeiten des Vaters davon erfahren. 
glaubt sie in seinen Erinnerungen verwischt; sie hat sorglich 
gehütet, sie zu wecken, und weniger durch Worte, als durch 
ihr Wirken ihn gelehrt, im Menschen nur den Menschen zu 
lieben. Erschreckt zuckt sie zusammen, als der Knabe den 
Kops an ihre Schulter schmiegt und flüsternd fragt: „Aber, 
Mutter, wenn man den Onkel so arg quält, weil er ein Jude 
ist, warum wird er nicht Christ?" 
„Du siehst, daß man uns um unseres Glaubens willen 
hier nichts Leides thut," zieht sie ihn an der Hand auf den Vor 
platz vor der Kammer hinaus „wenn wir Anderen Freundliches 
thun, thun sie uns nichts Leides. Sie lasten uns glauben 
und unserem Gotte dienen, wie uns recht scheint; nur müssen 
wir daneben auch thun, wie's Anderen frommt!" Dann sendet 
sie den Knaben mit einem Auftrage fort; sie will mit Kuh 
: allein sein. 
Allein nun mit dem Verwandten, — und es berührt sic 
eigenartig, zum ersten Male nach so langer Zeit einen Bluts 
verwandten sich nahe zu wiffen und ihm Liebe und Freund 
lichkeit erzeigen zu können, — lockt sie durch schonende Fragen 
aus ihm heraus, was sie aus seinen Andeutungen schon er 
rathen und gefürchtet hat: 
In einer großen Stadt wegen falschen Paffes verhaftet, 
ist er in's Gefängniß geworfen und wegen seines Ungestüms 
in Ketten gelegt, neben größerer Geldstrafe dann in die 
Untersuchungskosten und ein Jahr lang die Karre zu zieheit 
verurtheilt worden; durch Bestechungen aber befreit und frei- 
gesprochen, mit einem Zwangspaß nach Breslau, seinem Hei- 
j mathorte, gewiesen, hier ins Städtchen gekommen. Hier be 
halten kann sie ihn nicht, so gerne sie neben dem müden Körper 
auch den Geist erst zur Ruhe kommen ließe. 
Keine Stadtbehörde würde ihm ein längeres Verweilen 
gestatten. 
Von Allen, die neugierig in ihr Haus kommen, nach 
dem unholden Gaste zu forschen, kann sie ihn nicht abschließen; 
und selbst wenn sie es könnte, unter dem Vorgeben, daß er, 
als Fieberkranker, ungestörter Ruhe bedürfe, seine wirren Worte 
und seine verttauliche Anrede würden sie verrathen. 
Schon einmal hat sie, einer Kranken zur Schonung, als 
Schwester Marie ihren Namen und Glauben verleugnet; nur 
endloses Leid ist ihr daraus entsprossen! Mögen die Um 
wohnenden besser erfahren, daß sie desselben Glaubens ist als 
der geschmähte Mann, dem sie am liebsten den Durchzug durch 
ihre Stadt gewehrt; — sie selbst will es ihnen sagen! Hat 
sie durch ihr treues Mühen nicht verdient, daß dies freund- 
liche Asyl ihr bleibe, nun so setzt sie ihren Wanderstab weiter; 
aber schwer, unsäglich schwer wird es ihr werden! 
Der Magister ist der Erste, der am Morgen komint, ihr 
seine Hülfe für den Kranken anzubieten; er soll auch-der Erste 
sein, zu dem sie sich offen ausspricht. 
Im ernsten Schweigen hört er ihr zu; dann, als sie 
schwer athmend geendet, legt er ihr milde die Hand auf's 
Haupt. 
„Ich hab's geahnt, Weiberle! Laß dich's nicht grämen! 
Wären alle deines Volkes wie du, es wär' ihnen Keiner 
gram!" 
„Bist schon wie ein Fmchtbaum, den Einer mitten im 
Nadelwald find't und sich fragt, wie er daher gekommen? 's 
kann nur ein Vöglein den Keim dazu im Schnabel her 
getragen haben und der 's ihn hat verlieren lassen, weiß
        
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