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Volume 28. Februar 1885, Nr. 22

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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sterbenden Juden im Hause dulden, als könne es verunreinigt 
werden, weil eine ungetaufte Menschenseele die gebrechliche 
Hülle verläßt und sich — ihren Lohn oder ihre Strafe zu 
empfangen — zum ewigen Vater aufwärts schwingt. 
„Den Ring! Gieb mir den Ring, Beitel, daß ich ihr 
aufstecke den Ring!" hat er unablässig in seinen letzten 
Phantasien gerufen. Und wieder: „Du bist Schuld, Beitel! 
Ich hätt's nicht soll'n thun! — Du hast gehabt den großen 
Kowed und der Daniel hat können betteln gehn an den Thüren 
der Amaleks! 
Lo Sinow! lo Sinow! — Du sollst nicht ehebrechen! 
Nein! — sie hat's nicht gethan, Beitel! — Soll Samael 
lähmen deine Zung' und der Teufel Schaftri dein Gebein, 
daß du bist geworden zum Schakrem, nur wegen der großen 
Khinne, die du hast gehabt an dem Gojim!" und ächzend 
sinkt er Lurück, um dann nach Jrie's Hand zu greisen: 
„Mastol Tos! Sprich Maffol Tos, Jrie!" und seine erkaltende 
Hand in der ihrigen, steht sie neben dem Lager und weiß 
nicht, wo sie den Todten zur Ruhe bestatten mag. 
Ein jüdischer Friedhof ist nicht im Orte. Hart an der 
Kirchhofmauer soll sie endlich ihm die Gruft schaufeln lasten- 
Sie sinnt, wie sie es anfange, daß nicht, wie sie cs oft erlebt, 
der Spott und die Neugier einer rohen Menge sie bei dem 
letzten Liebesdienst umdränge. Am frühen Morgen, wenn Alle 
im Städtchen noch im Schlafe liegen, früh eh' die Sonne 
aufgeht, will sie den Gatten bestatten. 
So steht sie allein mit ihrem Knaben neben den Ar 
beitern, die sie nur durch hohen Lohn dafür gewonnen und 
sieht ihnen zu, wie sie Schaufel um Schaufel die hartgefrorene 
Erde herauswerfen. 
Von den dürren Zweiglein, die ihrem Knaben Ben 
Abraham heimlich ins Wamms geschoben, hat sie die bester- 
haltcnen ausgelesen und — kahl sind Flur und Wald, ein 
frisches Zwciglein nirgend zu finden, — um sie zusammen 
zuhalten, statt des fremden, den eigenen Goldreif hinausgeschoben, 
denselben, mit dem ihr Gatte unter der Chuppe sie sich an 
getraut hat. 
Als die Arbeiter die Schaufeln bei Seite werfen, um den 
roh gefügten Sarg hinabzulasten, legt sie unbemerkt ihr 
Sträußlein darauf. Wie jener, der nun dort unten ruht, 
werden auch die Zwciglein verwesen nnd zu Erde werden: und 
wenn auch nicht Erde vom heiligen Land, sind sie doch hei 
mathliche Erde und ein Zeichen der Eintracht, hat ihres 
Priesters Wort sic geweiht. Der Ring aber in seinem lau 
teren Gold wird rinverändert bleiben, ein Zeichen ihrer Treue! 
„Run sprich die Gebete, Benjamin, und vergiß nicht, sie 
in jedem Jahr am heutigen Tag zu sprechen," mahnt sie leise. 
„Du bist des Vaters einziger Sohn — nun mein einziger 
Trost auf Erden!" 
Die erkalteten Hände zrrsammenschlagend und den Schnee, 
der leise herabzurieseln beginnt, von den Füßen stampsend, 
gehen die Arbeiter davon, ohne daß sie wagen, Mutter rrnd 
Sohn in ihrer halblauten Andacht zu stören. 
Düster und dichter fallen die weißen Flocken, legen sich 
dichter und dichter um die Gestalten der Beiden, Mutter und 
Sohn, wie sie Hand in Hand sich langsam von der Stätte 
wenden und dem Städtchen zuwandern, in dem sie während 
des Vaters letzter Krankheit eine armselige Unterkunft gefunden 
haben, als sollten die weißen Flocken, die nun zugleich sie 
und den frischen Hügel decken, auch ferner noch ein Band 
schlingen zwischen ihnen und dem Todten, den sie einsam dort 
zurücklasten inüsten. 
Im Städtchen flackern hinter den trüben, blcigefaßten 
Scheiben die ersten Lichter auf, während am Himmel die letzten 
Sterne erblassen und kaum erkennbar im dunkelröthlichen 
Scheine die Wintersonne aufgeht. Ein halbe Stunde später 
und Alle werden zur Tagesarbeit rüsten. 
Ihres Bleibens kann in dem Orte nicht sei», der ihr 
keinen Erwerb und ihrem Knaben nicht die Möglichkeit der 
dürftigsten Schulbildung bietet. 
Schnell packt sie ihre geringe Habe zusammen, indem sie 
sinnt/ wohin sie, des Manderns müde, zu bleibender Unter 
kunft ihre Schritte lenke. Wohl hat sie an Breslau gedacht; 
doch fürchtet sie, dort leichter mit den Verwandten des 
Ephraim'schen Hauses und vielleicht mit Lessing zusammen 
zutreffen; und sie will, wo sie immer wohne, von Allen un- 
gekannt sein. — — 
Und wunderlich! — Was ihr so mannigfache Schwierig- 
keiteir bereitet, so oft sie in Begleitung ihres Mannes an ein 
Stadtthor kam, an ihrer freundlich zurückhaltenden 3? 
scheint kein Thorwart Anstoß zu nehmen, wohl kaum die 
Jüdin in ihr zu vermuthen. Jrie's Haar, vor der Zeit leicht 
ergraut, läßt wohl die tiesdunkle Färbung noch erkennen, doch 
wie ihr leicht gebräunter Teint, läßt auch ihre freie stolze Hal 
tung — und ihr Knabe hat nicht vom Vater, von der Mutter 
Gestalt und Züge geerbt — nur auf die Südländerin schließen. 
Im Kriege kommen die verschiedenartigsten Truppen ins Land; 
nicht nur vom gemeinen Soldaten, auch von den Offiz .u 
blieb manche Frau als Wittwe zurück, der allsogleich in ihre 
Heimath heimzukehren Neigung oder Mittel fehlten. Jrie's 
Dcut'ch ist auffallend rein, auch in den üblichsten t>er fremden 
Sprachen weiß sie sich zu verständigen. Sie vermeidet klug, 
durch Fragen oder Bitten die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, 
und so läßt man sie unbelästigt ihre Straße ziehen. So ist 
sie gewandert von Ort zu Ort — ihrem Knaben macht das 
Wandern Freude — vielleicht steckt etwas von dem Wander 
triebe seines Volkes in ihm — bis ihr in einem kleinen 
schlesischen Städtchen von einer Frau, der sic in schwerer 
Stunde am Krankenbette mit Rath und That hat beispringcn 
mögen — die Bitte wird, doch fürs Erste im Orte zu bleiben. 
„Ein Doktor ist schwer zu haben" — überlegen auch die 
Nachbarfrauen „vielleicht war ihr Mann ein D'rinstudirter lind 
sie hat's von ihm gelernt; etwas Apartes hat sic an sich!" 
Die Einwendungen des gestrengen Oltsvorstandes sind 
bald überwunden; wo sich die Frauen zusammenthun, geben 
alsbald die Männer nach und als die Fremde, das „Dvktor- 
weiberle", wie man sie heißt, dem Schulzen des nächsten 
Dorfes, der in der Stadt das Bein gebrochen, dies kunst 
gerecht zu heilen weiß, dringt ihr Ruf schnell über die Grenzen 
des Städtchens Hinalls; und wer einen Schaden hat, koniint 
zum „Doktorweibele" und trägt ihr an Lebensmitteln, selbst 
leinenen und wollenen Geweben ins Haus, mehr fast, als sie 
für sich und ihren Knaben verbrauchen kann. 
Ihrem Benjamin gefällt cs im Orte, wo er frei und 
gleichberechtigt mit den andern Buben sich tummeln mag, wo 
Keiner ihn von .ihren Spielen zurücktreten heißt und ihin 
höhnend „Jiddi! Jiddi, Jid, ein Jude!" nachruft, wie ihm 
oft geschah, wenn er an des Vaters oder Ben Abraham's
	        
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