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Periodical volume 21. Februar 1885, Nr. 21

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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»Ihr seid gerettet, gnäd'ger Herr!" erwiderte der Offizier. , Ein Plan mußte nun also gefaßt werden! Ich selber mußte 
„Wir fahren auf der freien Sec!" — mich i» Betreff meiner Zukunft entscheiden; ich mußte ferner 
„Und meine Kinder?" ries ich in einer furchtbaren Angst, auch mit du Thou zu Rathe gehen, was mit ihm und was mit 
welche durch wirre und dunkle Erinnerungen erzeugt tvurdc. der Mannschaft, den Malaien und Venetianer», werden sollte. 
„Sie sind gerettet, — sie sind bei Gott!" sprach der Getreue Es war ein Glück für mich, daß ich einen so verständigen, 
dumpf. „Sammt unserm lieben Pore Eticnnc!" j so treffliche» Freund wie meinen getreuen Herrn du Thou besaß. 
Da schwanden mir wiederum die Sinne. Die tödtliche Krank 
heit eines furchtbaren Wundfiebers kehrte zurück. Allein sic brach 
mich auch jetzt noch nicht; — ich sollte noch mehr dulden und 
erleiden! Wofür? — Für Treue, Ehrgefühl, für Ehrgeiz und für 
hohes Streben! — 
Als ich dann endlich wieder zu mir kam, konnte ich auch die 
volle Wahrheit erfahren. 
Mein Reich war verloren, meine Lieben waren dahin! Nicht 
sechs Monate lang hatte der Traum von Glück und Zukunft ge 
dauert, den ich geträumt hatte. Auch Philipp war erschlagen. 
Wer den Schlag gegen Fort Dauphin geführt hatte, konnte 
mir jetzt, da ich meine Erinnerungen sammeln und mich mit dem 
getreuen Herrn du Thou besprechen konnte, nicht mehr zweifelhaft 
sein. Die Schuld des Grafen Linangc hatte die heißblütige Griechin 
zu unsern Feinden getrieben; — sie hatte den Corsarcn den Plan 
der Festung verrathen und jenen Ueberfall geleitet, der uns ver 
nichtete am — Abende und in der Nacht des Fandroano, — 
dieses Festes eines neuen Jahres! — 
Verloren also Alles, — Alles, was ich besaß, um noch in 
dieser Welt zu leben! Die Frucht so vieler Mühen! Und meine 
holden Kinder! Mein schön' aufblühend Reich und jede Hoffnung! 
Es lvar entsetzlich! — der Schlag war mit teuflischer Genauigkeit 
gegen uns geplant und auf's Vorsichtigte in's Werk gesetzt worden. 
Nicht an wilde Völkerstämme, nein, an die europäischen Seeräuber hatte 
die rachsüchtige Griechin, welche nichts von der Abreise des tödtlich 
gehaßten Linange erfahren hatte, sich gewendet; — ihnen hatte 
sic berichtet, daß wir das Gold vom Ambohimanga gefunden hätten! 
Man kann sich vorstellen, wie lohnend nun ein Ueberfall des Forts 
erschien! Du Thou erzählte mir, daß unmittelbar, nachdem ich 
niedergestürzt war, auch ein Angriff von der Seeseite erfolgt war. 
Mit Mühe hatte er sich auf die „Allecto" gerettet, weil dieses 
Schiff mit Waffen und Proviant noch wohl versehen war. Mich 
hatte man mitgeschleppt, — die Leichen meiner Söhne aber waren 
auf dem Fort Dauphin geblieben. Von Allen, die so freudig 
mitgearbeitet hatten, das Kaiserthum von Madagaskar zu be 
gründen, hatten nur etwa 15 Europäer und 10 Malaien sich ge 
rettet! Wir bildeten nunmehr allein das Schiffsvolk der „Allecto" 
und mein erträumtes Reich bestand aus dieses Schiffes Planken! — 
Rur Gold noch hatte ich gerettet! Als ich mich endlich 
erheben und des blutüberströmten Hemdes entledigen konnte, sühlte 
ich an der Schwere meines Gurtes, daß ich einen sehr bedeutenden 
Theil meines Goldes in demselben bei mir hatte. Allein diese 
Entdeckung erschien mir damals werthlos, wie wichtig sie auch 
immer war. — 
In dumpfem Brüten verbrachte ich die Tage dieser Seefahrt, 
auch nachdem die schwere Wunde am Haupte verheilt war. Wieder, 
wie einst, da ich, dem Lande der Hoffnung zueilend, die Wellen 
>-cs Meeres mit der schaumumsprühten Allecto durchschnitten hatte, 
ihren wir unter dem neutralen Banner von St. Marco. Wir 
ielten uns aus der Höhe der See und legten nur auf Portu- 
iesischem Besitze an: aus St. Thomas, auf St. Vincent und aus 
Madeira. Ich kann wohl sagen, daß mich damals meine Zukunft 
ivenig kümmerte. Ich dachte kaum noch an den folgenden Tag. 
Indeß, wir kamen nach leichter und glücklicher Fahrt dem 
Orte wieder näher, welcher uns einst das donnernde Lebewohl aus 
seinen Feuerschlünden entgegengerufen hatte, als wir das europäische 
Meer verließen: wir näherten uns Ceuta und den Säulen des 
Heroen Herkules. 
Wir beriethen uns oft, bis um die Mittcrnachtsstunde, wenn das 
Schiff langsam durch die stcrncnbeglänztc See zog, und wir fanden 
endlich das Richtige. 
Unsere Schiffspapicre waren erhalten; wir konnten uns daher 
über den Erwerb der „Allecto" ausweisen. Aber das Schiff nutzte 
uns nichts mehr; — ich mußte in Ceuta daffelbe zu verkaufen 
suchen. Und das war ja wohl möglich; — es fand sich wohl auch 
ein hispanischer Freund zu meinem schöne», schnellen Schiffe! Die 
Leute hatten die ihnen zugefallenen Goldantheile meist gerettet; — 
sie waren daher kcincsweges hiilflos, auch wenn ich sie entließ. 
Jedenfalls konnten sie mit reichem Lohne nach ihrem Vaterland 
Italien zurückkehren. Und die getreuen Malaien, — was konnt' 
ich ihnen bieten? O, zum Glücke auch noch etwas Gold, und in 
Ceuta oder Tanger konnt' es ihnen nicht mißlingen, einen Schiffs- 
dienst zu erlangen. — 
So blieben wir denn beide einzig und allein, — du Thou 
und ich! — In wehmüthigem Tone befragte mich mein Ossizier, 
wie ich meine zerstörte Zukunft wieder aufzurichten gedächte. Ich 
sagte ihm, daß ich »och sehr beträchtliche Forderungen an das 
Haus Oesterreich hätte, und daß ich versiichen wollte, dieselben in 
Wien zu rcalisiren. 
„Und Madagaskar geben Sie auf?" fragte er mich schmerz 
lich. — 
„Nie, du Thou!" erwiderte ich. „Vielleicht gelingt es mir 
noch einmal, wieder aufzukommen! Sie wissen, welche Schätze diese 
Insel birgt! Sie muß noch unser werden!" 
„Dann, Monseigneur, bin ich wohl wiederum der Ihre, sobald 
eine günstig Schicksal mich nur hören läßt von Ihnen! — Wir 
wissen, welche Fehler wir dies erste Mal begangen haben! Nur 
Einer darf das Haupt sein solches Zuges, und einen Linange 
können wir nicht gebrauche»! Und gegen diese Wilden, — nun, 
etwas mehr an Mannschaft und ein wenig Härte weniger! Gegen 
die Freibeuter aber Krieg bis aus das Messer! Und Europäerinen, 
— schöne Griechenmädchen selbst, — nehmen wir nicht mehr mit! 
Es giebt der Schönheiten genug in Madagaskar!" 
Es lag etwas wie tiefe Bitterkeit in den Worten du Thou's, 
— etwas, was mich befremdete! Er erkannte das auch wohl, denn 
er trat an mich heran, erfaßte meine Hand und sprach: 
„Gnädiger Herr, — ich wollte Sic wahrhaftig nicht verletzen! 
Gebieten Sie, und gern will ich Ihnen folgen und gehorchen, als 
trüge ihre Stirn noch jenes gold'ne Diadem mit spitz'gem Kroko- 
dilenzahne!" 
Ich dankte ihm mit tiefer Bewegung. Dann aber sprach ich: 
„Nur Ihre Zukunft war's, du Thou, die mich betrübte! Wo 
auf der Welt verbleiben Sie?" 
„Ich habe noch Verwandte in den Niederlanden!" versetzte er 
mir. „Sie gönnen einem alten Krieger wohl den Ruheplatz am 
warmen Heerde, bis das Hifthorn wieder ruft! Und, — denken 
Sie an mich, mein theurer Herr! Ich bleibe ihnen treu ver 
bunden; denn Sie trag en keine Schuld! Wir wären glücklich 
heut, wenn Gras Linange uns fern geblieben wäre!" — 
Solche Unterredungen mit Herrn du Thou waren mir freilich 
sehr schmerzlich; indeffen, — ich mußte seinem Verständnisse und 
seinen Urtheilen stets beistimmen. Er hatte bezüglich der Maß 
regeln, welche wir zu ergreifen hatten, auch jetzt sicherlich das Rechte 
herausgefunden. — 
Und so landeten wir denn traurig in Ceuta. Man erkannte 
uns nicht wieder; ich galt für einen schlichten venetianischen Galeeren-
        
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