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Periodical volume 21. Februar 1885, Nr. 21

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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Weithin erschallt es wie Kanonendonner und wie Schüsse der Be 
grüßung, wenn diesem Berg ein neuer Gast sich naht, der von 
der Erde Arbeit müd' geworden ist!" — 
Meine Knaben hingen an den Lippen des Erzählers. Doch 
wie? — Erklang nicht eben auch ein Kanonenschuß? Wir alle 
fuhren auf. „Der Ambondrombe ruft!" sprach jener alte Mala 
gasie leise. — „Es ist wohl irgendwo ein Felsenblock zu Thal ge 
stürzt!" ries ich, um die erschreckten Knaben zu beruhigen. Allein 
der Malagaffe gab sich nicht. „Wie," sprach er, „wenn der Ambon 
drombe dennoch riefe?" — 
Ich mochte ihm nicht antworten; und eine liebliche Scene, 
welche sich vor uns entfaltete, überhob mich auch jeder Erwiderung. 
Es war der vorletzte Abend des Fandroano-Festes; Dunkelheit 
deckte jetzt zwar die Landschaft, aber innerhalb des Rahmens der 
selben erschienen unzählige kleine Feuer, Harendrina genannt. 
Man bringt dieselben auf folgende Weise hervor: 
Kleine Bündel getrockneten Grases werden an lange Bambus 
stäbe angebunden, angezündet und dann unter allgemeinem Jubel 
von den Kindern der Malagasien umhergetragen und in der Luft 
geschwenkt. Wir überblickten von diesem hohen Standpunkte aus 
einen großen Theil des umgebenden Landes und genosien einen 
entzückenden Anblick. Denn überall, wo Dörfer oder Häuser standen, 
zeigten sich, das Dunkel unterbrechend, diese tanzenden Lichter; — 
dabei erscholl von fern und nah der Nachhall jubelnder Stimmen, 
durch die ruhige, tiefblaue Nacht deutlich zu uns hinüberklingend. 
Die anziehende Schönheit des sich uns darbietenden Schau 
spieles ließ mich selbst jenes muthmaßlichen Kanonenschusses ver 
gessen, der wie ein fernes Warnungszeichen erklungen war. Ich 
trank dem Herrn du Thou den Becher zu auf unserer ferneren Arbeit 
Glück und Segen. 
Spät erst begaben wir uns zur Ruhe. Allein ich selbst ver 
mochte keinen Schlaf zu finden. Jetzt dämmerte der junge Tag. — 
Noch einmal wollte ich versuchen, was ich schon mehrere Male 
vergeblich unternommen hatte: einige Augenblicke Ruhe für den 
abgespannten Körper zu finden. Fast schien es mir jetzt zu ge 
lingen. 
Da vernahm ich plötzlich eine heftige Detonation. Ja, das 
mußte ein Schuß sein! Und jetzt wiederum, ein solcher, — jetzt 
ein wahres Pelotonfeuer an der dem Lande zugekehrten Seite der 
Ansiedelung, — jetzt wirres Rufen und ein Allarmschuß der „Allekto," 
welche nur allein im Hafen lag. Die beiden anderen Schiffe waren 
nach der Insel St. Marie gefahren. 
In höchster Bestürzung waffnete ich mich und eilte hinab. 
Allmächtiger Gott, was war geschehen? Du Thou stand mitten 
auf dem freien Platze vor meinem Hause neben dem Thurme von 
Fort Dauphin und läutete wie rasend die hier auf einem besonderen 
Gerüste angebrachte Sturmglocke. Unsere Leute eilten erschreckt 
zusammen. Eine unbeschreibliche Verwirrung aber War's, durch 
Welche das Schießen vom Plankenzaune her wild hindurchtönte. 
Ich aber verlor keinen Augenblick die Geistesgegenwart. „Was 
ist geschehen, du Thou?" rief ich. 
„Wir sind nun doch überfallen worden; — sehen Sie nur, 
Herr!" sprach er, das Tau der Glocke loslasiend und mit der Rechten 
nach der Landseite unserer Ansiedelung zeigend. 
Dort wirbelten bereits die Flammen auf; — allein ich konnte 
noch nicht unterscheiden, was sie nährte. War es der Holzzaun? 
Waren es die Vorrathshäuser? — Ich befahl du Thou, die 
Kanonen auf dem Thurme des Forts wohl in Acht zu nehmen 
und sie nöthigcnialls zu gebrauchen. Dann stürinte ich mit einiger 
Mannschaft vor. Meine beiden lieben Knaben hielten sich dicht 
neben mir. 
Ich konnte nur langsam vorwärts. Meine eigenen zurückge 
drängten Leute wurden mir entgegengeworfen. „Was giebt's, um 
Gottes Willen?" rief ich. 
„Alle Teufel sind los!" erwiderte mir ein italienischer Soldat. 
; „Doch sehet selber, Herr!" 
Unsere Magazine standen in hellen Flammen. Grell leuchteten 
dieselben in's Land, das aussteigende Tageslicht säst verdrängend. 
Um die Flammen aber, welche unsere mühsam gesammelten Vor- 
räthe gierig verzehrten, sprangen in wildem Jubel Malagasien, 
Neger und Seeräuber herum. Mitten unter der Schaar der Wilden 
aber bemerkte ich ein weibliches Wesen. Dasselbe war in das 
burnusartige Hemd der Malagasien gekleidet, — lange, blauschwarze 
Locken fielen über den Nacken hinab, und in den Händen trug das 
Mädchen den hier zu Lande gebräuchlichen Speer und die Brand- 
'fackel. Täuschte mich die fieberhafte Erregung des Augenblicks? 
Nein, — es war die Griechin Eustochion, welche ich als eine Furie 
vor mir sah! — 
Und jetzt bemerkte sie auch mich! Ich drückte die Pistole auf 
sie ab; aber ich fehlte sie. Die Rasende drang auf mich ein. 
„Wo ist der Graf Linange, der Verräther?" rief sie mir zu, 
die Lanze schüttelnd, so daß ich fast zu glauben geneigt war, das 
edelschöne Bild einer Pallas Athene in grauenhafter Verzerrung 
vor mir zu sehen. 
„In Sicherheit, wahnsinnige Verrätherin!" rief ich ihr zu, 
mit meinem Schwerte den Stoß der malagassischen Lanze abwehrend 
und sie zurückdrängend. 
Es war eine furchtbare Wuth, die sich jetzt in ihren bleichen 
Zügen malte. „Also doch entkommen!" schrie sie, die Lanze nach 
mir schleudernd. Mit genauer Noth vermied ich das Geschoß. In 
demselben Augenblicke aber stieß die Griechin einen gellenden Klage 
ruf aus. Eine unserer Kugeln hatte sie mitten in die Stirn ge 
troffen, zu Tode getroffen! Einer ihrer leuchtenden Arme war 
einen Moment in der Luft sichtbar, als wollte sie nach der ge 
troffenen Stelle fasien; dann sank sie leblos und lautlos zurück. 
Ich hatte nicht Zeit, auf sie zu achten. Denn in demselben 
Augenblicke erfolgte eine furchtbare Detonation. Der Felscnbodcn 
des Forts erzitterte. Ich blickte nach dem „Thurme des Dauphin." 
Eine Luftschicht, gemischt aus Feuer und Finsterniß, lag über ihm. 
Die dort befindliche Pulverkammer mußte in Brand gerathen sein. 
Ich war verzweifelt! Ja, jetzt waren wir Alle rettungslos verloren, 
wenn es uns nicht gelang, die Angreifenden sofort zurückzuwerfen. 
Allein, sie drangen unaufhaltsam vor; — sie hatten ja bei weitem 
auch die Ueberzahl, und Seeräuber, — sie waren, wie sich denken 
läßt, im Kampfe wohlgeübte Männer! 
Dennoch gab ich unsere Sache noch nicht verloren. „Her zu 
mir Alle!" rief ich. „Vorwärts! Nehmt meine beiden Knaben in 
die Mitte!" Allein sie wichen nicht von meiner Seite. 
Furchtbare Nacht! Ich selber schien unverwundbar zu sein, — 
„fest und gefroren," so sehr ich mich auch aussetzte! — Ich mußte 
es ansehen, wie ein Negerspeer sich in die Brust meines Philipp 
Ludwig bohrte, ehe noch mein Befehl erfüllt werden konnte. Der 
schöne Knabe verschied ohne einen Laut der Wehklage. Mit furcht 
barer Wildheit drangen nunmehr meine Leute, drangen mein 
Philipp und ich selber vor. Da erhielt auch ich einen Hieb über das 
ungeschützte Haupt, welcher mich der Besinnung beraubte. 
Ich weiß es nicht, wie lange ich in dieser Apathie gelegen 
habe; ich weiß nur, daß ich erst wieder zu mir kam, als Alles, 
Alles lange schon verloren war. 
Denn von einer schaukelnden Bewegung erwachte ich; — ich 
glaubte das Plätschern der See zu vernehmen, die gegen Schiffs 
planken schlug. — Ich öffnete mühsam die Augen; — Stirn und 
Haupt schmerzten furchtbar. Ich sah einen trüben Lichtschein über 
mir. Mein Gott, war ich denn noch unter den Lebenden? — 
Doch ja, da saß ja auch, kummervoll in sich zusammengefallen, 
der Herr du Thou. 
„Wo sind wir? Gott, was ist geschehen?" — schrie ich gellend 
in dem Paroxysmus des Fiebers auf.
        
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