Path:
Periodical volume 21. Februar 1885, Nr. 21

Full text: Der Bär Issue 11.1885

326 
Jrie und seine Frau, die sich mit ihm freuten, als er sie 
erhielt, sind fern; kaum weiß er von dieser ob, von jener 
wie sie lebt. Graf Tottleben, der sich ihm als ein so mild 
denkender Gönner erwies, ist in Rußland zur Verantwortung 
gezogen. Weshalb? — Ist allgemeine Menschenliebe nur ein 
Vorrecht der Gebietenden? Kann ein selbstlos denkender 
Menschenfreund nicht zugleich ein treuer Diener seines Fürsten 
sein? Muß durchaus irgend welche Selbstsucht, sei es auch nur 
ein Hinausstreben über die ihm gesteckten Grenzen, ihn zu 
seinem Thun beeinfluffen? 
Wird, wie Tottleben, auch ihm seine menschenfreundliche 
Gesinnung die Gunst seines Fürsten kosten, ihm zum Verderben 
werden? 
Hat jener als Feind im feindlichen Lande durch seine 
Humanität gefehlt, worin denn er, als Landeskind, im eigenen 
Vaterlande? 
Es kann nicht anders sein, — man hat ihn bei seinem 
Könige verleumdet. 
Wer es gethan, zu welchein Zwecke, das ändert für ihn 
an der Sache nichts. 
Sein Vermögen, sein Heim, Alles kann er hingeben, die 
Gnade seines Königs nicht! 
So viel er verloren, sein Kredit als rechtschaffener Kauf 
mann bleibt ihm; er wird ihm helfen, auch jetzt seinen Ver 
pflichtungen gerecht zu werden und seinem Könige zu beweisen, 
das er bis zum letzten Athemzuge der selbstlose Bürger, der 
„Marchand patriote“ ist, wie ihn sein König schon als Kron 
prinz genannt hat. 
Er hat zu Viele sich verpflichtet: sie Alle, auch die Re 
dakteure der öffentlichen Blätter werden zu ihm stehen, wenn 
bei Besprechung der konfiscirten Gelder ihm häßliche Gewinn 
sucht zugeschrieben, sein Verhältniß zu seinem Könige, die 
finanzielle Lage seines Hauses absichtlich in gehässigem Licht 
dargestellt werden sollte. 
Er greift zu seinen Büchern- Binnen wenigen Monden 
ist von der Stadt Leipzig eine neue Kontribution an den 
Preußenkönig zu zahlen; seine Anwesenheit dabei ist noth 
wendig; bis dahin muß seine eigene Schuld an den König 
geordnet sein. Er will zu Gelde machen, was er immer 
kann, sich der kostbaren Gemälde, die er ursprünglich für den 
König angekauft hat und die zum kleinsten Theil ihm erst 
vergütet, zuin größeren Theil somit sein Eigenthum verblieben 
sind, seiner entbehrlichen Waaren und Werthsachen sich ent 
äußern, ja, wenn es sein muß, die mit so vielen Opfern be 
gründete Porzellanfabrik dem Könige zum Verkauf anbieten, um 
nur, frei von allen Verbindlichkeiten für Leipzig, vor ihn hin 
treten und ein freier Mann, wie sonst, in freier, offener Rede 
sich rechtfertigen und mit der Herausgabe der konfiscirten Gelder 
das einstige Wohlwollen seines Königs wiederzugewinnen. 
Aus seinem Hauptbuch« zieht er Zahlen auf Zahlen; 
summirt sie und zieht einzelne Posten wieder von einander 
ab; — ja, wenn Alles sich ordnet, wie er hofft, kann er, 
ohne durch weitere größere Anlehen seinen Kredit zu schädigen, 
noch einmal seinen Verpflichtungen gerecht werden. Seine 
außenstehenden Forderungen allein schon decken seine Schuld, 
nrir hält es schwer, sie eben jetzt einzutreiben und ohne große 
Verluste die Werthe zu realisiren. 
Zwei Fremde, die ihn zu sprechen begehren, ein Bote, 
der einen Brief bringt, lassen ihn das Hauptbuch schließen. 
Der Brief ist von dem juristischen Beistände seiner Frau, 
in ihrem Aufträge geschrieben. Vielleicht, daß sie von dem 
ihm drohenden Verluste gehört hat, vielleicht, daß sie unter 
dem Einfluffe der Karschin allzu sorglos mit den ihr bereits 
gezahlten Summen für alle Literaten offene Tafel hielt, sie 
beantragt in allem Ernste die Herausgabe ihres väterlichen 
Erbes. — Gewiß, ihr soll werden, was ihr gehört; aber 
welch' böser Einfluß hat die so schwachherzige Frau vermocht, 
gerade jetzt mit einer so ungemeffenen Forderung an ihn heran 
zutreten? 
Vermöchte sie seine Lage zu durchschauen, gewiß, sie hätte 
ihm gerade jetzt ihre Forderung nicht gestellt! 
Ist er denn zu solcher Zahlung überhaupt verpflichtet? 
Sie hat ihn freiwillig verlassen — ohne stichhaltigen 
Grund, mit dem sie, selbst wenn sie Protestantin wäre, ihre 
Scheidung vor den Gerichten begründen könnte. 
Seine Neigung zu Jrie — — nein, um aller Heiligen 
Willen, nur jetzt nicht an sie denken! — er muß sich den 
Kopf klar und frei erhalten zu dem Vielen, ivas es für ihn 
zu sorgen und zu denken giebt! Hat er gefehlt, so fehlte er, 
e h e er sich an Clara band, hat er Strafe verdient, sie ist ihm 
geworden! 
Ein Krösus dünkte er sich in seinem Kreise, in der Ach 
tung und Liebe seiner Mitmenschen; ein Krösus hat ihn bald 
neckend, bald bewundernd der Volksmund genannt; einen 
Krösus nannte ihn halb unwillig, halb verletzt sein König im 
vertraulichen Gespräch zum Marquis d'Argens; und am Hofe 
haben selbst die Diener leise Ohren, die Bezeichnung ist auch 
ihm von geschmeidigen Hofleuten zusammenhanglos hinterbracht. 
Sein Glück zu versuchen, hat auch er, was ihn das 
Kostbarste hätte dünken sollen, ins Meer geworfen; möge es 
dort nun ruhen, — im Meer der Vergessenheit — verloren 
für immer! 
Ein kurzer mündlicher Bescheid an den Boten; die An 
gelegenheit werde thunlichst schnell geordnet werden, und er 
giebt Befehl, den Fremden einzulasien. 
Ein russischer Kaufmann steht vor ihm, der von einem 
Berliner Geschäftsfreunde eingeführt, ihm den Vorschlag zu 
machen kommt, die vom Kriege überbliebenen russischen Maga- 
zine zu kaufen. Bei den preußenfreundlichen Gesinnungen des 
Czaren sei auf baldigen Friedensschluß und bei der Theurung 
und dem Getreidemangcl im Lande großer Vortheil von dem 
Kaufe zu erhoffen. 
Gewiß? — aber woher das Geld beschaffen? Ein 
Fingerzeig ist's, der ihm vielleicht zur rechten Stunde kommt; 
-und er entläßt den Mann mit dem Versprechen, die Angelegen 
heit eingehender zu prüfen. Könnte er nur jetzt schnell die 
nöthigen Summen beschaffen, vielleicht wäre ihm geholfen. 
Aufblickend sieht er einen weißbärtigen, in langen Kaftan 
gekleideten Fremden vor sich stehen, der die Hände über die 
Brust gekreuzt, sich tief vor ihm verneigt. Er kommt, wie 
er in gebrochenem Französisch sagt, in besonderer Vertrauens 
sache, und'er blickt nach den Thüren, sich zu versichern, daß 
beide verschlossen seien und Niemand sonst ihn höre. 
Gotzkowskh ist nicht in der Gemüthsstimmung, den 
Fremden mit schnellem unbefangenen Blick zu prüfen; vielleicht 
kommt derselbe, irgeildwie seine Hülfe zu erbitten; und von 
eigenen Sorgen befangen, winkt er ihm nur, sich kurz zu 
fasten.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.