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Periodical volume 21. Februar 1885, Nr. 21

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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angehalten und mit Beschlag belegt worden. In den 
Zeitungen steht der Grund zu lesen: die königlich preußischen 
Münz-Entrepreneurs haben einen erneuten verschärften Befehl 
erwirkt und ihn in allen Jntelligenzblättern und Zeitungen 
bekannt machen lassen, daß fremde Geldsorten, auch nur zum 
Transport, die preußischen Lande nicht passiren dürfen und 
Jedem, der sie anzeige oder aufgreife, die Hälfte des Werthes 
zufallen solle. 
„Schnell einen Kourier nach Minden abfertigen!" beauf 
tragt er den Buchhalter. „Das Geld gehört dem Könige; 
und königliche Gelder darf Niemand antasten." 
„Noch gehört es Ihnen, Herr Gotzkowsky," wagt der 
Buchhalter einzuwenden; „für wen es bestimmt ist, wird die 
Herren Ephraim und Jtzig nicht zur Rücknahme des Arrests 
beeinfluffen!" 
„In gleicher Münze und auf gleichein Wege von Ham 
burg gekommen, ist bereits ein Theil meiner für Leipzig 
übernommenen Schuld bezahlt," beharrt Gotzkowsky „ich habe 
die Quittung des königlich preußischen Felddirektoriums in 
Händen." 
Er nimmt den zweiten Brief, den der Buchhalter ihm 
reicht; es ist ein amtliches Schreiben mit dem Siegel des 
Felddirektoriums. 
Das Siegel zerknittert, so hastig reißt er das ungefüge 
Schreiben auseinander. Da steht es in deutlichen Worten; 
— nur vermeint er die Worte nicht recht ;u lesen, so flammen 
die Schristzeichen ihm durcheinander, — die ausgestellte 
Quittung soll nicht gelten; vom Generaldirektorium zu Berlin 
ist durch eine Staffetje der Befehl gekommen, die erhaltenen 
100 000 Thaler, als in verbotener Münze gezahlt, sofort zu 
rückgehen zu lasten und die in Gutsage für Leipzig fällige 
Kontributionsschuld ungesäumt vom Herrn Gotzkowsky in vor 
schriftsmäßiger Münze einzutreiben. 
Alle Vorsicht, selbst die vorhergehende Anfrage an den 
Direktor Fiedler und die Einsendung der Münzen zur Prü- 
fung ist vergeblich gewesen. Ephraim hat gesiegt und Kuh, 
— ihm ist plötzlich, als sähe er Jrie vor sich, hat zu seiner 
Vermuthung guten Grund gehabt! 
Freilich, ehe das königliche Verbot bei der Langsamkeit 
der Posten hat in Hambung bekannt werden können, ist die 
Geldsendung dort abgegangen; aber das Hamburger Postamt 
muß zuvor darüber verständigt gewesen sein und für eine 
Belohnung von 500 000 Thalern, — die Hälfte der auf 
gegriffenen Gelder, wie sie der preußische Münzmeister in allen 
Zeitungen zugesichert hat, — lohnt es schon, einen Kourier 
vom Hainburger an das Mindener Postamt zu senden. 
Ephraim hat nach allen Richtungen die Fäden schlau gesponnen, 
das lang umgarnte Opfer in seinem Netz ju fangen. 
„Das Beste dürste sein, die Leipziger Gelder nach Hain 
burg zurückgehen zu lassen und sie dort ä taut prix zu ne- 
gociiren," rafft Gotzkowsky sich auf. „Schreibeil Sie sofort 
und geben Sie die nöthigen Ordres! An das General-Post- 
aint und — an Se. Majestät werde ich selber schreiben; der 
König weiß, wie schwer es einem redlichen Kaufmann fällt, 
in den jetzigen Zeiten 50 000 Thaler zu erwerben; er wird 
solche Ungerechtigkeit und Hinterlist nicht dulden. Das Mindener 
Postamt muß die beschlagnahmten Gelder herausgeben." 
Während der Buchhalter davon eilt, bleibt Gotzkowsky 
sinnend stehen. Bis die Kouriere, die er zu bestellen be 
fohlen hat, reisefertig sind, wird er auch mit seinen Briefen 
fertig sein. 
Aus dem Laboratorium, wo er sie verlassen hat, ihre 
steten Meinungsverschiedenheiten gütlich zu ordnen, kommen 
Reichert und Grieninger, in neuem Streite seine Entscheidung 
anzurufen. Reichert will sich einem Direktor nicht fügen, der 
von der Sache nichts verstehe; hätte er gewußt, daß ein An 
derer ihm vorgesetzt werden solle, er hätte sein Geheimniß 
überall nicht preisgeben. Gotzkowsky wünscht, es wäre so 
geschehen; dennoch redet er zum Frieden. 
Ein Knabe eilt an ihm vorüber und einer der Werk 
meister schilt zailkend hinter ihm drein. 
Gotzkowsky hat aus dem Potsdamer Waisenhause über 
eiil Dutzend älterer Knaben versuchsweise in die Fabrik auf 
genommen, ihneil durch das Erlernen der Porzcllanfabrikation 
einen einträglichen Erwerbszweig für's Leben zugänglich zu 
machen. Kaum einer von den Knaben hat sich besonders be- 
anlagt erwieseir. Vielleicht sind sie überall noch zu jung oder 
es fehlt an der rechten Anleitung. 
Statt auf den Knaben zu schelten, wie auch Reichert 
thut, legt Gotzkowsky ihm mitleidig die Hand auf den Kopf 
und bestellt ihn auf den Abend in seine Wohnung. Was 
kann der arme Waisenabe dafür, wenn er sich für bett Er 
werbszweig nicht eignet? Ohne ihn um seine Neigung zu 
fragen, hat inan ihn hergeschickt und man wird ihn fort 
schicken, ohne ihn zu fragen, ob er gehen oder bleiben will. 
Einer der Arbeiter tritt zu ihm heran- Er hat eine Taffe, 
die er geformt, mit kaltem Wasser gefüllt und an dem offenen 
Heerdfeuer, an das er sie gestellt, ist nun das Wasser um die 
Hälfte eingekocht, ohne daß die Taffe zersprang. Er will ge 
lobt sein, das ihm gelang, so festes Porzellan zu erzielen 
und Gotzkowsky lobt ihn willig. Ob durch Instinkt, ob 
durch ein zufälliges Zusainmentreffen günstiger Umstände, — 
gleichviel, dem Manne gelang's! Dies Gelingen ist's ja eben, 
das den Erfolg macht- Er beschaut aufmerksam die Taffe. 
Ja, nur was aus festen Stoffen gefügt ist, kann äußeren Ein- 
flüffen widerstehen! Wäre doch auch er nur aus härterem 
Stoff gebildet! Noch ein paar Schläge wie der heutige, und 
seine Widerstandskraft ist erlahmt! Mit schnellem Gruß verläßt 
er die Räume und da einer der Werkführer mit der Arbeit 
innehält, ihn nachzusehen, meint er, der Blick solle ihn mahnen, 
daß morgen Löhnungstag sei und ob er vielleicht doch mehr 
Verpflichtungen übernommen habe, als er zu erfüllen im 
Stande sei? 
An seinem Schreibtisch stehend sinnt er, wie er am 
Besten dem Könige die Sache klarlege. Nein! dem Könige 
selber kann er nicht schreiben: der König ist sein Gläubiger, 
er der Schuldner. Wenn er sonst mündlich oder schriftlich 
sich an ihn gewandt hat, ist es im Interesse Anderer ge 
schehen; nie hat eine Unterredung geendet, die ihn nicht zu 
einem neuen, gemeinnützigen Unternehmen gedrängt hätte. 
Wollte er jetzt das ihm wiederholt verheißene schützende Wohl 
wollen erbitten, so hieße es nur an eine Schuld mahnen, 
während er selbst doch des Königs Schuldner ist, und den 
Schutz des Königs gegen ein Gesetz erbitten, daß dieser selbst 
gegeben hat. — Er läßt es mit einem beweglichen Schreiben 
an das königliche Generalpostamt bewenden. Aus die Ant 
wort darf er nicht lange warten. Vom derzeitigen Finanz 
minister, dem Grafen Götter, läuft nachstehende Resolution ein:
        
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