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Periodical volume 21. Februar 1885, Nr. 21

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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Nur der eigentliche Gründer, der Techniker Reichert, geht seine 
eigenen Wege und fügt sich widerwillig Grieninger's Ober 
leitung. Nur widerstrebend hat er ihn in Gotzkowsky's 
Begleitung heute in die Kainmer eingelassen, in der er die zu 
bereiteten Materalien nach bestimmtem Gewicht und Maße 
zur Glasur vermengt. Grieninger so wenig wie Gotzkowskh \ 
haben irgend welche Vorkenntnisse von der Porzellanbereilung. 
Durch seine vielfachen geschäftlichen Sorgen allzusehr bean 
sprucht, kann überdies Gotzkowskh sich um die Fabrik nicht 
kümmern, wie er möchte. 
Ihre Entwicklung freut ihn, aber ihre Erhaltung macht 
ihm Sorge. Wiederholt schon hat Grieninger an Löhnungs 
tage erinnern müssen und an den rückständigen Lohn, den die 
Arbeiter zu fordern haben. 
Er hat gehofft, daß die Fabrik sich bald selbst erhalten 
sollte; aber bald trägt die Form des Ofens, bald das 
Feuerungsmaterial Schuld, daß die Brände mißrathen; und 
im Farbenlaboratorium ist bald wegen kalter Witterung keine 
Purpur-, wegen warmer keine hochrothe Farbe zu erzielen. 
Auch der Absatz der Waare ist gering, und doch wollen 
Beamte und Arbeiter pünktlich bezahlt sein. 
Ist erst die Leipziger Kontributionsschuld geordnet, hat 
er wieder reichlichere Mittel zur Verfügung; aber die augen 
blickliche Verlegenheit bedrückt ihn. — Von Czar Peter, der 
nach der Czarin Tode ihr gefolgt ist, hat er bei seiner 
preußensreundlichen Gesinnung eine schnellere Befriedigung seiner 
Forderungen erhofft; aber die Abrechnung läßt vergeblich auf 
sich warten. 
Seine Forderungen an die sächsischen Lande allein be 
tragen die für einen Privatmaitn seiner Zeit ungeheure Summe 
von fast zwei Millionen Thalern. — Von den in Hamburg 
aufgenommen 400 000 Dukaten, seine Gutsage beim Könige 
zu decken, sind die ersten Sendringen von je 50 000 Thalern 
glücklich irr Leipzig eingetroffen und vom Feldkriegsdirektorium 
ist ihm über den Empfang quittirt. 
Die weiteren Sendungen, die, wie verabredet, durch 
sichere Fuhrleute in doppelten Boden ihrer Wagen versteckt, 
übergeführt werden sollen, sind rroch immer nicht gekvinnren. 
— Voll unruhiger Sorge denkt er daran, während er durch 
die Fabrikräume geht. 
Er hätte nimmer geglaubt, daß er je so sehnlich nach 
Geld verlangen könnte; und dazu darf er Niemand, ohne 
seinen Kredit zu schädigen, urn seine Sorgen wissen lasten. 
Solch Arbeiter ist doch glücklicher als er! Als er, ein 
einfacher Kominis, im Sprögel'schen Materialgeschäfte servirte, - 
wie sorglos lebte er; bescheiden, wie seine Mittel, waren seine 
Bedürfnisse; wie reich war er in seinen Hoffnungen! Seine 
hochsticgendcn Pläne in Rücksicht auf äußeren Wohlstand und 
einflußreiche Stellung haben sich verwirklicht; und dennoch, 
wie arin fühlt er sich jetzt! 
Kommt der Arbeiter heim, eilen Frau und Kinder ihm 
entgegen; mit der Frau mag er seine Pläne berathen und 
weiche Kinderhände streichen ihnr die Falten von der Stirn; 
sächsische Porzellanarbeiter gewaltsam nach Berlin überzuführen, da er > 
damals keinerlei Porzellanfabrik daselbst besaß; und 1763, als dieselbe ’ 
aus Gotzkowsky's in seinen Besitz überging, war er nach dem Huberts- 
burger Frieden, am 15. Februar 1763, nicht mehr in der Lage, solche ! 
Gewaltakte auszuführen. 
fast könnte er den schlichten Arbeiter beneiden. Hier und da 
bleibt er bei einem Arbeiter stehen, ihm zuzusehen. 
Hier ivird das Koalin, die Porzellanerde, die er aus den 
Thonlagern bei Halle bezieht, mit Feldspath gemischt, in den 
Schlämmbottichen gereinigt, geklärt unb getrocknet, um aufs 
neue zerrieben und geknetet zu werden. 
Dort sitzen vor ihren Drehscheiben die Former, schnellen 
sie mit den Füßen runher und wissen durch geschicktes Anlegen 
der Hände den unförmlichen Erdklumpen die gewünschte Form 
zu geben und durch Ansetzen und Ausschneiden sie künstlich zu 
verzieren. 
Im Raume dort tauchen die Arbeiter die langsam an 
der Luft getrockneten Geschirre in eine breiartige dünne 
Flüssigkeit, daß ihnen durch das Verglühen in den Oefen die 
nöthige Glasur werde. In einer oberen Etage sieht er die 
kunstvolleren Gefäße einzeln in besondern Kapseln verschlossen, 
von den Arbeitern, indem sie sorglichst die Hitzegrade geprüft, 
in den verschiedenen Etagen des Ofens unterbringen, dessen 
Thüre sie dann vermauern, daß ja die Erhitzung der Geschirre 
keine Unterbrechung erleide. Die nach zwölfstündigem Glühen 
und Abkühlen brauchbar befundenen Geräthe findet er in den 
Händen der Schleifer, der Vergolder und Maler wieder. 
Die rechten Metallverbindungen für die Farben müssen 
schwer zu finden sein. Dort wird Chrom und Eisen zum Grün, 
hier Gold mit Zinn zur Purpurfarbe verbunden. 
Grau und unscheinbar sehen meist die Farben aus, wenn 
die Pinsel der Maler sie auftragen; selbst die Mischung, deren 
die Vergolder sich bedienen, erscheint ein schwärzliches Grau. 
Erst durch erneutes Glühen wird jenen die rechte Farbe, diesen 
der goldige Glanz. — Wie viel Sorgen und Mühen um 
solch ein lebloses Geräth! 
Zerstreut sinnt er, wie so mancher Mensch im Leben 
ähnliche Läuterungsprozesse zu bestehen habe und wie im 
Feuer nicht jede Farbe, auch nicht Jeder im Geschick sich treu 
und recht bewähre; wie das kunstvolle Geräth nur sich formen 
lasse, wenn die Mischung die richtige war, auch nur der 
Mensch sein Leben recht gestalte, in dem die erforderlichen 
Eigenschaften sich richtig einten. 
Er hält eine kunstvolle Vase, die ein Arbeiter soeben dem 
Ofen entnommen und ihm gereicht hat, prüfend ans Licht. 
Gelang die Arbeit, so ist dies erste kleine Kunstwerk dem Könige 
zum Geschenk bestimmt, zum Beweise der Leistungsfähigkeit 
der neuen Fabrik, die Gotzkowskh, nur seinen Wünschen ent 
gegen zu kommen, angelegt hat. 
In Form und Farbe scheint die Arbeit wohlgelungen. 
Er klopft mit dem Finger daran, — kein Heller Klang, ein 
dumpfes Klirren nur, — die Vase hat einen Sprung, nur 
wo, das kann er sogleich nicht entdecken. 
Beim fragenden Aufblick zum Arbeiter hinüber, sieht er 
in ein verstörtes Gesicht. Sein erster Buchhalter ist, ihn zu 
suchen, ihm in die Fabrik nachgekommen. Er ahnt die 
Hiobspost, die der Mann ihm bringt, und sich hastig zu ihm 
wendend, entgleitet die Vase seiner Hand, — ein Klirren, 
und in Scherben liegt die Gabe, die dem Könige bestimmt, 
zertrümmert am Boden. 
Einen kurzen Allgenblick steht er wie betäubt; dann rafft 
er sich aus und überfliegt die Briefe und Zeitungen, die der 
Buchhalter ihm überbringt. 
Die von Hamburg abgesandten Gelder sind in Minden
        
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