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Volume 14. Februar 1885, Nr. 20

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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Miscellcri. 
Direktor Ö» A. Waagen, dessen Portrait, nach einer Krüger'schen 
Skizze, wir auf der ersten Seite bringen, hat während eines Zeitraums 
von 45 Jahren den größten Einfluß auf die Entwickelung der bildenden 
Künste in Berlin ausgeübt; er war am 11. Februar 1794 in Hamburg 
geboren und zwar als der Sohn des Malers Waagen. Den Feldzug 
von 1813 und 1814 hatte er als preußischer Freiwilliger mitgemacht, 
widmete sich in Breslau und Heidelberg historischen, literarischen und 
philosophischen Studien und nahm dann Aufenthalt in München und 
Berlin, wo er den Umgang mit Künstlern und Gelehrten mit Vorliebe 
gepflegt hat. Seit 1823 beschäftigten ihn Vorarbeiten für das Museum 
zu Berlin, bei welchem er 1830 zum Direktor der Gemäldegalerie 
ernannt wurde. Die Galerie bestand Anfangs nur aus Gemälden des 
Königlichen Hauses, welche Friedrich Wilhelm III. mit werthvollen Stücken 
aus der Sammlung Giustiniani (1815 erworben) und aus der 
Sammlung Solly (1821) vereinigt hatte. Ueber den damaligen Bestand 
und die späteren bedeutenden Erwerbungen stellte Waagen einen Katalog 
auf, der für die Benennung und die Geschichte der wichtigsten Bilder bis 
heute maßgebend geblieben ist. Seiner rastlosen Thätigkeit verdanken 
wir werthvolle Werke über „Kunst und Kunstwerke in Deutschland", 
„Kunstwerke und Künstler in England und Paris" und über „die deutsch 
niederländischen Malerschulen". Am 15. Juli 1868 starb er nach kurzem 
Krankenlager in Kopenhagen, bald nach der heftigen Fehde wegen ver 
unglückter Renovirung eines der berühmtesten Bilder. — 
Der Iiowan'sche Damplwagen in Werkin. Die bedeutende Ver 
kehrsteigerung, die der Westen Berlins durch den Kürfürstendamm voraus 
sichtlich erfahren wird, hat die den Ausbau dieser großartigen Straße 
leitende Gesellschaft veranlaßt, mit dem Ingenieur Rowan, dem Erfinder 
eines außerhalb bereits bewährten Dampfwagensystems für die Linie 
Zoologischer Garten—Grunewald in nähere Verbindung zu treten. Der 
Pferdebahnbetrieb, der sich in Berlin so außerordentlich lebhaft entwickelt, 
setzt eine ziemlich gleichmäßige und konstante Tagesbewegung solcher 
Massen voraus, die in Geschäften, zum Vergnügen oder aus andern Rück 
sichten von einem Stadttheil zu dem andern hinübersluthen und nach 
einer Weile wieder zurückkehren. Ein solcher Verkehr aber ist auf der 
Linie Zoologischer Garten — Grunewald nicht zu erwarten; hier 
wird vielmehr an Sonntagen namentlich Nachmittags und an Wochentagen 
dann, wenn in den Restaurants des Grunewatds irgend welche Festlich 
keiten stattfinden, Personen in sehr großer Zahl befördert zu werden 
wünschen, Während in der übrigen Zeit die Wagen wenig gebraucht würden. 
Es wäre deshalb unzweckmäßig, fortlaufend eine große Zahl von Pferden 
und Personal zu unterhalten, um nur gelegentlich einmal Alles in Betrieb 
stellen zu können. Man entschloß sich deshalb für das Romanische System 
der Dampfwagen, die so vervollkommnet sind, daß sie unbedenklich in - 
jeder Verkehrsader freigegeben werden können. Die Wagen haben im 
Ganzen ein, leichtes gefälliges Ansehen und gleichen bedeutend den großen 
Wagen der Berliner Pferdebahngesellschast. Sie sind ebenso lang, im 
Innern freundlich und luftig gehalten, gehen leicht auf den Schienen und 
erzielen durchgehends eine größere Geschwindigkeit. Die Pferde sind durch 
eine geräuschlose Maschine ersetzt, die auf dem Vorderperron ihren Platz 
gefunden. Um Belästigungen jeder Art zu vermeiden, mußten dabei 
Dampf und Rauch unbedingt beseitigt werden. Es geschieht dies dadurch, 
daß der Dampf nach einem Röhrensystem auf die Verdachung des Wagens 
geleitet und dort kondensirt wird, während zur Verzehrung des Rauches 
eine sinnreiche Vorkehrung in dem Kessel selbst angebracht ist. Die Wagen ! 
fassen 30 Personen, können noch einen zweiten Wagen mitnehmen, und 
sollen, wenn die polizeiliche Genehmigung ertheilt wird, nach Vollendung 
der Linie alle zwölf Minuten von dem nördlichen Ende des Kurfürsten- j 
dammes, neben dem Zoologischen Garten, abgelassen werden. Bei den 
am Schluffe des vorigen Jahres vorgenommenen Probefahrten hat sich 
zweifellos herausgestellt, daß die passirenden Wagen- und Reitpferde von j 
dem Dampfwagen nicht gestört werden. 
Die Kedwigskirche vor ihrer Vollendung. (Hierzu eine Ab 
bildung.) Südlich des Opernhauses liegt die größte katholische Kirche j 
Berlin's, die Hedwigskirche, die trotz ihres pantheonartigen Aufbaues 
nach den Linden zu nur einen wenig erfreulichen Anblick gewährt. Daß 
Friedrich der Große sie nach dem Modell einer umgekehrten Tasse ! 
habe bauen lassen, ist ebenso unbegründet, wie die Sage, daß die König- ! 
liche Bibliothek einer Kommode nachgebildet sei. Der alte Fritz machte 
gute Bemerkungen und gute Witze, aber alles am rechten Orte. Das 
Vorbild der Bibliothek ist unter mancherlei Aenderung die Reitbahn in 
Wien und dasjenige der Hedwigskirche das Pantheon in Rom. Gleich 
wohl mag die Neigung des Königs bei der Auswahl des Bauplanes mit 
maßgebend gewesen sein, zumal er auch sonst in jeder Hinsicht den 
Katholiken entgegenkam und durch die großmüthige Schenkung des heute 
so werthvollen Bauplatzes und der Baumaterialien die Ausführung des 
Tempels ermöglichte. In den letzten Jahren Friedrich Wilhelm's I. 
wurde eine öffentliche Kapelle in der Krausenstraße eingerichtet, die 
daselbst wirkende Geistlichkeit aber von dem Kaiserlichen Hofe unter 
halten. Friedrich I. machte diesem Zustande ein Ende, indem er selbst 
die Gehälter jener Geistlichen übernahm und bald nach der Anstellung 
des Pater Eugenio Mecenati als französischen und italienischen Predigers 
das Edikt vom 22. November 1746 erließ und des genannten Paters Projekt 
einer eigenen katholischen Kirche in Berlin genehmigte. Anno 1747 
am 13. Juli, fand die Grundsteinlegung mit großer Feier statt, wobei der 
, Gouverneur von Berlin, Graf Haacke, den König vertrat. Der Papst 
berief bei der Nachricht hiervon sofort ein Konsistorium zusammen und 
spendete darin dem Edelmuth und der Toleranz des Königs ein unein 
geschränktes Lob — was ihn übrigens nicht hinderte, Friedrich den 
Großen in dem päpstlichen Kalender bis zum Jahre 1786 nur als 
Marquis de Brandebourg aufführen ju lassen. Gleichwohl war jenes 
Lob ernst gemeint und die Verkündigung des Kirchcnbaues zu Berlin 
brachte in Rom allein 57 000 Thaler für denselben ein; der Kardinal 
Quirini, ein großer Kunstfreund gab 8 000 Thaler, der Dominikaner 
orden sandte 5 000 Thaler, aus Spanien gingen über 18 000 Thaler 
ein. Selbst Voltaire betheiligte sich auf Quirinis Aufforderung durch 
ein — Lobgedicht auf den Kirchenbau, das aber keine Verwendung 
finden konnte. Nach wiederholten Stockungen in der Ausführung, die 
mit den Kriegen jener Jahrzehnte auf das Engste zusammen hängen, 
konnte durch Vermittelung des Oberbaudirektors Boumann die Kirche, 
! die schon in Gefahr war als Synagoge vollendet zu werden, 1773 am 
Feste Allerheiligen die Weihe erhalten. An dieser Feier nahmen auf An 
ordnung des Königs der Prinz von Preußen theil, ferner Prinz Friedrich 
August von Braunschweig und der Prinz von Hessen-Darmstadt. Bei 
der musikalischen Aufführung der Messe wirkten von der Kapelle des 
Königs die Sänger Conciliani, Porporino, Bedeschi, Tosoni und Grassi 
mit. — Unsere Abbildung stammt aus dieser Zeit, da die Sakristei noch 
unvollendet dalag. Die Architekten des etwa 35 Meter weiten Kuppel 
baues sind Büring, le Geay und Boumann. Den Namen hat die Kirche 
von der Gemahlin des Herzogs Heinrich von Schlesien, Namens Hedwig, 
die großartige Schenkungen an die Kirche gemacht hatte und 1266 durch 
Clemens den Vierten heilig gesprochen wurde. 
Hine gefährliche Kur. Der gelehrte Moehsen führt in seiner 
Geschichte der Chirurgie an dem Hofe des Königs von Ungarn einen 
Arzt Johann von Dokkenburg aus, der den Adel durch eine eigenthüm 
liche Kur erworben hat. Nach der Erzählung seines Schülers, des 
ebenso hervorragenden Hieronymus Braunschweig wurde der 
König Mathias von Ungarn im Jahre 1464 in einem Gefechte mit den 
Moldauern durch einen Pfeil verwundet und mußte an vier Jahre lang 
unter großen Schmerzen die Spitze im Arme stecken lassen. Er hatte 
nämlich an alle Aerzte einen Aufruf erlassen, ihn zu heilen; er wolle 
dem großes Gut geben, der ihm das Eisen ohne Schaden herauszöge; 
andernfalls aber solle Jener sein Leben verwirkt haben. 
Da endlich kam Hans von Dokkenburch, verband ihm di« Wunden, daß 
keine Ausscheidung mehr erfolgen konnte, und legte „abwendig der 
Wunden" ein kühlendes Mittel auf. Nach kurzer Zeit trat das Eisen 
so hervor, daß nach einem leichten Schnitt in die Haut Meister Hans 
das Eisen ohne Zange herausnehmen konnte, und der König gab ihm 
großes Gut und schlug ihn zu einem Ritter und Grafen. Es ist nicht 
unwahrscheinlich, daß Meister Johann aus Toggenburg in der Schweiz 
war und nachher zum Ritter von Toggenburg geschlagen wurde. Der 
König mochte dies um so eher thun, als geschichtlich nachweisbar die 
Besitzer von Toggenburg, die Freiherren von Ravon, in demselben Jahre 
(1469) diese Herrschaft an den Abt von St. Gallen abtraten, nachdem 
das Geschlecht der Toggenburger selbst 1436 erloschen war. — 
- w. 
Ans Werkin West-Welk. Die Straße Nr. 18, welche die Hardenberg 
straße mit dem Kurfürstendamm verbindet und die Straße Nr. 9 schneidet, 
hat mit Genehmigung des Kaisers den Namen „Wieland-Straße" 
erhalten. Bekanntlich sind die Namen Göthe's und Schillers schon durch 
benachbarte Straßen vertreten. — Die Straße Nr. 9, welche am Zoo 
logischen Garten ihren Anfang nimmt und bis zur Leibnizstraße führt, 
wird nach Vereinbarung der Adjacenten im Laufe dieses Sommers zum 
großen Theil in ihrer ganzen Breite regulirt werden. 
Aus der Wulimesljalle. An mehreren alten Geschützrohren im neu 
eröffneten Zeughause kann man kunstgewerbliche Technik studire». Wir 
erwähnen in dieser Hinsicht als das älteste Stück ein Orgelgeschütz säch 
sischen Ursprungs aus dem 17. Jahrhundert. Es weist an seinen 18 Läufen 
höchst kunstvolle Schmiedearbeit auf. An dem oberen Ende der aufrecht 
stehenden Spindel, um welche die Läufe sich drehen, ist die wirkungsvolle 
Figur eines Drachen angebracht, wovon das Geschütz wahrscheinlich den 
Namen führte. Die kunstvollste und reichste Arbeit aber zeigt unstreitig 
ein mächtiges Geschütz aus dem Jahre 1669, dasselbe, welches so lange 
im Kastanienwäldchen stand, bis es durch die aus dem französischen Kriege 
bekannte Valerie ersetzt wurde. Es dürfte das unsern Lesern bekannt, aber 
doch vielleicht nicht genugsam bekannt sein. Daß es nebst einem Schwester 
geschütz von gleichem Muster, weiches nach Wien gelangt ist, 1814 in 
Paris erbeutet wurde, brauchen wir wohl nicht zu erwähnen. Gegossen 
ist es von Albert Benningk, einem berühmten Geschützgießer aus Lübeck. 
Es scheint im Besitz der Generalstaaten von Holland gewesen zu sein, 
ehe es nach Paris gelangte. Oben am Bodenstück ist als Wappen der 
holländische schreitende Leu angebracht mit der Unterschrift: Vig.late con- 
fidentes. Die Traube ist mit einem Kranze symbolischer Figuren verziert. 
Die deiden Henkel (Delphine) zeigen ebenfalls sehr kunstvolle Arbeit. 
Das Zapfenstück ist von dem vorderen langen Felde durch einen Fries 
mit Marinedarstellungen in Relief getrennt. Das lange Feld selbst ist 
namentlich reich dekorirt mit Wappen, Inschriften und Figuren. Hier 
finden wir eine Inschrift, die einen Johan Gerard Hasselaer (wenn wir
	        
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